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Das Millionengrab

SachsenLB: Wie Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid die Kreditmanager des Leipziger Instituts austrickste.
Von Anne Preissner
aus manager magazin 7/2004

Die Mission war delikat. Im Auftrag von Rainer Fuchs (43), Vorstand der Landesbank Sachsen, spähte Privatdetektiv Uwe-Jens Wittig Ende 2002 ehemalige Mitarbeiter des Leipziger Geldhauses aus. Prominenteste Zielperson: Eckhard Laible (64), bis Ende 2001 Kreditvorstand der SachsenLB und seit April 2002 Leiter der Landesentwicklungsgesellschaft Baden-Württemberg (LEG), einer Tochter der Landesbank Baden-Württemberg.

Wittig, einst Sicherheitsspezialist des DDR-Innenministeriums, sollte heißes Material aufspüren: Hinweise auf betrügerisches Verhalten von Ex-Mitarbeitern im Zusammenhang mit einem 102-Millionen-Euro-Kredit an den Gründer der Mobiltelefonfirma Mobilcom, Gerhard Schmid (52). Das Geld, gedacht zum Bau eines gewaltigen Büro- und Wohnkomplexes in Kiel, hat Schmid größtenteils für Aktienkäufe verwendet; er selbst ist heute insolvent und angeklagt unter anderem wegen Untreue.

Die Ermittlungen des Bankspions verliefen im Sande. Und die Spitzel- aktion wäre wohl niemals ruchbar geworden, wenn nicht Vorstandschef Michael Weiss (59) und sein Kollege Fuchs im Februar dieses Jahres durch andere Beschuldigungen ins Gerede gekommen wären: überteuerter Dienstwagen, Vetternwirtschaft und Abhören von Bediensteten.

Weiss ist mittlerweile durch ein Gutachten von Wirtschaftsprüfern entlastet. Auch die gegen Fuchs eingeleiteten Vorprüfungsverfahren der Staatsanwaltschaft Leipzig wegen unerlaubter Telefonabhöraktionen gegen Mitarbeiter und Falschaussage unter Eid wurden unlängst ohne Ergebnis eingestellt.

Ungeklärt - weil nicht Gegenstand der Untersuchungen - blieb indes die Frage, was Fuchs veranlasste, ehemaligen Managern seines Hauses nachschnüffeln zu lassen. Was lief schief bei der Vergabe des Schmid-Kredits, und warum witterte er gar Betrug?

So viel scheint festzustehen: Eine Reihe von Sachsen-Bankern, allen voran der ehemalige Kreditvorstand Laible, haben ihre Prüf- und Informationspflichten im Fall Schmid offenbar sträflich vernachlässigt.

Aufschluss über das Desaster gibt ein bis heute unter Verschluss gehaltener Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, den Sachsens Finanzminister Horst Metz (58), zugleich Vorsitzender des Verwaltungsrats der SachsenLB, im Oktober 2002 angefordert hatte.

Das Gutachten, das manager magazin in wesentlichen Auszügen vorliegt, stellt den beteiligten Bankern ein verheerendes Zeugnis aus. So sei nicht nur die "in der Bank geltende schriftliche Ordnung" verletzt worden, sondern es wurden auch "zahlreiche Darlehensbedingungen und -auflagen ... überhaupt nicht beachtet", kritisiert Ernst & Young.

Mit augenscheinlich fatalen Folgen: Aus dem einstigen Kieler Prestigeprojekt wurde eine Investitionsruine, die zwangsversteigert werden soll. Bereits im Jahr 2002 musste die SachsenLB 35 Millionen Euro auf ihr Schmid-Engagement abschreiben.

Dabei hatte alles so viel versprechend angefangen. Als der Mobilcom-Gründer im Mai 2000 über einen Finanzdienstleister die Kreditkonditionen für sein Kieler Bauprojekt bei der SachsenLB eruieren ließ, war er noch ein begehrter Geschäftspartner.

Gerade hatte sich der Staatskonzern France Télécom mit 28,5 Prozent an Mobilcom beteiligt. Schmid besaß eine Put-Option auf den Verkauf weiterer 33 Prozent an die Franzosen.

So war es nicht weiter erstaunlich, dass der Maurersohn aus Selb große Pläne schmiedete: Eine Bank wollte er gründen, eine Lottogesellschaft rief er ins Leben; das Mega-Bauprojekt in Kiel sollte auch als Sitz für Mobilcom dienen.

Als Schmid sich um einen Kredit für die Bebauung seines 15 500 Quadratmeter großen Grundstücks in Kiel bemühte, brauchte er nicht zu betteln. "Die Banken liefen mir nach", sagt er. Besonders die Geldgeber der SachsenLB folgten dienstbeflissen den Wünschen des Herrn Schmid.

Per Eilabstimmung genehmigten Vorstandschef Weiss, Kreditvorstand Laible und zwei weitere Mitglieder des Gremiums am 13. Juni 2000 einstimmig die Kreditvorlage ihrer Immobilienexperten.

