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St. Moritz Das Erbe der Badrutts

Dass Hansjürg Badrutt das "Palace" seinem Generaldirektor Hans Wiedemann vermacht hat, ist mehr als ein Märchen "Hans im Glück" - es ist ein Signal für eine ganze Region.
Von Sibylle Zehle
aus manager magazin 11/2008

Lesen Sie mal diesen Drehbuch-Plot. Folge eins: Hans, ein Schweizer Hotelmanager, erfolgreich in Australien, kehrt der Kinder wegen zurück in die Heimat. Seine indische Frau verliebt sich beim ersten Weihnachtsfest in den Bergen in eines der legendären St. Moritzer Palasthotels. Jahre später übernimmt Ehemann Hans das Fünf-Sterne-Haus als Generaldirektor. Fortan lebt die kleine Familie glücklich im Schnee.

Folge zwei: Der kinderlose Hoteleigner ernennt seinen Generaldirektor, es ist kurz vor Weihnachten, zum Alleinerben. Das Aktienpaket unter dem Christbaum ist mehrere hundert Millionen Euro wert. Es gibt keinerlei Auflagen; aber ein Kuriosum: Manager Hans ähnelt frappierend dem verstorbenen Vater des Hotelbesitzers - namens Hans. Fortan macht das Hotel wieder Gewinn. Jetzt hört man Alphörner blasen. Sieht Berggipfel leuchten.

Wer produzierte solchen Schmarren? Welcher TV-Sender würde so etwas kaufen? Aber die besten Soaps schreibt eben das Leben. Hans Wiedemann (55), Generaldirektor des legendären Luxushotels "Badrutt's Palace", begrüßt uns im Foyer vor einem Porträt des verehrten Hans Badrutt (1876 bis 1953) und ja, der Herr neben uns und der Herr auf dem Gemälde, sie ähneln sich tatsächlich zum Verwechseln, da und dort die gleiche selbstbewusste Haltung des Kopfes, Andeutung eines Lächelns um den Schnurrbart.

Hotelgäste halten das Bild für ein Porträt des heute amtierenden Chefs. "Hans, you look better with your old glasses", meinte unlängst ein Stammgast. Und Wiedemann, der Erbe der Badrutts, sagt in seinem singenden, aber kaum noch schweizerisch gefärbten Hochdeutsch: "Im Todesjahr von Hans Badrutt wurde ich geboren. Das ist doch alles völlig verrückt, oder?"

Das ist sozusagen die kuriose Oberfläche der Geschichte. Die Tatsache, dass die Zukunft des "Badrutt's Palace" auf derart ungewöhnliche Weise festgeschrieben und gesichert wurde, ist freilich weder die Marotte eines kinderlosen Millionärs, noch lässt sie sich reduzieren auf ein Märchen "Hans im Glück".

Anikó (78) und Hansjürg Badrutt (78) haben mit ihrer Entscheidung gegen einen Verkauf, gegen eine mögliche Umwandlung eines der berühmtesten Hotelmonumente des Engadins in einen Luxus-Appartementblock ein Zeichen gesetzt weit über St. Moritz hinaus und ein wirtschaftliches Signal - das "Palace" ist der drittgrößte Arbeitgeber im Kanton -, es ist eine mäzenatische Leistung, ein kultureller Beitrag für die Region, für die Hotellerie der ganzen Schweiz.

Das "Badrutt's Palace" ist Mythos, Legende. Es ist der Marktplatz von St. Moritz, der Festsaal, Basar für Klatsch und Tratsch. Und es ist heute, im Zeitalter der Oligarchen, das Wohnzimmer des neuen und des alten Geldes. Ja, wenn denn St. Moritz, diese kleine, kalte Metropole des Konsums, überhaupt eine Seele hätte, dann läge sie hier, in diesem Tudorschloss mit seiner Halle, halb Rittersaal, halb Kathedrale. In der, so beobachtete die Schweizer "Sonntagszeitung", "bis heute eine seltsame Aura der Verruchtheit weht".

