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Continental "Da beneide ich Bosch"

Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg (66) über die Attacke der Schaeffler-Gruppe
aus manager magazin 8/2008

Herr von Grünberg, das Conti-Management kämpft verzweifelt gegen die drohende Übernahme durch die Schaeffler-Gruppe. Es heißt, Sie wollten Conti ausliefern. Fühlen Sie sich dabei wohl?

von Grünberg: Nein, überhaupt nicht. Und zwar, weil ich Conti gar nicht ausliefern will. Ich sitze doch im selben Boot wie der Vorstand. Ich bin in dem Unternehmen seit 1991 ununterbrochen tätig, ich habe hier ein Heimatgefühl entwickelt wie in keiner anderen Gesellschaft dieser Welt, auch nicht in meinen 20 Jahren bei ITT. Die Zukunft dieser Gesellschaft liegt mir sehr am Herzen.

Dennoch, es gibt in dieser Frage grund-legende Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen und Vorstandschef Manfred Wennemer. Worin liegen die?

von Grünberg: Die Meinungsverschiedenheiten sind nicht grundlegend. Für mich ist es das Wichtigste, dass sich Conti in dieser Lage so schnell wie möglich wieder auf die operativen Aufgaben konzentriert. Die Situation ist schwierig genug: die Kostenexplosion bei den Rohmaterialien, die Krise der amerikanischen Autoindustrie, nicht zuletzt die Integration von Siemens VDO - so ein Ding haben wir noch nicht vor der Brust gehabt. Ein derartiges Übernahmeangebot lenkt den Vorstand zu sehr ab.

Herr Wennemer hat sehr scharf auf die Offerte von Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger reagiert. "Selbstherrlich, egoistisch, verantwortungslos" sei das Vorgehen. Hat er sich zu weit vorgewagt?

von Grünberg: Die große Frage ist doch: Für wie sicher halten Sie den Erfolg der Schaeffler-Gruppe. Wenn die Übernahme wahrscheinlich ist, dann bevorzuge ich, dass wir keine verbrannte Erde hinterlassen. Aber Sie sollten berücksichtigen, dass in einer solchen Situation die Nerven aller Beteiligten schon sehr ramponiert sind. Da fällt schon mal ein Wort, dass ein ansonsten kontrollierter Manager eigentlich nicht aussprechen würde.

Aber das war kein Versprecher, sondern eine wohlvorbereitete Erklärung, die Herr Wennemer abgegeben hat.

von Grünberg: Die Gegenseite muss verstehen, dass das in der Hitze des Gefechts schon mal passieren kann. Die Vernunft kann das am Ende wieder heilen.

Ist es am Ende aus Sicht von Schaeffler nicht vernünftig, Conti zu zerschlagen?

von Grünberg: Ich stünde dafür jedenfalls nicht zur Verfügung. Und ich höre von Herrn Wennemer, dass man ihm wieder und wieder zusichert, eine Zerschlagung sei nicht geplant. Schaeffler will das sogar vertraglich garantieren.

Bei einer Führungskräftekonferenz von Conti im Juni sollen Sie für die Form des nicht börsennotierten Unternehmens geworben haben. Deshalb glauben viele, Sie seien bei dem Übernahmeversuch der Architekt im Hintergrund gewesen, zumal Sie im Beirat der Schaeffler-Gruppe saßen.

von Grünberg: Dieser Verdacht ist falsch. Ich war bei Schaeffler für zwei Jahre, bis 1998, Mitglied des Verwaltungsbeirats. Ich schätze Frau Schaeffler, ich weiß, dass sie ehrgeizig ist. Aber der Angriff auf Conti war nicht vorhersehbar.

