Autobauer unter Druck Daimlers Oberbetriebsrat fordert Abkehr vom Car-Sharing

Erneut geht Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht auf Konfrontation zu seinem Arbeitgeber. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage des Autobauers sind ihm diesmal Car-Sharing und andere Mobilitätsdienste ein Dorn im Auge.
Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht

Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht

Foto: Bernd Weissbrod / dpa

Daimler sollte nach Ansicht von Betriebsratschef Michael Brecht (55) wegen des herrschenden Kostendrucks das Engagement beim Car-Sharing und anderen Mobilitätsdiensten einstellen. "Vor einem Jahr noch hieß es, ohne Mobilitätsdienstleistungen wären wir nicht mehr überlebensfähig, sonst werden wir abhängig von digitalen Plattformunternehmen", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Samstag veröffentlichten Interview.

Mittlerweile sei große Ernüchterung über die Geschäftsaussichten der gemeinsam mit BMW im Joint Venture "Your Now" betriebenen Dienste eingetreten. Die Befürchtung, Sharing-Dienste könnten den Wunsch nach dem eigenen Auto verdrängen, bewahrheitete sich bisher nicht. Der Slogan "Vom Automobilhersteller zum Mobilitätsdienstleister" ist schon vor einiger Zeit aus Daimlers Firmenpräsentationen verschwunden.

"Wir sind nicht an einem Punkt, wo sich Sharing-Modelle breit durchsetzen. Selbst (der US-Fahrdienstvermittler) Uber verbrennt eine Milliarde nach der anderen", sagte Brecht. Der Spardruck auf die Produktionsstandorte sei mit dem Umschwung zu Elektroautos und wegen der Corona-Krise so hoch, dass der Autobauer für solche Dienste kein Geld "rausblasen" müsse. "Wenn wir nicht in der Lage sind, ein profitables Geschäft daraus zu machen und mittlerweile sehen, dass wir nicht abhängig werden als Bittsteller von Plattformen, stellt sich die Frage: Muss ich das überhaupt tun? Wenn es jemanden gibt, der das besser kann - ich hänge nicht dran", sagte Brecht.

Unter dem Label "Now" betreiben Daimler und BMW seit Anfang 2019 zusammen das Car-Sharing "Share Now", die Taxi- und Fahrdienstvermittlungen "Free Now" und "Reach Now", die App "Park Now" zur Parkplatzsuche und die Ladestationen-Plattform "Carge Now" für E-Autos. Herzstück ist die stationsunabhängige Kurzzeit-Automiete, die Daimler 2008 mit "car2go" startete und BMW drei Jahre später mit "DriveNow" anbot.

Die Autobauer wollten mehr als eine Milliarde Euro in die Now-Services investieren, um schnell wachsen, in Konkurrenz etwa zu Uber den Markt zu erobern und führend in Europa zu werden. Die Dienste zählten vor Ausbruch der Corona-Krise auch immer mehr Nutzer, machten aber bisher allenfalls an einzelnen Standorten Gewinn. Schon länger gibt es Gerüchte über den Verkauf von Einzelteilen. Daimler-Finanzchef Harald Wilhelm (54) erklärte bei der jüngsten Strategie-Konferenz, die Plattformunternehmen müssten auf eigenen Beinen stehen können. Dem Management seien Profitabilitätsziele gesetzt worden. "Und wir sind offen für Partnerschaften", bekräftigte er.

Daimler-Betriebsrat Brecht hatte sich bereits vor wenigen Tagen kritisch geäußert. Nur einen Tag nach seiner Ankündigung, mit Daimler  "die führende Position" bei Elektrofahrzeugen anzustreben, erhielt Konzernchef Ola Källenius (51) Gegenwind von Brecht. Der warnte seinen Arbeitgeber vor einer reinen Fokussierung auf die Elektromobilität. Man dürfe nicht alles auf diese Karte setzen, sagte Brecht der "Automobilwoche". "Elektromobilität ist wichtig, ja. Es ist aber auch ein Hype darum entstanden, der politisch und gesellschaftlich befeuert wird."

cr/Reuters