Zwischen 1999 und 2003 hatte die Rosewood-Gruppe versucht, die quietschenden Scharniere des alten Vergnügungsdampfers zu schmieren. Aber dafür braucht es mehr als Geld. Ein Palasthotel braucht einen Patron. Einen Gästeflüsterer. Einen Menschenversteher. Das ist Hans Wiedemann. Er achtet die Stammgäste aus dem alten europäischen Geldadel, die über die Festtage in der Wintersaison seit 40 Jahren dieselbe Suite, denselben Tisch im Speisesaal beanspruchen, aber er hat genauso ein Händchen für die neuen Milliardäre aus den Schwellenländern, die sich mit unmerklichem, aber stetem Druck in St. Moritz ausbreiten. Und die für ihren Weihnachtsurlaub in der recht biederharmlosen Hans-Badrutt-Suite so viel ausgeben wie andere zum Beispiel für eine hübsche Eigentumswohnung in Berlin. In diesem Jahr sind es 25 000 Franken pro Übernachtung, bei einem Mindestaufenthalt von zwölf Tagen.

Hans Wiedemann luncht mit Lakshmi Mittal, dem Stahlmagnaten, in dessen Ferienklotz auf der Chantarella, "meine Frau ist Inderin. Da gehört man ja fast zur Familie." Er feiert mit Kuweitis, drei-, viermal im Jahr. "Mit denen bin ich ganz eng." Liebt seine arabischen Freunde. "Die hat man fürs Leben." Und er breitet im Januar den roten Teppich für seine russischen Gäste aus. "Wiedemann ist ein Mann, der den Markt kennt", sagt Hanspeter Danuser, nach 30 Jahren als Kurdirektor nun Markenbotschafter für St. Moritz: "Er ist global im Denken. Und, ganz wichtig für diesen Job: Er mag die Menschen."

Und Wiedemann ist Unternehmer. Als Vize holte er sich Yves Gardiol, den Finanzchef, mit dem er bereits das "Montreux Palace" aus den roten Zahlen geholt hatte. Beide gewannen neben längst verloren geglaubten Gästen auch das Vertrauen der Banken zurück. Mit der Hausbank UBS habe man ein ex-zellentes Verhältnis. Sie wisse genau, welch wertvolle Kundschaft im "Palace" absteige, meint Wiedemann, "das ist ein Geben und Nehmen". 40 Millionen Franken umfasste der erste Investitionsschub, jetzt werden 10, 12 Millionen jährlich für die behutsame Renovierung investiert. Und der alte Kasten sieht aus wie frisch gelackt, geputzt, gelüftet. "Das ist schon eine Kunst", sagt Roland Berger, St.-Moritz-Kenner und Anlieger: "Wiedemann hat saniert, moder-nisiert, ohne dass die Atmosphäre im Geringsten gelitten hätte."

Der Umsatz hat sich unter der neuen Leitung dabei auf 48,5 Millionen Franken verdoppelt. Genau seit viereinhalb Jahren verzeichne man jedes Jahr aufs Neue zweistellige Zuwächse. Der Turm des "Palace" wankt nicht - mögen die Banken in Europa und Übersee auch zusammenbrechen, die St. Moritzer Hotelburg zeigt nicht mal den kleinsten Riss. "Im September haben wir das erfolgreichste Jahr in der Geschichte des Hauses bekannt gegeben", sagt Yves Gardiol, Wiedemanns Stellvertreter und Vertrauter. "Und bis heute nicht eine einzige Absage erhalten."

Hansjürg Badrutt beeindruckte dieser Turnaround. Am Tag vor unserem Besuch war er mit seinem Generalmanager beim Notar. Der Handschlag vom Dezember 2006 wurde notariell beglaubigt. Badrutt vermacht demnach Wiedemann zwei Drittel seiner Anteile an der Luxusherberge und allen 30 Läden in Galerien und Passagen rund ums Hotel. "Ich weiß, du wirst das weiterführen. Im Sinne meiner Frau und mir. Punkt." Auflagen gibt es keine. Die Erbschaftsteuer ist hinterlegt. Der Traum jedes Spitzenmanagers - das Unternehmen nicht nur zu leiten, sondern auch zu besitzen und für die nächste Generation in eine gute Zukunft zu führen -, hier wurde er wahr.

Wie ein Lottomillionär sei er nach den ersten Presseveröffentlichungen bestürmt worden, sagt Wiedemann, dabei habe er doch kein Geld, nur unfassbares Vertrauen und eine riesige Verantwortung übertragen bekommen. Dieses Vertrauen, so rechnen Zeitgenossen nicht gänzlich neidfrei aus, wiege freilich Jahr um Jahr schwerer. Bei dem Immobilien- hype, der speziell im Engadin trotz oder besser: wegen der Finanzkrise ungebrochen ist, könnte es bald eine halbe Milliarde Franken sein.

