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Aktien Das Orakel von Chiang Mai

Seit 20 Jahren liegt Marc Faber mit seinen Börsenprognosen richtig. Nun sagt der Investmentguru den "großen Kollaps" voraus. Sollten Anleger jetzt wieder auf die Legende hören?
Von Jonas Hetzer
aus manager magazin 9/2007

Es war ein stickig-heißer Abend, die Luft war zum Schneiden dick. Marc Faber saß im Restaurant "Faces" im Zentrum Hongkongs, vor sich ein heilloses Durcheinander aus Tabellen, Grafiken und Analystenreports. "Die Kurse werden abstürzen", sagte er mit cooler Stimme, zog an seiner Zigarette und schaute zu seinen Gesprächspartnern hinüber, einer kleinen Gruppe von Finanzleuten.

Mit zufriedenem Grinsen registrierte er die Mischung aus ungläubigen Blicken, Kopfschütteln und Stirnrunzeln. Dass der Börse Hongkongs ein Einbruch bevorstehen sollte, schien an diesem Abend Anfang November 1992 der Wahnvorstellung eines Paranoikers zu entspringen. Die Kurse waren seit Monaten ohne Unterlass gestiegen. Der Hang-Seng-Index notierte auf einem Allzeithoch von 6350 Punkten, die Stimmung unter Händlern und Bankern war blendend.

Faber indes schien die Euphorie eher zu provozieren - und er war sich seiner Sache sicher. So sicher, dass er spontan eine Wette anbot. Der Einsatz: sein Pferdeschwanz, Fabers Markenzeichen. Einen Zentimeter seiner Haarpracht wolle er opfern für jeden 50-Punkte-Schritt, den sich der Index weiter nach oben bewegen würde.

Eine Woche später saß er im Nobelsalon "André Norman", um seine Wettschulden zu begleichen - der Hang Seng war um 96 Punkte gestiegen. Doch kaum waren die 300 Hongkong-Dollar für den Haarschnitt gezahlt, drehte sich der Markt. Binnen weniger Wochen sackte der Index unter 5000 Punkte. Faber hatte, wenn auch leicht verspätet, recht behalten.

Der Hongkong-Mini-Crash von 1992 steht in einer langen Reihe von düsteren Prognosen, mit denen Faber am Ende richtig lag. So riet er im Oktober 1987 wenige Tage vor dem "schwarzen Montag" zum Ausstieg aus der US-Börse. Zwei Jahre später prophezeite er das Ende der japanischen Aktienhausse. Auch die Asienkrise von 1997 und das Platzen der Technologieblase im Jahr 2000 sah Faber kommen (siehe Grafiken Seite 138). Und seit Herbst vergangenen Jahres warnt er vor einem neuerlichen großen Knall. Nicht umsonst hat er an den Finanzmärkten den Spitznamen Dr. Doom - der Untergangsprophet.

Mit seinen Analysen stellt er sich meist gegen den Mainstream an der Wall Street und in der Londoner City. Während viele Ökonomen und Analysten die Krise an den US-Immobilienmärkten kleinreden und die meisten Marktstrategen die Kursturbulenzen des Sommers nur als Korrektur in einem weiter anhaltenden Aufschwung deuten, warnt Faber vor "dem großen Kollaps". "Wir befinden uns in einer der größten Finanzblasen aller Zeiten", sagt er.

Sein Wort gilt etwas in der globalen Finanzgemeinde. Faber schreibt für das renommierte US-Finanzblatt "Barrons" und für das "Time Magazine". Sein monatlicher Anlagebrief "The Boom, Gloom & Doom Report" ist Pflichtlektüre vieler Investoren weltweit. Faber sitzt in den Anlagebeiräten diverser Fonds von Häusern wie Credit Suisse oder der Löwengruppe und in den Aufsichtsräten verschiedener asiatischer Investmenthäuser. Dort tritt er nicht nur als Mahner und Warner in Erscheinung, sondern als Querdenker auf der Suche nach genauso ungewöhnlichen wie attraktiven Investments (siehe Kasten Seite 140).

Seit über drei Jahrzehnten ist der in Zürich geborene Schweizer nun auf den Weltfinanzmärkten unterwegs, und er

gehört zu den wenigen, die ihren Ruf als Guru über die Börsenkrise der Jahrtausendwende hinweggerettet haben. Für Anleger lohnt es sich, bei dem notorischen Schwarzseher in die Lehre zu gehen.

Ruhe ist für den 61-Jährigen ein Fremdwort. 200 Tage im Jahr ist der Wanderprediger unterwegs, rund um den Globus. Er hält Vorträge oder redet auf Kundenveranstaltungen von Investmentgesellschaften. Er weiß, was von ihm erwartet wird, und er beherrscht seine Rolle perfekt.

