Wirtschaftskrimi um Wirecard Der Crash-Kurs als Chef

James Freis steht erst seit wenigen Tagen an der Spitze des umstrittenen Zahlungsdienstleisters. Seine ersten Erkenntnisse: Offenbar hat Wirecard in den vergangenen fünf Jahren seine Gewinne gefälscht.
Wirecard: Der neue Chef James Freis muss einen der größten Bilanzskandale Deutschlands aufarbeiten

Wirecard: Der neue Chef James Freis muss einen der größten Bilanzskandale Deutschlands aufarbeiten

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Florence School of Banking and Finance/Youtube

In Sneakers und einem etwas knittrigen Jackett ist James Freis (49) an seinem ersten Tag im neuen Job erschienen. Es ist nicht sein typisches Büro-Outfit. Eigentlich ist er an diesem Donnerstag vor knapp zwei Wochen auf Wohnungssuche in München, als ihn ein Anruf von Wirecard-Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann (54) erreicht. Der Zahlungsdienstleister sei im Krisenmodus, er müsse dringend kommen. Und so tritt Freis, der sich ursprünglich erst ab Juli als neuer Vorstand um die Einhaltung von Regeln (Compliance) bei dem Zahlungsdienstleister kümmern sollte, den Posten sehr abrupt an.

Statt Wohnungen zu besichtigen, nimmt er in seinem Freizeitoutfit mit Vorstandskollegen ein knapp dreiminutiges Video  auf, um Mitarbeitern und Investoren die prekäre Lage zu erklären - dass wegen gefälschter Nachweise von Banken ein Milliardenbetrag des Konzerns in Asien nicht verifiziert werden konnte und Wirtschaftsprüfer von EY daher das Testat für den Jahresabschluss verschoben haben. Danach macht Freis einen Crash-Kurs und dringt bereits in der Nacht auf Freitag bei der Durchsicht von Unterlagen in erste Abgründe vor, die sich in den folgenden Tagen als einer der größten Bilanzskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte entpuppen.

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Das führt zum Rücktritt des langjährigen Konzernchefs Markus Braun (50) und seiner kurzzeitigen Festnahme. Es führt zur Insolvenz des Dax-Konzerns und einem beispiellosen Absturz der Wirecard-Aktie  an der Börse. Es führt dazu, dass der langjährige Wirtschaftsprüfer EY von "einem umfassenden Betrug" spricht, an dem "Parteien rund um die Welt mit gezielter Täuschungsabsicht" beteiligt gewesen seien. Es führt dazu, dass die Finanzaufsicht BaFin massiv unter Druck steht und die Bilanzpolizei DPR aufgelöst wird, dass EY und die BaFin sich auf eine massive Klagewelle einstellen müssen. Der Aufsichtsrat von Wirecard hat den Anstellungsvertrag des früheren Vorstandschefs Markus Braun inzwischen außerordentlich gekündigt. BaFin-Chef Felix Hufeld muss sich am heutigen Mittwoch den Abgeordneten im Bundestag-Finanzausschuss stellen.

Beben in der Finanzbranche, Beförderung für Freis

Freis beschert der Skandal einen Tag nach seinem Alarmstart als Compliance-Vorstand eine Beförderung: Er folgt Markus Braun an der Wirecard-Spitze nach. Seitdem kämpft Freis gleich an mehreren Fronten: Er beginnt aufzuräumen und trennt sich von einer Reihe von Topmanagern bei Wirecard. Er versucht zu ergründen, welche Substanz das Unternehmen noch hat und will diese erhalten. Es ist die wohl ungewöhnlichste Karriere eines Dax-Chefs bislang.

Freis ist Amerikaner, ein Top-Jurist, der in Diensten der Deutschen Börse stand. Jahrelanger Ärger der Börsentochter Clearstream mit den USA hatte ihm den Job eingebracht. Auslöser waren Geschäfte mit dem Iran. In seiner Freizeit zieht Freis gern seine Bahnen auf dem Main, er ist Mitglied in einem Frankfurter Ruderclub.

Sein Start in München muss ihm vorkommen, als sei er in einen Orkan geraten: Wirecard muss einräumen, dass die 1,9 Milliarden Euro, die man bei zwei philippinischen Banken vermutete, höchstwahrscheinlich nicht existieren. Im Unternehmen macht sich nach und nach die Erkenntnis breit: Vermutlich sind große Teile des Umsatzes im abgelaufenen Jahr nicht vorhanden, ebenso wenig wie etwa drei Viertel des Vorsteuergewinns. Denn das Geschäft in Asien, aus dem sich die vermissten Milliarden speisen, wurde stets als das margenträchtigste ausgewiesen.

