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Vorstandsgehälter Das Gesetz der grossen Zahl

Das System, nach dem Europas Topmanager bezahlt werden, ist außer Kontrolle. Es ist tendenziell zu großzügig und setzt vielfach die falschen Anreize. Eine mm-Studie zeigt, welche Manager ihr Geld wirklich verdienen und welche nicht.
aus manager magazin 6/2008

Seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten steht die Formel nun unverändert fest. Und sie hat Wendelin Wiedeking (55) zu einem der bestbezahlten Manager Europas gemacht. Vor seinem Amtsantritt im Herbst 1992 hatte sich der Porsche-Chef ein für damalige Verhältnisse reichlich ungewöhnliches Vergütungspaket in seinen Arbeitsvertrag hineinschreiben lassen. Er verzichtete auf ein üppiges Fixgehalt und koppelte seine Bezüge an den Firmenerfolg - geschätzte 0,9 Prozent der Konzerngewinne sollen ihm danach zustehen.

Schon in der Zeit als Porsche sein Geld noch ausschließlich mit dem Bau schneller Autos verdiente, dürfte Wiedeking bis zu 15 Millionen Euro mit nach Hause genommen haben - mehr als Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (60), der seit einem halben Jahrzehnt als bestbezahlter Chef im Dax gilt.

In die Sphären von US-Firmenlenkern katapultierte die Formel den Porsche-Chef aber erst, als die Sportwagenfirma damit begann, sich über die Terminmärkte große Aktienpakete des Volkswagen-Konzerns zu sichern. Der daraufhin einsetzende Höhenflug der VW-Aktie ließ Porsche im Jahr 2007 wie einen Hedgefonds mit angehängter Autoproduktion erscheinen.

An der Grenze von sechs Milliarden lag der Gewinn des Jahres 2007, auf 72 Millionen Euro dürfte sich Wiedekings Salär belaufen haben. Zwei Drittel von Ertrag und Chefgehalt sind dabei auf die Finanzmarkttransaktionen und nur ein Drittel ist auf das eigentliche Kerngeschäft zurückzuführen.

Wiedekings Gehaltsabrechnung zeigt in extremer Form, wie groß der Einfluss der Börse auf die Gehälter der Konzernchefs inzwischen auch in Deutschland geworden ist.

Ohne opulente Optionsprogramme oder die großzügige Ausgabe virtueller Aktien wäre das durchschnittliche Gehalt eines Konzernchefs im Dax zwischen Ende 2002 und Ende 2007 nicht um knapp 67 Prozent von gut 2,9 auf rund 4,9 Millionen Euro emporgeschnellt. Allein im vergangenen Jahr lag der Gehaltszuwachs der Dax-Konzernlenker noch einmal bei etwas mehr als 13 Prozent.

Ohne kapitalmarktfixierte Anreizsysteme und Vergütungselemente hätte sich die Schere zwischen Normalverdienern und Topmanagern nie so dramatisch geöffnet, dass der Vorstandschef eines Dax-Konzerns inzwischen 52-mal so viel verdient wie ein durchschnittliches Belegschaftsmitglied und nicht mehr nur das 20-Fache wie noch 1997.

Und ohne die kurzfristigen Belohnungen vieler Vergütungsprogramme hätte die Krise an den US-Immobilienmärkten nach Meinung des Financial Stability Forums, eines Zusammenschlusses hochrangiger Zentralbanker, nicht so tiefe Spuren an den Börsen hinterlassen.

Das System, das Managervergütung und Börsenentwicklung aneinanderkettet, scheint vielfach außer Kontrolle geraten zu sein. "Es ist in Teilen dysfunktional und tendenziell zu großzügig", sagt der Hamburger Wirtschaftsprofessor und Managementkritiker Michael Adams: "Zu viele Anreize gehen vor allem im Bankbereich in die falsche Richtung und unterstützen eine langfristige und nachhaltige Performance kaum."