Faber sagt, was er denkt. Ende der 90er Jahre etwa warf er auf einer Tagung der Investmentbank Chase Manhattan einen Blick auf die Verlierer des kommenden Jahrtausends. Ganz oben auf Fabers Liste: die Telekommunikationsindustrie. Das Publikum, das vor allem aus Vertretern der Branchengrößen Motorola, Nokia und Ericsson bestand, war not amused.

Die junge Bankerin, die nach ihm an der Reihe war, versuchte die Veranstaltung zu retten, indem sie die damals gängigen Wachstumsfantasien herunterbetete. "Sie konnten förmlich riechen, dass die Dame gerade ihren MBA gemacht hatte", lästert Faber, "vermutlich auf einer dieser prestigeträchtigen Business Schools, an denen Arroganz das Hauptfach ist."

"Roboter in Anzügen" nennt er ihresgleichen - er sieht sie auch heute noch am Werk. Und deshalb misstraut er dem Chor der Anlagestrategen und ihrer immer wiederkehrenden Melodie von den nach wie vor günstigen Aktienbewertungen in den USA, in Europa und in den Schwellenländern.

"Aktien sehen doch nur deshalb günstig aus, weil alle glauben, dass die Unternehmensgewinne weiter so stark steigen werden wie in den vergangenen Jahren, aber damit ist irgendwann Schluss", sagt er und verweist darauf, dass sich die Firmengewinne in den 30 OECD-Staaten seit Ende 2002 bereits verdoppelt haben.

Sobald aber die Gewinne einbrechen, etwa weil die Konjunktur sich abkühlt, kosten die Firmen im US-Index S&P 500 im Schnitt schlagartig nicht mehr wie derzeit das 14-Fache ihrer Gewinne, sondern das 18- oder 20-Fache. Ähnliches gilt für die günstigen europäischen Börsenbarometer wie den Dax oder den EuroStoxx. "Sobald die Gewinne ins Rutschen geraten, kommen auch die Kurse unter Druck", warnt Faber.

Die größte Gefahr sieht er allerdings dort, wo viele den stärksten Pfeiler des Weltfinanzsystems vermuten: in der US-Notenbank, der Fed. "Die niedrigen Zinsen der vergangenen Jahre haben die Märkte mit Geld geradezu geflutet", warnt er: "Ob Private-Equity-Häuser, Hedgefonds, Pensionskassen oder auch Privatanleger - alle haben auf Pump gekauft. In der Folge sind die Preise aller Anlageklassen von Aktien über Immobilien bis hin zu Kunst und Luxusuhren regelrecht explodiert."

Die Fed, so sieht es Faber, steckt in einer Falle, aus der sie nicht mehr herauskommt. Sollte sich die Immobilienkrise in den USA weiter verschärfen, dürfte Notenbank-Chef Ben Bernanke schon bald die Zinsen senken, um eine Rezession zu vermeiden. Für den Profiinvestor ein fataler Schritt: "Am Ende wird diese Politik in eine neue Hyperinflation münden" - womit Faber beim größten anzunehmenden Finanzunfall und am Ende seiner Untergangspredigt angelangt wäre.

Bis hierhin werden ihm die wenigsten folgen wollen - aber das ist ihm ziemlich egal. Auf Mehrheitsmeinungen hat er noch nie großen Wert gelegt. Das war schon Anfang der 70er Jahre so, als er statt in London oder New York seine Karriere in Hongkong vorantrieb. Die asiatischen Börsen waren zu dieser Zeit noch nahezu unbedeutend, Tokio ausgenommen. Aus dieser Zeit hat er seine distanzierte Sicht auf die traditionellen Märkte - und seine tiefen Einblicke in die asiatische Wirtschaft.

Faber pfiff auf Broker oder Fondsmanager und zog lieber bis spät in die Nacht mit chinesischen Geschäftsleuten durch die Privatklubs der damaligen Kronkolonie, zu denen Europäer sonst kaum Zugang hatten. Nachdem sein erster Arbeitgeber von der US-Investmentbank Merrill Lynch geschluckt worden war, übernahm er die lokale Niederlassung von Drexel Burnham Lambert, der Bank des Junk-Bond-Königs Michael Milken. Als die pleiteging, machte er seine eigene Firma auf, die Marc Faber Ltd., die nur aus ihm und einer Assistentin besteht.

Anders als etwa die Investoren-legende Warren Buffett sucht Faber nicht nach einzelnen günstig bewerteten Unternehmen mit hohem Potenzial. Wenn er an einen Markt glaubt, will er möglichst viel davon - Aktien, Immobilien, Unternehmensbeteiligungen.