Hansjürg Badrutt ist ein Herr. Fein und eher leise, mit viel Witz. Er hat uns beim Tee in der Halle einmal wundersame Geschichten erzählt. Aus den Zeiten, als die Society noch nach dem Drehbuch seines Bruders Andrea spielte. Mit Darstellern wie Rubirosa und Soraya, Kim Novak und Heini Thyssen. Dazu das nötige Quäntchen Demimonde und Trittbrettfahrer, die gab es ja immer.

Und er hat damals, Hans Wiedemann war da gerade ein Jahr im Hotel, von potenziellen Käufern erzählt, die extra mit dem Privatjet anreisten und ihn bestürmten, die Immobilie zu veräußern, an der Spitze der saudi-arabische Investor Prinz Walid. - Bot der 300 Millionen Euro? Oder Dollar? - "Mir ist es egal", meinte er. "Ich verkaufe sowieso nicht", aber er sagte es traurig, entmutigt. Eine Lösung des Nachfolgeproblems drängte sich ihm wohl erst zwingend auf, als Johannes, sein Neffe, seinen 33-Prozent-Anteil an Luigi Zunino, Mehrheitsaktionär der börsennotierten Immobilienfirma Risanamento, verkaufte. Und die Unsicherheit unter den Mitarbeitern und Gästen den Hotelbetrieb zu lähmen drohte.

In der "Kronenhalle" in Zürich haben sie sich zum ersten Mal getroffen. Badrutt und Wiedemann. Sie lachten miteinander und mochten sich sofort. Und der alte Herr spürte, dass er jemanden vor sich hatte, der ein Gefühl für das Produkt hatte, der das "Palace" schon damals liebte. Was ist das für ein Mann, von dem Hansjürg Badrutt, Mitglied einer großen Hoteldynastie, behauptet, er besitze die gleiche Wellenlänge wie er? Den gleichen Humor?

Hans Wiedemann stammt aus Basel, aus einer Arztfamilie, die Eltern verliert er früh. Und obwohl Großvater, Vater und Mutter Mediziner waren, will er ins Hotelfach, möchte Menschen nicht auf der Schatten-, sondern auf der Sonnenseite des Lebens begleiten. "Ich bediene gern", sagt er einfach. Bis heute folgt er einem Leitspruch, den er sich vor 20 Jahren gab: "Anticipate customers need and therefore make them return."

Im "Palace" trifft er sich mit seinen Abteilungsleitern morgens um 10.30 Uhr. Jede Anreise, jeder Gast wird besprochen. In Spitzenzeiten kontrolliert der Chef die Suiten selbst. Hat der Butler das gewünschte Wasser besorgt? Die richtigen Nüsse verteilt? "Das muss sitzen." Vor jeder Saison versammelt der Chef sein gesamtes Personal in der Lobby, im Winter sind das rund 570, im Sommer knapp 300 Leute, und formuliert die neuen Ziele. "Es muss ein Feuer in einem lodern", sagt er, "sonst kriegt man so ein Haus nicht in den Griff."

Der Sprunghaftigkeit seiner illustren Gäste begegnet er mit Geduld. "Die Araber rufen um Mitternacht an und fragen: Was kann ich jetzt zum Lunch haben? Oder sie sagen: Können wir gemeinsam shoppen gehen um 11 Uhr? Wenn ich dann um 14 Uhr anrufe, große Verwunderung: Habe ich nicht gesagt, dass wir auf morgen verschieben? Aber wenn man einmal ihr Vertrauen gewonnen hat, besitzt man Freunde fürs Leben." Dubai. Saudi-Arabien. Kuweit. Bahrein. Für Wiedemann vertrauter Boden.

Auch auf dem Boulevard rutscht er nicht aus. In der "Tower Revue", dem Hochglanzmagazin des Hotels, zeigt er sich mit den Schillernden und Schönoperierten der Welt. Jeden Tag ist Kindergeburtstag. White Turf, Wine and Dine und Windhundrennen, Caviar Tasting und Chocolate Cult, Cartier-Cocktail und Christie's-Auktion. Für People-Magazine aber steht Wiedemann nach dem Rollenwechsel vom Topangestellten zum Alleinerben für Interviews nicht zur Verfügung. Er spricht mit den Einflussreichen auf Augenhöhe, doch die Bühne, das Schaulaufen überlässt er ihnen - und sorgt dafür, dass sie ihre Rechnungen ordentlich bezahlen.

