Biontech-Chef zeigt sich "verwundert" "EU war bei Bestellung des Impfstoffs langsamer als andere"

Der Chef des Mainzer Forschungsunternehmens Biontech, Ugur Sahin, hat sich über die zögerlichen Impfstoff-Bestellungen der Europäischen Union gewundert. Zugleich stärkt Sahin die Hoffnung auf eine zügige Aufstockung der Produktion.
Ugur Sahin, Özlem Türeci: "Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle"

Ugur Sahin, Özlem Türeci: "Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle"

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Stefan F. Saemmer / imago images

Der Prozess in Europa sei wegen des Mitspracherechts der einzelnen Länder nicht so schnell und geradlinig abgelaufen wie anderen Ländern, sagte der Krebsforscher Ugur Sahin dem SPIEGEL. Die EU habe zudem auch auf andere Hersteller gesetzt, die nun doch nicht so schnell liefern können. "Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle", sagte Sahin: "Mich hat das gewundert."

Das Unternehmen suche nun Kooperationspartner für den Ausbau der Produktion. "Aber es ist ja nicht so, als stünden überall in der Welt spezialisierte Fabriken ungenutzt herum, die von heute auf morgen Impfstoff in der nötigen Qualität herstellen könnten", sagte Sahin. "Ende Januar haben wir Klarheit, ob und wie viel wir mehr produzieren können." Die neue Produktionsstätte in Marburg werde weit früher bereit sein als geplant, vielleicht schon im Februar. Im ersten Halbjahr könne sie bis zu 250 Millionen Dosen herstellen.

Weiterentwickelte Impfstoffgeneration im Spätsommer

Im Spätsommer könne außerdem eine weiterentwickelte Impfstoffgeneration bereitstehen, die auch bei weniger starker Kühlung transportiert werden könne, sagte Sahin. Kurz nach Weihnachten hatte es in Nordbayern offenbar Probleme mit der Kühlkette gegeben: In Oberfranken waren Impfdosen in einer Kühlbox angekommen, deren Temperatur einem Kontrollinstrument zufolge zeitweise über den erforderlichen acht Grad Celsius gelegen hatte. Rund 1000 Impfeinheiten wurden deshalb nicht genutzt, obwohl BioNTech der Regierung in Oberfranken zufolge erklärte, man halte den Impfstoff trotz der Temperaturabweichung für sicher.

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Ob der Biontech-Impfstoff auch gegen eine in England aufgetauchte, möglicherweise deutlich ansteckendere Mutation des Virus wirke, werde derzeit untersucht: "Wir testen, ob unser Impfstoff auch diese Variante neutralisieren kann, und wissen bald mehr." Falls der Impfstoff dagegen nicht wirke, könne er "rein technologisch" relativ einfach angepasst werden, was vielleicht sechs Wochen dauern würde. Die Frage sei, ob die Zulassungsbehörden die bereits nachgewiesene Wirksamkeit und Sicherheit in diesem Fall weiter akzeptieren würden - andernfalls wäre eine neue Studie mit Zehntausenden Probanden nötig. 

la/dpa
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