Wiederum in einer Eilentscheidung genehmigte der Vorstand der SachsenLB am 29. Juni 2000 eine modifizierte Kreditvorlage, die die Darlehensbesicherung einschneidend veränderte. Auf besonderen Wunsch Schmids verzichtete das Leipziger Institut auf eine dingliche Teilbesicherung des Baudarlehens und akzeptierte Mobilcom-Aktien als alleiniges Pfand.

Am 19. September wurde der endgültige Darlehensvertrag über 102,3 Millionen Euro an Schmid geschickt. Der unterschrieb laut Prüfbericht ohne Angabe von Ort und Datum. Am 2. Oktober 2000 lieferte Schmid demnach seine Sicherheiten. Er ließ 1,875 Millionen Stück Mobilcom-Aktien zu einem Kurswert von 139,875 Millionen auf ein Depot der SachsenLB übertragen.

Die Banker glaubten sich auf der sicheren Seite. Der Kreditvertrag sah ausdrücklich vor, dass die Mittel ausschließlich für das Bauvorhaben in Kiel zu verwenden seien. Zudem legten die Banker für Schmid eine Nachschusspflicht fest, sofern der Kurs der Mobilcom-Aktie eine bestimmte Schwelle unterschreiten sollte. Falls bereits abgerufene Teile der Kreditsumme aktuell nicht für das Projekt benötigt würden, müssten sie - in Abstimmung mit der SachsenLB - mündelsicher angelegt werden.

Doch Schmid-Schlau hatte Besseres vor. Kurz nach Abschluss wurde der Kreditvertrag handschriftlich von einem Abteilungsleiter maßgeblich geändert und von Schmid gegengezeichnet. Die Ergänzung sah vor, dass eine kurzfristige Zwischenanlage des Darlehens auch in Aktien der Mobilcom AG und deren Tochter Freenet AG erlaubt sei.

Erst am 26. Oktober wurde Kreditvorstand Laible per Aktenvermerk von seinen Abteilungsleitern über die Vertragsergänzung informiert. Das Vorgehen wurde damit begründet, dass das Geschäft mit Schmid sonst nicht zustande gekommen wäre.

Laible nickte die Änderung nach Erkenntnissen der Prüfer ab, obwohl er verpflichtet gewesen wäre, die übrigen Vorstände und Kontrollgremien der SachsenLB über die wesentliche Korrektur zu unterrichten.

Für Schmid lief es bestens. Am 20. Oktober hatte er bereits knapp 51 Millionen Euro seines Darlehens abgerufen - überwiegend zum kursstützenden Kauf von Mobilcom-Aktien.

Wiederum versäumte es Kreditvorstand Laible, die Finanzcontroller der Bank von den Aktienkäufen zu unterrichten, von denen er "nachweislich seit 23.11.2000" wusste, so Ernst & Young.

Die kontinuierlichen Käufe konnten den Verfall des Mobilcom-Papiers nicht aufhalten. Zwischen dem 6. Oktober 2000 und dem 31. Mai 2001, der Auszahlung der ersten und der letzten Tranche des Kredits, fiel der Kurs von 66 Euro auf 18,80 Euro. Vermutlich 70 Prozent des gesamten Darlehens setzte Schmid für Käufe von Mobilcom-Aktien ein. In das Kieler Projekt flossen nach seinen Angaben 30 Millionen Euro.

Eine vertragskonforme Absprache über die Zwischenanlagen hat "nach unseren Erkenntnissen ... niemals stattgefunden", monieren die Prüfer von Ernst & Young.

Nicht nur das: "Bei keiner der insgesamt acht Teilvalutierungen war zum Zeitpunkt der Mittelabrufe der notwendige Verwendungsnachweis vorhanden", stellten die Experten fest.

Eine Serie von Verstößen gegen bankübliche Regeln und Kontrollen lasten die Wirtschaftsprüfer den damaligen Kreditmanagern an. Von denen sind - neben Laible - vier weitere Hauptverantwortliche nicht mehr für die Sachsen-LB tätig.

Erst im Mai 2001 sicherte sich das Geldhaus neben Mobilcom-Aktien auch Grundpfandrechte an den Schmid-Grundstücken in Kiel im Wert von knapp 20 Millionen Euro.

Am 19. März 2002 schließlich kündigte das Institut vorzeitig den Kredit, weil Schmid seinen Zahlungsverpflichtungen immer zögerlicher nachkam. Im Depot der SachsenLB lagen zu diesem Zeitpunkt 5 675 000 Stück Mobilcom-Aktien, deren Wert immer weiter verfiel. 2003 konnten die Papiere für rund 64 Millionen Euro platziert werden.

Noch hat die SachsenLB Chancen, den Schaden zu verringern: durch eine Zwangsversteigerung der Kieler Großimmobilie. Bis es so weit ist, kann noch einige Zeit vergehen. Formal ist Ex-Mobilcom-Chef Schmid bis heute Eigentümer des Baukomplexes. Mit Einsprüchen und Prüfbegehren zögert er den Beginn der Auktion hinaus. Anne Preissner

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