Eine seiner ersten Amtshandlungen war, die Sonderkonditionen zu kippen, die über die Jahrzehnte eingerissen waren. Roland Fasel, sein Vorgänger, hatte bereits ein Dutzend der alten Kutscherzimmer abgeschafft, in denen Society-Girls, junge Kunsthändler, PR-Agentinnen für 100 Franken pro Nacht unterkrochen, um Toppartys zu schmücken, ein paar dieser gemütlich kleinen Zimmer gibt es immer noch, aber in der Saison nun zum sechsfachen Preis.

Auch die Dame, die auf dem See jährlich für "Bunte" in pastellfarbenen Pelzen posiert, setzte er auf die normale Rate. "Aber meine Aktien stehen doch gerade so schlecht", klagte sie zart - und zahlt jetzt ohne Murren. Genauso wie die Feierlustigen, die sich früher an Silvester kurz vor Mitternacht ins festlich geschmückte Haus mogelten. Heute ist das Hotel von Security-Leuten abgeschirmt, und der Eintritt kostet 500 Franken, "und da ist nichts inbegriffen, keine Getränke, nichts, das ist lediglich der Eintrittspreis", sagt Wiedemann fast staunend, "und die Leute kommen nach wie vor in Scharen."

Im Winter wollen einfach alle mal im "Palace" sein, unabhängig von Schneeverhältnissen, Wetter, Wirtschaftskrisen. "Und die guten alten Stammgäste wissen auch, wie nötig wir unsere Einnahmen brauchen, die sehen doch, was wir investieren. Die checken aus und legen uns - cash! - die Anzahlung fürs nächste Jahr bereits auf den Tisch."

Für seine Mitarbeiter versucht Wiedemann greifbar zu sein. Jeden Mittag, so keine Termine rufen, isst er mit Yves Gardiol in der Personalkantine. Das sei ihm wichtig sagt er, der von der Pike auf gelernt hat. Kellner, Hotelfachschule Lausanne. Um Englisch zu lernen, geht er nach Australien, arbeitet fünf Jahre als Nachtmanager im "Hilton", "da war ich mein eigener Herr". In Perth lernt er Martha, seine spätere Frau, kennen, die im dortigen "Hilton" als Beauty- und Ayurveda-Spezialistin den Wellnessbereich leitet. "Eine schöne und gebildete Frau", meint Roland Berger, "die macht sich großartig an seiner Seite." Beide, Hans und Martha, lieben den australischen Kontinent, dem sie ein gutes Leben und ihre Karrieren verdanken. Beide Kinder werden dort geboren.

Der Schweizer ist fleissig. In der Hotelfachschule hatte er von PR, Marketing nie gehört. Er verschlingt Fachliteratur, besucht Managerkurse. Inform. Instruct. Praise. Das wird sein Führungsstil.

Und Wiedemann ist ehrgeizig. Er leistet sich ein chinesisches Zwischenspiel - in Peking eröffnet er ein Haus mit 600 Zimmern und 1300 Angestellten, "gerade, weil damals alles noch so kompliziert war". Und er verlässt einen Traumjob in Queensland - er führt dort für eine japanische Gesellschaft fünf Hotels mit 2000 Angestellten, zwei davon liegen auf verführerisch schönen Inseln -, verzichtet auf Lebensqualität, um seinen Kindern Europa, seine Kultur, nahezubringen.

In Montreux macht er dann genau das, was er später in St. Moritz mit Bravour wiederholen sollte. Einen alten Palast für die Zukunft fit zu trimmen. Das wird seine Passion.

Das "Montreux Palace" steckte in den roten Zahlen. Die Hauptaktionäre Swissair, Nestlé, Kuweit Investment Office genehmigen 100 Millionen, lassen ihm freie Hand. Helmut Maucher ist einer seiner Förderer. Wiedemann hat große Pläne. Baut ein Parkhaus, möchte für das Hotel einen eigenen Hafen ... Da wird das Haus im Zuge der Swissair- Pleite von "Raffles", Singapur, übernommen. "Für ein Schweizer Denkmal eine Katastrophe", sagt er, "die haben keine Ahnung von der Sprache, der Gegend, der Kultur. Und rollen dann ihre Dampfwalzen aus ..."

