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WestLB Codename "a cappella"

Die Sparkassen wollen die Landesbank an das Fondshaus Deka verkaufen - ein Aufgalopp für weitere Fusionen staatlicher Institute.
Von Ulric Papendick
aus manager magazin 12/2008

Als Heinz Hilgert (54), ehemals zweiter Mann bei der Frankfurter DZ Bank, im Mai dieses Jahres seinen neuen Job als Vorstandschef der Düsseldorfer WestLB antrat, hatte er einigen Grund, sich am Ziel seiner Karriereträume zu fühlen.

Zwar galt das Geldinstitut als angeschlagen, als eine Bank ohne Kunden, die sich an den internationalen Kapitalmärkten übel verzockt hatte. Doch Hilgert, dem der erhoffte Topjob bei der DZ Bank zwei Jahre zuvor verwehrt worden war, sah die Sache zuversichtlicher. Die WestLB, hatten ihm Landesregierung und Sparkassenverbände beim Einstellungsgespräch wortreich versichert, sei durch eine Bürgschaft von allen wesentlichen Risiken abgeschirmt. Der neue Chef erhalte von den Eignern zwei bis drei Jahre Zeit, den Konzern mit einem neuen Managementteam wieder aufzurichten. Eine, wie Hilgert fand, durchaus vernünftige Geschäftsgrundlage für seinen lang ersehnten Start als Frontmann eines großen Finanzkonzerns.

Er sollte sich irren. Ein halbes Jahr später ist von den Antrittshoffnungen des WestLB-Chefs nicht mehr viel übrig geblieben.

Seit Anfang August steht die WestLB zum Verkauf. Um das Plazet der EU-Kommission für die fünf Milliarden Euro schwere Bürgschaft zu erhalten, mussten die WestLB-Eigentümer der Brüsseler Behörde schriftlich versprechen, die Mehrheit an der Bank bis Ende September nächsten Jahres abzugeben.

Der Risikoschirm erweist sich zudem als weit weniger wasserdicht als erwartet. Der Kollaps der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers Mitte September, der die internationalen Kapitalmärkte in Panik versetzte, hat diverse Vermögenswerte der WestLB erneut empfindlich abschmelzen lassen. Die Milliardengarantien von Land und Sparkassen, schätzen Insider, dürften nicht mehr reichen, um alle Lücken abzudecken.

Statt die Bank in Ruhe umzubauen, bleibt Hilgert nur die akute Notoperation. Er ist, ebenso wie andere Landesbanker, auf die Hilfen aus dem Rettungsfonds der Bundesregierung angewiesen. Zugleich mussten der WestLB-Frontmann und seine Eigentümer in den vergangenen Wochen fieberhaft nach einem Partner fahnden.

Um die einst mächtigste deutsche Landesbank vor einer Zerschlagung zu bewahren, steuern Hilgert & Co. nun eine Übernahme der WestLB durch die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka an. Gespräche zwischen den Geldhäusern gibt es seit Wochen. Die Chancen, dass diese Annäherungsversuche die ersehnte Konsolidierung der Landesbankenszene einleiten, stehen nicht schlecht.

Das liegt weniger an Hilgert, der nicht gerade begeistert ist von der Aussicht, den soeben erst ergatterten Topjob schon wieder abgeben zu müssen. Wenn er könnte, würde der Landesbanker wohl lieber allein weitermachen.

Doch der Druck von Politik und Sparkassenverbänden ist immens. Geht es nach dem Willen der Sparkassen, so werden von den heute noch sieben nur drei große Landesbanken übrig bleiben (siehe Kasten Seite 90).

Die Finanzkrise der vergangenen Monate hat schonungslos offengelegt, dass WestLB & Co. auf sich allein gestellt dauerhaft nicht überlebensfähig sind. Diese Erkenntnis wollen Politiker, Notenbanker und Sparkassenfunktionäre nutzen, um aus den maroden Staatsinstituten endlich wettbewerbsfähige Einheiten zu schmieden.

Die WestLB spielt bei diesem Versuch die Schlüsselrolle. Gelingt es nun, den selbstmörderischen Sololauf des Instituts endlich zu beenden, so dürften auch die anderen Landesbanken dem Beispiel rasch folgen und fusionieren.

Um den durch die Finanzkrise ausgelösten Reformwillen zu nutzen, fordern die Antreiber der Konsolidierung ein hohes Tempo ein: "Bis Jahresende", sagt ein hochrangiger Sparkassenmanager, "werden wir ein Memorandum of Understanding unterschrieben haben, das die Zukunft der WestLB regelt."