Beispiel Vietnam: Bereits Anfang der 90er Jahre war er davon überzeugt, dass sich in dem durch jahrzehntelange Kriege gebeutelten Land eine ungeheure Dynamik entfalten würde. Vor allem der Tourismus und die Immobilienmärkte in den Wachstumszentren Ho-Tschi-minh-Stadt und Da Nang sollten davon profitieren.

Faber suchte sich Partner für Hotelprojekte und beteiligte sich an der Indochina Capital, einer Investmentfirma, die sich in vietnamesische Unternehmen aus allen Branchen sowie Immobilien- und Tourismusprojekte einkaufte. Die Wette ist aufgegangen: Vietnam gehört heute zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften Asiens, Fabers Einsatz hat sich vervielfacht.

Während Faber Anfang der 90er Jahre vor allem das Vermögen seiner Kunden verwaltete, ist er heute hauptsächlich mit eigenem Geld unterwegs. Neue Kundengelder nimmt er schon seit Jahren nicht mehr an. Etwa 300 Millionen Dollar von rund 20 Klienten betreut er noch.

Sein Kerngeschäft heute heißt: "The Gloom, Boom & Doom Report". Rund 2000 Abonnenten weltweit, darunter viele institutionelle Investoren, zahlen für die Postille 600 Dollar im Jahr.

Seinen Firmensitz in Hongkong besucht er inzwischen nur noch sporadisch. Fabers Hauptquartier liegt mittlerweile in Chiang Mai im Norden Thailands. Dort, in seinem gut 100 Quadratmeter großen Arbeitszimmer, studiert er Zahlenkolonnen, liest Analystenreports und volkswirtschaftliche Studien. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen und Bücher. In den fünf Meter hohen Regalen stehen mehrere tausend Bände, darunter auch viele Originalausgaben der ökonomischen Klassiker von Adam Smith und David Ricardo bis zu John Stuart Mill. "Das Wenigste davon", sagt er, während er die Füße auf den Schreibtisch legt, "habe ich wirklich gelesen."

Der Raum, der an einem Ende in eine 25 Meter hohe Galerie mündet, erinnert an ein Museum. An den Wänden hängen chinesische Agitprop-Plakate, Porträts von Fidel Castro, Che Guevara und Faber selbst, vor allem aber von Mao Zedong. Und die große Holztür zum Garten ist umrahmt von Dutzenden von Mao-Keramikplaketten.

Gekauft hat Faber die Memorabilia noch zu Lebzeiten des Revolutionsführers. Nicht dass er Mao verehren würde, für einen wie ihn ist die ganze Sache ein Investment. Das Kalkül war schlicht: Nach dem Tod des großen Vorsitzenden würde die Produktion der Fanartikel drastisch zurückgefahren, und irgendwann würde ihm der einst für Pfennigbeträge verhökerte Plunder von Sammlern aus der Hand gerissen werden. Es kam, wie es kommen musste. Fabers Sammlung aus Bildern, Büsten und Buttons dürfte heute ein Vermögen wert sein. "Das beste Investment, das ich je gemacht habe", sagt er.

Fabers Anlagephilosophie ist der Widerspruch: Wie bei den Mao-Andenken kauft er stets auf Märkten, die von der Masse der Anleger links liegen gelassen werden. Mitte der 90er Jahre etwa begann er, russische Aktien zu kaufen. Er sah, was andere übersahen: Wegen der damals grassierenden Rubel-Inflation waren die Papiere der einstigen Staatsfirmen in Dollar gerechnet spottbillig zu haben. Ein paar Jahre später stieg er mit satten Gewinnen aus.

Die Risiken dieser Wetten sind nicht zu verachten: Als Faber Ende der 90er Jahre auf fallende Kurse von Hightech-Aktien spekulierte, verlor er Millionen. Er hatte zu früh auf das Platzen der Technologieblase gesetzt. Dennoch: Faber ist alles andere als ein Zocker. Er verzichtet eher auf Gewinne, als allzu hohe Risiken einzugehen. "Eine langfristige Rendite von 5 Prozent ist gut", meint er.

Aktuell meidet er Aktien, die ihm trotz der jüngsten Kurseinbrüche noch nicht wieder günstig erscheinen. Als Schutz vor der, wie er glaubt, drohenden Hyperinflation rät er zu Gold und Immobilien, vor allem in Asien.

Für Dr. Doom ist nun die Zeit zu warten, bis sich wieder neue Gelegenheiten auftun. "Wirklich gute Anlagechancen", sagt Faber, "ergeben sich vielleicht einmal in zehn Jahren." Jonas Hetzer

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