Da wollte er nicht mitmachen. Und er sorgte dafür, dass sich dieses auch herumsprach. Vor dem "Palace" in St. Moritz warnten ihn dann freilich alle Freunde und Kollegen. Ein Himmelfahrtskommando! Noch jeden Manager habe man dort verschlissen. Er selbst sah nur die Herausforderung. Aber da war auch Magie mit im Spiel. Martha, die nie zuvor in Europa, geschweige denn in den Alpen, gewesen war, fühlte sich zu keinem Hotel der Welt so hingezogen wie zum "Palace" in St. Moritz. Sie hatte es in Filmen gesehen und war überwältigt von so viel alter Pracht. "Und dann meint Hansjürg Badrutt zu mir: Würden Sie das Hotel weiterführen, wenn ich mal nicht mehr da bin? - Das ist doch unglaublich!", meint Wiedemann, noch immer staunend, verwundert über des Schicksals Macht.

Aber, vielleicht ein Segen, viel Zeit, über die Gnade der Götter zu grübeln, bleibt ihm nicht. Das Bauen und Renovieren hört noch lange nicht auf. Und die Schulung des Personals ist ihm ein Hauptanliegen. Es gibt Weiterbildungskurse mit Motivationstrainern und Schauspielern. "Das ist kein Klamauk, das ist seriöses Training." Auch einen Lehrgang über Körpersprache der Gäste habe es schon gegeben.

Nahezu 1000 Mitarbeiter hat er bereits durch Kurse geschleust, da schmerzt zunehmend, dass er der Mehrheit seiner Leute nur Saisonjobs geben kann. Darum ist er auf der Suche nach einem "Sommer-Palace" in Italien. "Die kriegen unseren Namen, unser Know-how, unser Personal." Für Stammgäste eine hübsche Abwechslung - "und ich kann Jahresstellen geben".

Am liebsten wäre dem Generaldirektor freilich, das St. Moritzer Riesenrad drehte sich das ganze Jahr. Aber wie schwer sei es doch, da etwas anzustoßen. Doch vielleicht ist die strikte Weigerung der St. Moritzer, den Fremden das ganze Jahr über zu Diensten zu sein, auch ein verständlicher Protest, das Beharren auf einem letzten Stückchen Identität, Selbstbestimmung, Privatheit.

Visionäre wie Hans Wiedemann oder Hanspeter Danuser sehen St. Moritz dagegen längst auch als Kulturmagneten, als Festwiese in den Alpen. Träumen von einer Kulturhalle auf dem Dach der Schweizer Post direkt neben dem "Palace" für 800 bis 1000 Leute. "SAM", die erste "St. Moritz Art Masters"-Woche, ist gerade recht erfolgreich abgelaufen, die Stadt voller Skulpturen, die Ballsäle der Fünf-Sterne-Hotels voller Musik. St. Moritz als neuer Spielplatz für die Kulturbewegten. Oder, wie es ein Beteiligter formulierte, "eine Gaudi auf sehr hohem Niveau".

Wiedemann arbeitet im Hotel. Wohnt im Hotel. Lebt im Hotel. Hat man da nicht mal genug? Er habe fünfmal Feuer in Hotels erlebt. "Eine halbe Stunde entfernt zu wohnen, das halte ich nicht aus." Während der Saison sind nur kleine Fluchten möglich. Einmal im Jahr aber steigt er auf seine Harley Davidson und fährt acht, neun Stunden am Tag. 4500 Kilometer in fünf Tagen. Bis nach Madrid. Genießt die Landschaft. Die Gerüche. Der Kopf wird frei.

Noch sprechen Wiedemanns Kinder, beide bereiten sich aufs Hotel-Business vor, kein Deutsch. Aber der Sohn, begabter Musiker, beherrscht Arabisch und Mandarin, die Tochter sucht gerade einen Traineejob in einem Berliner Hotel.

Der Vater, der früher Trompete spielte, bläst inzwischen das Alphorn. Und kann schon reden wie der Danuser. "In St. Moritz sagen wir: Heaven is only a local phone call." Als Nächstes wird er nach Russland fliegen. Um sich zu entschuldigen: "Sagen, wie wichtig uns dieser Markt ist - obwohl wir im Januar wieder Hunderte abweisen müssen."

Niemals zuvor habe es - in privater Hand - so viel Geld auf der Welt gegeben und eine so große Bereitschaft, es auszugeben. Der Tanz auf dem Vulkan. Wo wäre er heißer als auf dem Eis von St. Moritz?

Dann steht er auf, fast vier Stunden haben wir geredet. Und Wiedemann, der Erbe der Badrutts, blickt auf das zerknautschte Kissen, das wir auf dem Sofa hinterlassen, schüttelt es kurz auf, stellt es wieder ordentlich hin und sagt wie entschuldigend: "Ich muss das tun. Das ist in mir drin." u

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