Gut möglich, dass dieses Papier den Zusammenschluss von WestLB und Deka in die Wege leitet. Der Vorstoß, die beiden Institute zu kombinieren, kam von Deka-Chef Franz Waas (48). Der ehemalige Kapitalmarktvorstand der HSH Nordbank, der das Konzept im Spätsommer gemeinsam mit Hilgert entwickelt hat, ist vor allem an der Projektfinanzierung der Düsseldorfer Landesbank und an Teilen des Kapitalmarktgeschäfts interessiert.

Von der Logik dieser Kombination sind beide Bankchefs überzeugt. Immerhin würde das gemeinsame Geldhaus von der Herstellung komplexer Finanzprodukte über die Vermögensverwaltung bis zum Vertrieb via Sparkassen die komplette Wertschöpfungskette abdecken - für die gelernten Investmentbanker Waas und Hilgert ein einleuchtendes Geschäftsmodell.

Für Waas kam ein weiteres Motiv hinzu: Der Deka-Chef will im nahenden Landesbanken-Monopoly unbedingt einen aktiven Part übernehmen. Sein Kalkül: Schließen sich mehrere Staatsinstitute zusammen, könnten sie das Fondshaus Deka, das Landesbanken und Sparkassen je zur Hälfte gehört, anschließend womöglich kurzerhand übernehmen. Waas würde in diesem Szenario als Abteilungsleiter Fondsgeschäft enden - nicht unbedingt die Traumvorstellung des ehrgeizigen Bankers.

Deshalb treibt der Bayer mit amerikanischem Pass das intern unter dem Codenamen "a cappella" geführte Projekt nach Kräften voran. Das Fusionsteam leitet der Chef höchstpersönlich. Zugleich sicherte sich Waas die Unterstützung von Sparkassenpräsident Heinrich Haasis (63).

Der frühere baden-württembergische Landespolitiker, der seit gut zwei Jahren den Deutschen Sparkassenverband DSGV führt, will in seiner verbleibenden Amtszeit unbedingt die Konsolidierung der Landesbanken voranbringen. Die Finanzkrise sieht Haasis als hervorragende Chance, endlich den Widerstand zahlreicher Landesbanker und Politiker, die bisher jeden Fusionsversuch erfolgreich vereitelt haben, zu überwinden.

Der DSGV-Präsident reagierte deshalb euphorisch auf die Pläne seines obersten Fondsverwalters - und stellte umgehend einen Lenkungsausschuss zusammen. Das Team, zu dem außer Haasis selbst auch Claus Friedrich Holtmann (59), Chef des Ostdeutschen Sparkassenverbandes OSV, sowie der Sparkassen-Bundesobmann Jürgen Hilse (65) gehören, soll die Gespräche zwischen den Beteiligten vorantreiben.

Holtmanns OSV, so das Kalkül des Sparkassenpräsidenten, könne im Fall der WestLB-Übernahme deren Anteile an der Deka aufnehmen - und den Sparkassen damit zugleich die Mehrheit am Frankfurter Fondsanbieter sichern.

Zugleich erteilte Haasis als Verwaltungsratschef der Deka seinem Manager Waas höchst offiziell den Auftrag, eine Liaison mit der WestLB zu prüfen.

Den gewaltigen Aufwand betrieb der langjährige Sparkassenfunktionär Haasis nicht ohne Grund. Längst nicht jeder im öffentlich-rechtlichen Bankenlager ist von der Idee begeistert, aus Deka und WestLB einen Asset-Manager mit Kapitalmarktexpertise zu schmieden. Vor allem LBBW-Chef Siegfried Jaschinski (54) sieht in dem neuen Geldhaus einen unliebsamen Konkurrenten.

Jaschinski würde die WestLB wohl notfalls selbst übernehmen, traut sich dies aber im Moment nicht zu, da seine Bank vollauf mit der Integration der Landesbanken aus Rheinland-Pfalz und Sachsen beschäftigt ist.

Entsprechend harsch war die Re-aktion des Stuttgarter Bankmanagers. Jaschinski, berichten Insider, habe Waas nach Stuttgart bestellt und ihm unmissverständlich klargemacht, dass er als größter Aktionär der Deka wenig von deren WestLB-Ambitionen halte.

