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Aufsteiger Comeback einer Legende

Bob Lutz will es bei General Motors noch einmal wissen
aus manager magazin 9/2001

Als General-Motors-Chef Richard Wagoner (48) am 15. Juni 2001 das schmucklose Büro von Bob Lutz (69) betrat, suchte er eigentlich nur den Rat eines erfahrenen Kollegen. Lutz, längst im Rentenalter, arbeitet als Chairman des Autobatterieherstellers Exide Technologies.

Sein Entwicklungschef gehe im nächsten Jahr in den Ruhestand, erzählte Wagoner beim Frühstück. Ob er nicht einen Nachfolger wisse, fragte der GM-CEO; oder ob Lutz sich vorstellen könne, als Berater für GM zu arbeiten.

Lutz war von der Idee wenig begeistert. Als Außenstehender habe man nicht genug Autorität, um Dinge zu verändern. Zwei Stunden lang debattierten die Männer, dann stand das wohl größte Comeback der Automobil-Geschichte fest.

Bob Lutz, Ex-Verkaufschef von Opel, Ex-Marketing-Vorstand von BMW, Ex-Europa-Chef von Ford und Vater von vielen Erfolgsautos wie des legendären Sportwagens Dodge Viper, tritt selbst als neuer Vice-President von GM an, zuständig für Produktentwicklung, Design und Qualität. Er löst Thomas J. Davis ab, der sich aufs Altenteil zurückzieht.

In deutschen Unternehmen kaum vorstellbar: GM ersetzt einen 55-Jährigen durch einen 69-Jährigen.

Trotz oder gerade wegen seines Alters und seiner Erfahrung ist Lutz für General Motors ein Glücksgriff. Der ehemalige US-Marineflieger, als Entwickler längst eine Legende, gilt als absoluter "Car Guy" mit dem Gespür dafür, was der Kunde will. Genau daran hapert es bei GM.

Die Produkte des traditionell von Finanzleuten dominierten Unternehmens gelten als stinklangweilig. Noch vor kurzem lästerte Lutz bei der Detroit Motorshow über das klobige Freizeitmobil Aztek: "Hässliche Autos verkaufen sich nicht."

Was aber treibt einen fast 70-Jährigen, sich einen der schwersten Jobs der Branche aufzuhalsen?

Lutz fuhr ein Leben lang auf der Überholspur - beruflich und privat. Einer, der nachts mit seiner Dodge Viper mit 200 Sachen über die Landstraßen brettert, der unter dem Pseudonym "Umberto Bigone" Autorennen fährt, und der mit einem tschechischen Düsenjäger des Typs Albatros L-29 über Michigan hinweg donnert -, so ein Typ kann noch nicht ruhig auf der Terrasse seiner Ranch sitzen.

Mit dem "letzten großen Automobiljob in meinem Leben" schließt sich für Lutz der Kreis. 1963 fing er bei GM in der Unternehmensplanung an. Nach Gastspielen bei Opel, BMW und Ford holte ihn Lee Iacocca zu Chrysler.

Bei Chrysler erlebte Lutz auch seine größte Niederlage. Dass Chairman Bob Eaton (61) ihn mit 66 Jahren, kurz vor dem Zusammenschluss mit Daimler, in den Ruhestand schickte, hat Lutz nie verwunden. Das Angebot von Richard Wagoner bedeutet für ihn die letzte Chance, es sich und der Autowelt noch einmal zu beweisen.

Drei Jahre läuft sein Vertrag mit GM - Verlängerung möglich. Dass er mit der Belastung fertig wird, steht für Lutz außer Frage. Er verweist auf seinen Vater, einen Ex-Banker, der mit 93 Jahren noch fast jeden Tag mit dem eigenen Auto ins Büro fährt. "Ich habe gute Gene", folgert Lutz. Jörg Schmitt

Jörg Schmit
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