Welchen Vorteil hat denn aus Ihrer Sicht ein Bündnis mit einem Familienunternehmen?

von Grünberg: Ich leugne nicht, dass ich mir besonders im Autoteilegeschäft Finanzierungsformen außerhalb der börsennotierten Aktiengesellschaft gut vorstellen kann. Bei jedem unternehmerischen Schritt auf den Kursverlauf zu achten - wenn er zu tief fällt, dann kommt einer und will einen kaufen -, das kann eine langfristige Unternehmenspolitik beeinträchtigen. Da beneide ich gelegentlich Bosch und die Toyota-Tochter Denso. Diese Konzerne sind unsere potentesten Konkurrenten, und sie sind beide geschützt.

Herr von Grünberg, wann waren Sie informiert über das Interesse der Schaeffler-Gruppe an Conti?

von Grünberg: In der ersten Juli-Woche erhielten wir Informationen, dass etwas in Sachen Conti-Einstieg unterwegs sei. Dann gab es vorbereitende Kontakte, die zu einem Treffen der Schaeffler-Gruppe mit Herrn Wennemer und mir am 11. Juli geführt haben.

Als das Schaeffler-Interesse publik wurde, gab es zunächst einen Aufschrei unter den Arbeitnehmervertretern. Mittlerweile finden die immer mehr Gefallen an einem solchen Bündnis. Ist der Conti-Vorstand isoliert?

von Grünberg: Nein, das glaube ich nicht. Die Arbeitnehmervertreter sind an der Diskussion im Aufsichtsrat beteiligt. Aber Aufsichtsrat und Vorstand müssen vor allem die Interessen der übrigen Aktionäre berücksichtigen. Die würden doch sonst über Herrn Wennemer und mich herfallen. Deshalb müssen wir die Angemessenheit des Gebots sorgfältig prüfen.

Muss Herr Wennemer gehen, wenn Schaeffler Conti übernimmt?

von Grünberg: Ich gehe felsenfest davon aus, dass bei einer so großen Investition die unternehmerische Vernunft des Großinvestors überwiegt und Frau Schaeffler als Erstes sagt: Bitte keine Instabilitäten, Herr Wennemer soll bleiben. Dessen Meriten sind unbestritten. Er ist einer der besten Automobilmanager der Welt. Das ist nicht nur meine Meinung.

Diese Vorstellung erscheint uns reichlich naiv angesichts der Provokationen von Herrn Wennemer.

von Grünberg: Das sehe ich anders. Wenn ein Unternehmen so viele Milliarden Euro investiert - die Continental-Übernahme kostet Schaefflers ganzes Geld -, dann hat es ein fundamentales Interesse an Stabilität im Management. Sonst rentiert sich das Investment doch nicht.

Was wird dann aus Ihnen? Bleiben Sie im Falle einer Übernahme Conti-Aufsichtsratschef?

von Grünberg: Ich glaube, wenn die Sache laufen würde, sagt Frau Schaeffler: Grünberg, wir ersetzen dich. Wenn Frau Schaeffler ihr ganzes Geld bei Conti investiert, erhebt sie vermutlich einen Anspruch auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden. Das wäre nur konsequent.

Rücken Sie dann an die Spitze des Schaeffler-Beirates?

von Grünberg: Ich möchte nicht in irgendeinem Beirat herumgondeln. Ich habe jetzt als Verwaltungsratschef der Schweizer ABB eine halb exekutive Funktion. Das füllt mich aus.

Herr Wennemer erweckt mit seinem beharrlichen Widerstand den Eindruck, er kämpfe um sein Lebenswerk. Wir dachten immer, Conti sei Ihr Lebenswerk.

von Grünberg: Das ist das ganz große Missverständnis dieses Monats. Ich sehe das sogenannte Lebenswerk eher in Gefahr in einem lang andauernden Krieg als bei produktiven Gesprächen mit Schaeffler. Vernunft ist angesagt, nicht Kampf um jeden Preis. u

Das Interview führten die mm-Redakteure Arno Balzer, Michael Freitag und Dietmar Student.

Das Interview führten die mm-Redakteure Arno Balzer, Michael Freitag und Dietmar Student.

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