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Das Netz der Frauen

Webgrrls: 30 000 Internet-Expertinnen rund um den Globus tauschen Fachwissen und Karrieretipps aus. Ihr Ziel: mehr Einfluss und Erfolg in der Internet-Branche.
aus manager magazin 2/2001

Wenn es um die Macht geht, ist in der schönen neuen Internet-Welt alles beim Alten: An der Spitze tummeln sich die Herren der Schöpfung.

Männer führen die meisten Dotcom-Unternehmen, Multimedia-Agenturen und Softwarebuden. Männer vergeben wichtige Jobs an Männer aus ihrem persönlichen Netzwerk.

Und die Frauen? Sie glauben, sie müssten den Weg nach oben möglichst allein schaffen.

Miriam Gottschalk (33), Pia Schaf (38), Annette Keller (31) und Tatjana Voss (30) finden, dass sich das ändern muss. Darum arbeiten sie - Marketingmanagerin, Internet-Unternehmerin, Informationsarchitektin und Kreativdirektorin aus Hamburg - bei den Webgrrls mit.

Die Webgrrls sind ein weltweites Business-Netzwerk von Frauen in der Internet-Wirtschaft. 30 000 weibliche Fach- und Führungskräfte rund um den Globus haben sich dem Verbund angeschlossen. Webgrrls tauschen sich über ihre Fachgebiete aus, geben Jobangebote und Kontakte weiter und unterstützen einander beim beruflichen Aufstieg.

Webgrrls seien, erläutert Miriam Gottschalk mit Nachdruck, kein Quasselklub, der ein bisschen Nestwärme in die Hightech-Welt bringen will. Was dann? "Eine Organisation von Internet-Profis für Internet-Profis und solche, die einen Internet-Beruf anstreben."

Miriam Gottschalk hat die Hamburger Regionalgruppe der Webgrrls aufgebaut und sitzt im Bundesvorstand. Eigentlich lastet ihr Beruf sie ganz gut aus. Im E-Business Innovation Center von IBM in Hamburg gehört die Online-Marketingexpertin zur Riege der Top-Führungskräfte unterhalb der Geschäftsführung. Ihre knappe Freizeit investiert Gottschalk in die Webgrrls, weil ihr das Netzwerk handfesten Nutzen bringt.

Auf Veranstaltungen der Organisation lernte sie zwei ihrer heutigen Mitarbeiterinnen kennen. "Auftreten, Fachwissen, sympathisch oder nicht - ich konnte mir die beiden genau an-sehen, bevor ich sie zu einem Vorstellungstermin eingeladen habe."

Das Konzept der Webgrrls stammt von Aliza Sherman, einer New Yorker Internet-Unternehmerin. Sie stellte 1995 eine eigene Homepage ins Netz, auf der sie am Internet interessierte Frauen aufforderte, untereinander Kontakt aufzunehmen. Heute gibt es Webgrrls in 80 Ländern, etwa 8000 sind es in Deutschland.

Das fröhliche Seilschaften funktioniert, obwohl die meisten Webgrrls sich persönlich nie begegnet sind. Ihr Medium ist das Netz.

Das Herz der Organisation sind die nationalen Web-Seiten. Die deutsche Homepage (www.webgrrls.de) benennt die Grundregel des Netzwerkens: "First give, then take." Soll heißen: Wer sich nützlich macht, darf darauf vertrauen, dass auch andere helfen, wenn es nötig ist.

Ab dem Frühjahr wird der volle Zugriff auf alle Webgrrls-Seiten 90 Euro kosten. Dass dieser Kostenbeitrag Karteileichen und jene Mitglieder aus dem Zirkel vertreiben könnte, die das Prinzip der Gegenseitigkeit hartnäckig ignorieren, ist durchaus erwünscht.

Der Austausch erfolgt über Mailinglisten - schwarze Bretter des Internets -, die über die Homepage abonniert werden können. Über diese Listen zu den Themen Job, Business, Privates und Web-Entwicklung verschicken die Frauen ihre Anfragen und Diskussionsbeiträge.

"Habe Kommunikationsagentur ge- gründet - suche freie Programmiererin, die Aufträge übernimmt" wäre eine typische Anfrage. Oder: "CallCenter-Unternehmerin wünscht sich Austausch über Führungsverantwortung." Oder auch: "Muss nächste Woche nach Manchester. Suche gutes Hotel im Zentrum."

Einfach Anfrage in die Tastatur tippen, abschicken und fertig. Irgendeine Online-Verbündete weiß immer Rat.

Manche Frauen halten lockeren persönlichen Kontakt bei monatlichen Regionaltreffen, die in acht deutschen Großstädten stattfinden.

In einem Restaurant am Hamburger Hafen drängen sich an einem trüben Winterabend gleich 25 Neulinge, die meisten Mitte 20 bis Mitte 30. Passives Herumsitzen kommt hier nicht gut an. Nach kurzer Vorstellungsrunde fachsimpelt die Werbeleiterin mit der Online-Produkt-managerin, die Marketingassistentin plaudert mit der Mediaplanerin.

Auch Web-Exotinnen finden den Weg ins Netzwerk: Rechtsanwältinnen mit Schwerpunkt Online-Recht etwa oder Steuerberaterinnen. Andere suchen nach Studium oder Ausbildung den ersten Kontakt zur Branche.

Selbstständige - rund jedes fünfte Webgrrl hat seine eigene Firma - nutzen das virtuelle Netzwerk besonders intensiv. Pia Schaf zum Beispiel gründete vor sechs Jahren als One-Woman-Show ihre eigene Internet-Agentur in Hamburg. Heute hat sie zwölf Mitarbeiter. Mehrere wichtige Aufträge hat die Unternehmerin über die Webgrrls akquiriert.

Bleibt nur die Frage, warum die Webgrrls eigentlich das doppelte R im Namen führen? Schaf: "Ganz einfach. Klingt schön bissig." Eva Buchhorn

Service

Nutzwert für Online-Expertinnen bieten nicht nur die Webgrrls. Der Informationsdienst www. womanticker.de wendet sich mit Nachrichten aus Politik, Web-Kultur und E-Commerce speziell an weibliche Internet-Fachkräfte. Unter www.women.de können sich selbstständige Frauen in ein Branchenbuch eintragen und eine Stellenbörse nutzen.

www.womanticker.de

www.women.de

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