Etwa zwei Milliarden Euro hat dieses System den rund 750 Vorständen der Konzerne aus Dax, M-Dax und Stoxx im Jahr 2007 eingebracht. Aber wie viele Manager waren ihr Geld wirklich wert? Welche Konzernchefs lieferten tatsächlich eine Leistung ab, die ihr Millionensalär rechtfertigt?

manager magazin hat die Vergütungspakete der Chefs der größten deutschen und europäischen Börsenfirmen zusammen mit Managementprofessor Joachim Schwalbach von der Berliner Humboldt- Universität und renommierten Gehaltsexperten analysiert. Die Studie zeigt, welcher Unternehmenslenker erstklassige Arbeit ablieferte und wer trotz bescheidener Leistung üppig kassierte.

Das Ergebnis belegt zumindest für den Dax, dass hohe Summen sehr wohl durch Leistung gerechtfertigt sein können. So liegt etwa Karl-Ludwig Kley (56), Chef des Darmstädter Pharmakonzerns Merck, mit einem deutlich überdurchschnittlichen Gehalt von 7,6 Millionen Euro auf Rang zwei der Dax-Leistungsskala (siehe Tabelle Seite 86) Und auch Porsche-Chef Wiedeking würde, wenn man die um die Kapitalkosten bereinigten Eigenkapital- und Aktienrenditen als Maßstab nimmt, noch in der oberen Hälfte der Dax-Liga landen.

Ganz unten dagegen finden sich Großverdiener wie Daimler-Lenker Dieter Zetsche (55), der trotz unterdurchschnittlicher Renditekennziffern 9,6 Millionen Euro kassierte. Und auch Tui-Chef Michael Frenzel (61), der mit einem Gehaltsaufschlag von über 120 Prozent gegenüber dem Vorjahr den größten Einkommenszuwachs aller Konzernchefs im Dax verbuchen konnte, ist den Berechnungen der mm-Gehaltsexperten zufolge keineswegs ein Jahressalär von 4,5 Millionen Euro wert.

Besonders krass fällt das Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung in der europäischen Finanzindustrie aus: Neun der zehn am schlechtesten platzierten Unternehmen stammen aus dem Bankensektor. Der Lohn für die betroffenen Vorstände: insgesamt rund 300 Millionen Euro.

Der Ausbruch der Subprime-Krise in den USA hat die Schwächen der Vergütungssysteme in den Banken gnadenlos offengelegt. Je nach Abteilung werden in den Geldhäusern bis zu drei Viertel der Gehälter erfolgsabhängig ausbezahlt. Die enormen Gewinne und die daraus resultierenden immensen Gehälter der vergangenen Jahre, sagt etwa der einstige IWF-Chefökonom und heutige Finanzprofessor an der Universität von Chicago, Raghuram Rajan, seien keineswegs auf die überragenden Fähigkeiten des Managements zurückzuführen gewesen. Die Banker, so sieht es der Finanzmarktforscher, hätten sich Gewinn- und Einkommensentwicklung einfach durch höhere Risiken erkauft.

Als sich die Gewinne aus den schlecht besicherten Finanzkonstruktionen auf einmal in Verluste verwandelten, waren die Boni für Manager und Händler längst ausbezahlt. So auch beim Schweizer Finanzriesen UBS. Fast eine halbe Milliarde Euro kassierte die Konzernspitze um den inzwischen zurückge-tretenen Verwaltungsratspräsidenten Marcel Ospel (58) zwischen Ende 2002 und Ende 2006. Selbst im Katastrophenjahr 2007 betrug die Gesamtvergütung des Topmanagements noch immer üppige 49 Millionen Euro.

Summen dieser Größenordnung, die in keiner nachvollziehbaren Beziehung zur Leistung stehen, haben die Gehälter der Wirtschaftselite zum gesellschaftlichen Reizthema werden lassen - in Deutschland genauso wie im Rest von Europa. "Es ist einfach nicht mehr hinnehmbar, dass bestimmte Unternehmenschefs von übermäßigen Gehältern profitieren, die nicht im Zusammenhang mit der Leistung stehen", stellte etwa Jean-Claude Juncker, Vorsitzender der Euro Gruppe und Premierminister Luxemburgs, fest.

