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Umtriebiger Cheflobbyist Christian Miele Wie die Start-up-Investoren sich vom Staat retten lassen

Geschickt umgarnte die deutsche Investorenszene die Berliner Politik und bastelte sich einen Rettungsschirm, der sie vor allem selbst schützt. Zu Lasten der Gesellschaft.
aus manager magazin 5/2020
Foto: Dominik Butzmann / laif

Die Bundesregierung? Christian Miele (32), Start-up-Investor und Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Start-ups, gerät ins Schwärmen. Staatssekretär Jörg Kukies (52; SPD), früher Co-Deutschland-Chef von Goldman Sachs, und der Digitalbeauftragte Thomas Jarzombek (46; CDU) hätten „wirklich einen unglaublichen Job“ gemacht; auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (61; CDU) attestiert er geistige Flexibilität: „toll!“ 

Miele hat allen Grund zur Freude. Für ihn und seine Mitstreiter soll es Staatsgeld regnen. Zunächst zwei Milliarden Euro sollen für von der Corona-Krise bedrohte Start-ups bereitgestellt werden. Der Rettungsschirm könnte gar so lukrativ für Risikoinvestoren ausfallen, dass es manchem in der Szene fast peinlich ist.

Christian Miele, dessen Onkel Markus (51) den gleichnamigen Hausgerätehersteller führt, hat ganze Arbeit geleistet. Gemeinsam mit anderen Investoren wie Lakestar-Gründer Klaus Hommels (53) bearbeitete er in den vergangenen Wochen Abgeordnete, Staatsminister und Vertreter der Förderbank KfW.

Und tatsächlich präsentierte die Regierung Anfang April eine Vorlage, die wichtige Forderungen des Verbands fast eins zu eins übernahm. Noch sind zwar mehrere Punkte offen, aber Altmaier sehen die Einflüsterer bereits hinter sich. Finanzminister Olaf Scholz (61; SPD) soll indes noch zögern.

Miele, ein Lehrling von Rocket-Internet-Boss Oliver Samwer (47), führt den Tech-Verband erst seit Dezember. Fiel der Verein früher eher durch Zurückhaltung auf, macht er nun ordentlich Wind. Der Schlagkraft zuträglich: Mieles Verbandsradio mit journalistischem Segen, das von Ex-„Handelsblatt“-Chef Gabor Steingart (57) veröffentlicht wird : In einem monatlichen Tech-Podcast plus Newsletter, herausgegeben von Steingarts Media Pioneer, darf Miele unwidersprochen PR-Thesen verbreiten und Lobbyismus betreiben. Jüngst hatte er etwa Bundeswirtschaftsminister Altmaier zu Gast. 

In der Szene ist Mieles Erfolg nicht unumstritten. Mehrere Investoren und Gründer fürchten, in der Krise als gierig dazustehen. „Ich finde, es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Millionäre nach Staatshilfe schreien“, kritisierte etwa Risikokapitalexperte Sven Schmidt (45) die Pläne in einem manager-magazin-Podcast.

In der Folge sprachen sich zahlreiche Gründer und Investoren gegenüber manager magazin explizit gegen eigens für Start-ups geschneiderte Hilfen aus, die über die bestehenden Instrumente wie Kurzarbeit oder KfW-Kredite hinausgehen. „Eiskalt ausgenutzt“ hätten Miele & Co. „die mangelnde Erfahrung“ vieler Politiker mit der hoch spezialisierten Wagniskapitalfinanzierung, analysiert der Partner eines deutschen Topfonds. Das Ergebnis habe mit der Rettung von Start-ups nur wenig zu tun. Die Pläne dienten vielmehr primär „der Entlastung der Investoren“.