Die Warnung fruchtete wenig. Im Gegenteil: Bei Waas löste sie den Reflex aus, den Zusammenschluss mit der WestLB nun erst recht voranzutreiben. "Bislang war nur geplant, Teile der WestLB zu übernehmen. Jetzt will Waas die ganze Bank", sagt ein an dem Vorhaben Beteiligter. Für das Verbund- und Mittelstandsgeschäft der WestLB werde man dann anschließend einen Interessenten suchen.

Jaschinski ist indes nicht der einzige ernst zu nehmende Gegner eines Finanzkombinats aus WestLB und Deka. Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (57, CDU) dürfte wenig Freude an der Vorstellung haben, dass das Firmenschild an der Düsseldorfer Herzogstraße demnächst durch den Schriftzug "RestLB" ersetzt werden könnte.

Der Regierungschef, der rund 38 Prozent der WestLB-Anteile kontrolliert, hat gerade erst eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Sein neues Sparkassengesetz, das die Zusammenarbeit der WestLB mit den Sparkassen festschreiben sollte, musste Rüttgers erheblich entschärfen. Eine Kombination aus Landesbanken und Sparkassen, in der Branche "Vertikalisierung" genannt, scheint damit erst einmal passé.

Rüttgers bleibt nur die vage Hoffnung, dass die Brüsseler EU-Kommission den vertikalen Verbund im Gegenzug zur Genehmigung der Staatshilfe de facto anordnet - und dem Ministerpräsi-denten damit eine Vorlage gibt, das von ihm favorisierte Modell doch noch umzusetzen.

Anderenfalls kann Rüttgers lediglich versuchen, die angeschlagene Bank bis zur nächsten Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2010 allein durchzuschleppen. Diese Variante ist für die Düsseldorfer Staatskanzlei sicherlich verlockend. Schließlich würde eine Fusion oder ein Teilverkauf der WestLB für den gebeutelten Finanzplatz Düsseldorf, der gerade erst den Skandal um die Zockerbank IKB verdauen musste, neuerliche Arbeitsplatzverluste bedeuten.

Doch ein Alleingang birgt für die marode WestLB erhebliche Risiken. Die Bank ist auf fremde Hilfe angewiesen. Der sogenannte Datenraum, in dem die Düsseldorfer dem möglichen Fusionspartner Deka ihr Innenleben präsentieren, sei alles andere als erfreulich anzusehen, berichtet ein Kenner der Materie: "Das ist eher ein Datenregal als ein Raum, weil die WestLB sich offenbar nicht traut, alles zu zeigen."

Die Hinhaltetaktik hat gute Gründe: Wie die meisten anderen Banken auch, hat WestLB-Chef Hilgert die brutalen Verwerfungen nach der Lehman-Pleite bisher nur zum Teil in seinem Zahlenwerk berücksichtigt. Im Zwischenbericht für das dritte Quartal 2008 sind etliche Papiere mit dem Wert von Ende August angesetzt - was die internationalen Bilanzierungsregeln IFRS erlauben, wenn die Märkte derart taumeln wie zurzeit.

Um die finanzielle Basis seiner Bank nicht noch weiter abschmelzen zu lassen, benötigt Hilgert deshalb Hilfen aus dem Rettungsfonds der Bundesregierung.

Dass sie Garantien für die Aufnahme neuen Fremdkapitals beantragen will, hat die WestLB bereits angekündigt. Darüber hinaus wird Hilgert wohl auch Kapitalspritzen in Anspruch nehmen müssen, um seine im internationalen Vergleich dürftige Kernkapitalquote von rund 6 Prozent aufzupolstern.

Diese Chance wollen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (61, SPD) und Notenbankchef Axel Weber (51) nutzen, um die WestLB notfalls auf Fusionskurs zu zwingen. Die Krisenmanager sind bereit, der angeschlagenen Bank zu helfen und notfalls auch ihre Risiken abzuschirmen - aber nur unter strengen Auflagen. "Die Ansage von Steinbrück ist eindeutig: Wir haben ein Jahr Zeit, um die Konsolidierung auf den Weg zu bringen", sagt ein Landesbanker.

Zu wenig Zeit für NRW-Regierungschef Rüttgers, um die Bank im Alleingang über die nächste Wahl zu retten - zumal die in Finanzkreisen gefürchtete Brüsseler Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes (67) bei der Gewährung von Staatshilfen erhebliche Mitspracherechte hat.

Die resolute Holländerin hat zur WestLB eine sehr klare Meinung: Die von immer wiederkehrenden Krisen geprägte Geschichte der Düsseldorfer Landesbank (siehe Kasten Seite 86), verkündete sie Gesprächspartnern aus Germany unlängst, müsse endlich ein Ende haben. Ulric Papendick

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