Gerichtet war die Attacke gegen gescheiterte Konzernherren wie Rijkman Groenink (58), bis Herbst vergangenen Jahres Chef des niederländischen Finanzkonzerns ABN Amro. Sieben Jahre lang hatte der Banker vergeblich versucht, seinem Unternehmen den Anschluss an die europäische Spitze zu verschaffen. Am Ende wurde der Konzern von der Konkurrenz übernommen und zerschlagen. Groenink hat gleichwohl ausgesorgt: Zu den 4,3 Millionen Euro Abfindung kommen Optionen im Wert von 26 Millionen Euro, die ihm in seiner Zeit als Konzernchef zugeteilt worden waren.

Vor allem in Deutschland treiben die Vergütungspakete einen mächtigen Keil zwischen Unternehmensführer und politische Entscheidungsträger. Politiker und Gewerkschafter haben machtlos zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Konsens der Nachkriegsjahre durch die Globalisierung aufgekündigt wurde. Sie haben registriert, dass die Topmanager der großen Konzerne seit Jahren Kosten kürzen und die Belegschaften reduzieren. Und sie sehen mit Argwohn dabei zu, wie sich das Spitzenpersonal der deutschen Wirtschaft zunehmend an der internationalen Geldelite orientiert, immer höhere Summen verlangt und sie am Ende auch bekommt.

Zu welch atemberaubenden Ergebnissen der Kasinokapitalismus in Sachen Vorstandsgehälter führt, zeigt das auf der SAP-Hauptversammlung 2006 beschlossene Optionsprogramm. Bis zu 33 Millionen Euro werden auf einen Schlag an den Vorstand ausgeschüttet - wenn die Konzernspitze zuvor zwei Hürden gemeistert hat: Die SAP-Aktie muss erstens besser abschneiden als der GSTI Softwareaktienindex. Und der Börsenwert des Softwarekonzerns muss sich zweitens bis spätestens Ende Juni 2010 von 45 auf über 67 Milliarden Euro erhöht haben und sich anschließend sechs Monate lang über dieser Schwelle halten.

Seit Vorstandsgehälter und Kurs-entwicklung untrennbar miteinander verknüpft sind, kennt die Entwicklung der Vorstandsgehälter nur eine Richtung: nach oben. Und daran wird sich - vorausgesetzt die Börse stürzt nicht ab - auch wenig ändern. "Wir stehen in Deutschland erst am Anfang der Entwicklung", sagt etwa Jens Maßmann, Vergütungsexperte bei Ernst & Young (siehe Interview Seite 85).

Appelle zur Mässigung und Selbstbeschränkung, wie sie Bundespräsident Horst Köhler Ende vergangenen Jahres formulierte, verhallten bislang genauso wirkungslos wie der kalkulierte Wutausbruch, mit dem Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Gier der Managerkaste antwortete.

Nun sollen Gehälter und Abfindungen über schärfere Steuergesetze begrenzt werden - so sehen es zumindest ein Teil der EU-Finanzminister und die SPD. Die europäischen Finanzminister wollen hohe Abfindungen EU-weit nicht mehr als steuerlich abzugsfähige Kosten akzeptieren. Und in Deutschland könnten, wenn die Vorschläge einer SPD-Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Justizministerin Brigitte Zypries umgesetzt werden, Gehälter ab einer Million Euro nur noch zu 50 Prozent als Betriebsausgaben anerkannt werden.

Dass solche Grenzen nicht viel bringen, zeigt das Beispiel USA. Dort steht die Grenze von einer Million Dollar seit Anfang der 90er Jahre im Gesetz. Dennoch liegt das Durchschnittseinkommen des Vorstandschefs eines S&P-500-Konzerns bei über 15 Millionen Dollar.