Ein anderer Investor weist darauf hin, dass Start-ups per se neue Geschäftsmodelle austesteten, deren nachhaltiger Erfolg nicht bewiesen ist. „Das zu finanzieren, ist Aufgabe der Gesellschafter. Das Risiko darf nicht der deutsche Steuerzahler tragen.“ Er und weitere Geldgeber sehen nach Jahren schwindelerregender Unternehmensbewertungen eine Marktbereinigung als „lange überfällig“ .

Die geplanten Rettungsmilliarden konzentrieren sich bislang auf eine Nische: Start-ups, die von Wagniskapitalgebern finanziert werden. Das Problem: 85 Prozent der Jungfirmen gehören nicht dazu, haben aber häufig die solideren Geschäftsmodelle. Bestes Beispiel: Der Big-Data-Überflieger Celonis finanzierte sich lange Zeit selbst. Ebenso die Sport-App Freeletics. In Regierungskreisen heißt es, dass man überlege, in diesem Punkt nachzubessern.

Fehlt Geld für Investitionsrunden, die klammen Start-ups weiteres Wachstum ermöglichen, soll der Bund die Lücken füllen – wahrscheinlich mithilfe von Wandeldarlehen. Matching wird das genannt. Der staatliche Digitalbeauftragte Jarzombek hofft auf ein „gutes Geschäft“, doch das dürfte ein Wunschtraum bleiben. Die Investoren wollen die besten Unternehmen weiter selbst durchfinanzieren. Der Staat bekäme Anteile an den Problemfällen: Start-ups, die zum Teil schon vor Corona Probleme hatten.

Sicher ist nicht einmal, ob es wirklich an Kapital fehlt. Zuletzt brach die Szene alle Rekorde, die Fonds sind weltweit prall gefüllt (siehe Grafik „Rekordreserven“). Allein seit 2019 schlossen sieben große, in Deutschland aktive Wagniskapitalgeber neue Geldtöpfe mit insgesamt rund 3,7 Milliarden Euro – darunter Hommels’ Lakestar, Rocket Internet und auch Mieles E.Ventures. Zwar berichten Wagniskapitalgeber, dass es aktuell etwa bei Online-Reisediensten schwierig sei, Finanzgeber zu finden. Für die Mehrheit der Start-ups dürfte das aber nicht zutreffen. Aussichtsreiche Firmen  werden weiter finanziert, heißt es in der Szene - wenngleich auch nicht zu den Rekord-Bewertungen wie vor der Krise.

CDU-Mann Jarzombek verteidigt die Pläne damit, der Staat dürfe „nicht wie ein Haifisch“ agieren und etwa „Abschläge in unanständiger Höhe verlangen“. Man wolle „den Gründern gegenüber fair auftreten“ und sie nicht „wie eine Zitrone auspressen“. Ihn treibt eine seit dem Fall CureVac populäre Sorge: Mit dem Rettungspaket wolle die Bundesregierung „verhindern, dass Zukunftstechnologie​ in die Hand von ausländischen Investoren gelangt“. Dabei sind die meisten deutschen Digitalunternehmen ohnehin vorwiegend von ausländischen Geldgebern finanziert. In Auto1 und GetYourGuide stecken etwa via SoftBanks Vision Fund hunderte Millionen aus Saudi Arabien und Abu Dhabi. Hommels Lakestar  residiert in Zürich.

Christian Miele beteuert, Missbrauch vermeiden zu wollen. Ihm gehe es um Hilfen für alle Start-ups, nicht um den eigenen Vorteil.

In der Szene wundert man sich indes, dass der Staat sogar Mieles Empfehlung aufgriff, direkt in Fonds zu investieren, wenn ein Geldgeber ausfällt. So ein Fall gilt als sehr unwahrscheinlich. Es sei denn, in dem Fond sind viele Unternehmen investiert, die in der Krise leichter unter Druck geraten könnten als institutionelle Geldgeber wie Pensionsfonds. Wie bei E.Ventures. Dort kommt das Kapital etwa von Otto, Kärcher, Porsche, Lidl oder Deichmann. Einer der Partner heißt: Christian Miele.

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