Seit Jahren kein signifikanter Gewinn

Erste Einblicke in die Unterlagen und Ungereimtheiten hätten zudem ergeben, dass Wirecard in den vergangenen etwa fünf Jahren keinen signifikanten Gewinn erzielt habe und schon gar nicht die auf dem Papier vorgegeben Zahlen, heißt es weiter aus Konzernkreisen. Das habe zu Folge, dass das Unternehmen mittlere zweistellige Millionenbeträge pro Monat verbrenne. Wirecard hat auf Anfragen dazu nicht reagiert.

"Je tiefer man in die Bilanzen und Dokumente schaut, desto komplexer wird das System aus Gesellschaften und Tochtergesellschaften, das man erblickt", sagt ein Insider. "Es würde mich nicht wundern, wenn der Insolvenzverwalter zehn Jahre braucht, um da Licht reinzubringen und den Dingen auf den Grund zu gehen."

Als Insolvenzverwalter hat der Münchener Rechtsanwalt Michael Jaffé den Zuschlag bekommen. Er hat unter anderem das einstige Medienimperium von Leo Kirch nach dem Zusammenbruch abgewickelt. Von ihm wird es abhängen, ob und wie Freis und seine beiden Vorstandskollegen aus der Braun-Ära weitermachen. Finanzvorstand Alexander von Knoop sei bereits an der Seitenlinie, sagt ein Insider, denn wie könne man einem Finanzvorstand vertrauen, der den Verbleib eines Milliardenbetrags nicht erklären könne. Produktchefin Susanne Steidl sei dagegen bisher noch unbelastet von den Turbulenzen. Anfragen dazu ließ Wirecard ebenfalls unbeantwortet.

Erste Zweifel an der Seriosität der Geschäfts und Zahlen der Konzerns, der 2018 die Commerzbank im Dax verdrängte, kamen vor mehr als zehn Jahren auf. Doch Braun gelang es lange, durch kontinuierlich wachsende Umsätze und Gewinne davon abzulenken und Anleger und auch Branchenexperten in trügerischer Sicherheit zu wiegen.

Nur wenige haben dem widerstanden – etwa Neil Campling, Analyst bei der Schweizer Privatbank Mirabaud. Auf null hat er das Kursziel für den Konzern schon vor einiger Zeit herabgesetzt, nachdem er sich über Jahre mit dem Unternehmen beschäftigte. Viele Fragen, die der Konzern unbeantwortet ließ, haben sein Misstrauen verstärkt – Fragen wie: Warum hat Wirecard seit 2017 knapp zwei Milliarden Euro auf dem Kapitalmarkt eingesammelt, während Konkurrenten wie Adyen mit einem Bruchteil davon ausgekommen sind? Brauchte der Konzern die Liquidität, um nicht auszutrocknen? Wie glaubwürdig ist ein Unternehmen, das stets punktgenau die Zahlen liefert, die es verspricht und selbst in Ausnahmezeiten wie in der Corona-Krise an seinen Jahresprognosen festhält, während andere überhaupt keine wagen? Wie beliebt sind die angeblich technologisch so überzeugenden Produkte wie etwa die Boon-App, die Braun so anpreist, wenn sie in keinem Ranking der populärsten Apps auftaucht?

"Das, was man bei Wirecard sieht, etwa imposante Wachstumszahlen, sind zu schön, um wahr zu sein", fasst Campling bereits vor einigen Wochen zusammen, "und alles andere, was ich vergeblich zu verifizieren versuchte, lässt wenig Substanz erahnen."

Freis braucht gerade mal einen Arbeitstag und eine durchgearbeitete Nacht, um auf unplausible Vorgänge zu stoßen – allen voran, dass die beiden philippinischen Banken, bei denen angeblich die vermissten 1,9 Milliarden Euro im vergangenen Jahr lagerten, dafür nicht in Frage kommen können. Denn laut Bilanz der Institute gibt es dort keine Euro-Positionen in dieser Höhe. Er lässt das den Aufsichtsrat wissen – genauso wie seine Erkenntnis: Eigentlich hätten Prüfer innerhalb kürzester Zeit etliche Fragwürdigkeiten bei Wirecard entdecken können.

Was danach unter dem Strich noch von Wirecard übrig bleibt, wird im Umfeld von Freis und anderen Insidern, die sich ans Aufräumen machen, so verpackt: "Es gibt sie ja, die echten Kunden wie Aldi, Lidl, Uber und diverse Airlines – es ist wie bei einem Start-up: ein ausbaufähiges Geschäft existiert, das sich allerdings allein bei weitem nicht so trägt wie es den Anschein hatte."

Doch wie lange werden die Kunden Wirecard die Treue halten? Und ist das Geschäft überzeugend genug, um Käufer anzuziehen? James Freis sucht die Antwort. Er wird sie schnell finden müssen.

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