Die deutsche Wirtschaftselite lässt sich von der Politikerschelte kaum irritieren. "Als ich zur Deutschen Bank kam, hatte ich zwei Millionen Mark. Wenn ich heute ein vergleichbares Gehalt hätte, würde ich jeden Respekt verlieren", verteidigt etwa Deutsche-Bank- Chef Josef Ackermann die 67 Millionen Euro, die er seit seinem Amtsantritt im Mai 2002 mit nach Hause nahm. Und Mathias Döpfner (45), die Nummer eins des Axel-Springer-Verlags, hält die ganze Debatte für ein Ablenkungsmanöver. "Das Land hat wichtigere Probleme", ließ er sich Ende 2007 zitieren.

Just zu dieser Zeit musste Döpfner den Versuch beenden, mit der Pin Group einen verlagseigenen Briefzusteller aufzubauen, was dem Konzern 288 Millionen Euro Verlust bescherte. Im eigenen Geldbeutel hat Döpfner das Debakel nicht zu spüren bekommen. 5,5 Millionen Euro dürfte er nach Berechnungen der mm-Gehaltsexperten im vergangenen Jahr verdient haben.

Wäre der Springer-Konzern im M-Dax notiert, würde Döpfner, gemessen an Eigenkapital- und Aktienrendite, noch hinter Arcandor-Chef Thomas Middelhoff (55) an letzter Stelle landen. Döpfner selbst fühlt sich leistungsgerecht bezahlt, weil sich der variable Teil seines Gehalts nicht an den Resultaten des Gesamtkonzerns, sondern am Ergebnis des operativen Geschäfts orientiert.

Verluste sind für Jochen Zeitz (45) seit Jahren ein Fremdwort, dennoch ist der Puma-Chef der deutsche Konzernchef, der vergangenes Jahr die größten Einkommenseinbußen hinnehmen musste. Statt auf 12,3 Millionen kam er auf nur noch 7,2 Millionen Euro. Das Minus von 5,1 Millionen ist das späte Resultat eines Aufstands aufmüpfiger Aktionäre. Die hatten dem Management auf der Hauptversammlung 2005 die Zustimmung zu einem großzügig dimensionierten Optionsprogramm verweigert.

Das Problem hat der Puma-Chef inzwischen elegant gelöst: Er suchte sich einen neuen Großaktionär. Seit Frühjahr vergangenen Jahres kontrolliert mit François Pinault, dem Chef des französischen Konsumgüterkonzerns PPR, ein alter Zeitz-Bekannter die Mehrheit der Puma-Aktien (siehe Interview Seite 94).

Prompt ging das zuvor durchgefallene Paket in leicht modifizierter Form und deutlich großzügiger ausgestattet ohne nennenswerten Widerspruch durch die Hauptversammlung. Die Neuauflage wird Zeitz für den Ausfall des Jahres 2007 reichlich entschädigen. Die neuen Bezugsrechte sind werthaltiger, ihre Anzahl wurde um insgesamt knapp ein Drittel erhöht und der Anteil der für den Vorstand reservierten Bezugsrechte um 25 Prozentpunkte aufgestockt.

In Euro und Cent gerechnet, ist das Programm eine Art Börsen-Jackpot: Bezugsrechte im Wert von über 80 Millionen Euro stehen Zeitz und seinen Vorstandskollegen nach Berechnungen der mm-Gehaltsexperten bis Ende 2013 zu. Immer vorausgesetzt, sie steigern den Wert der Puma-Aktien bis dahin um jährlich 20 Prozent. Wie viel Zeitz in diesem Fall selbst überwiesen bekommt, darüber muss er nicht mehr öffentlich Rechenschaft ablegen. Seit der Hauptversammlung 2008 ist der Einzelausweis der Vorstandsgehälter im Puma-Geschäftsbericht abgeschafft. Dietmar Palan

Bitte lesen Sie weiter auf Seite 88; Seite 86: Dax-Tabelle und Methode.

Die Tabellen für Stoxx und M-Dax folgen ab Seite 90.

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