Cathie Wood Börsenstar im Auftrag des Herrn

Senkrechtstarterin mit 65 Jahren: Cathie Wood hat sich als Leitfigur an der Wall Street neu erfunden. Von jungen Kleinanlegern angehimmelt, setzt die streng konservative Amerikanerin manches Branchengesetz außer Kraft.
Nach mehr als 30 Jahren an der Wall Street will sie es noch einmal wissen: Cathie Wood gründet im Alter von 57 Jahren die Investmentgesellschaft Ark Investment

Nach mehr als 30 Jahren an der Wall Street will sie es noch einmal wissen: Cathie Wood gründet im Alter von 57 Jahren die Investmentgesellschaft Ark Investment

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Alex Flynn / Bloomberg via Getty Images

Cathie Wood strahlt eine fast prophetische Gewissheit über die Zukunft aus. "Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so überzeugt ist", beschrieb Sig Segalas, ein ehemaliger Chef von Wood, kürzlich das Wesen der 65-jährigen Starinvestorin gegenüber der "New York Times ". Dieses Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr. Die Ökonomin, die an der University of Southern California studierte, ist eine tief religiöse Christin. Ihr zufolge wurde sie vom Heiligen Geist dazu inspiriert, ihre Investmentgesellschaft Ark Investment zu gründen.

In einem Alter, in dem andere entweder schon in den Ruhestand gehen oder sich zumindest gedanklich stark damit beschäftigen, legte Wood nach mehr als 30 Jahren an der Wall Street noch einmal richtig los. Als Folge der weltweiten Finanzkrise kam sie auf die Idee, Portfolios von innovativen Unternehmen als ETFs (Exchange Traded Funds, also börsengehandelte Indexfonds, die die Wertentwicklung eines Börsenindex abbilden) zu strukturieren.

Da ihr damaliger Arbeitgeber, der Vermögensverwalter Alliance Bernstein, ihre Idee ablehnte, gründete sie 2014 im Alter von 57 Jahren ihren eigenen Investmentfonds. "Die meisten meiner Freunde sagten mir, ich sei verrückt, und doch hörte ich ihnen nicht zu. Ich wusste, dass ich Gottes Willen für mich befolgen musste", sagte sie 2016 einer christlichen Organisation.

Durchbruch mit Tesla

Der Durchbruch gelang Wood allerdings erst 2018. Damals investierte sie 10 Prozent ihres gesamten Fondsvermögens in die Aktie des Elektroautobauers Tesla. Sie hielt das Papier für komplett unterbewertet. Wie wir heute wissen, sollte sie recht behalten. Das blieb natürlich auch Tesla-Gründer Elon Musk (50) nicht verborgen. Auf Twitter begannen die beiden einen regen Austausch, wodurch die US-Amerikanerin immer bekannter wurde.

Die Strategie mit der Investition in disruptive Unternehmen oder innovative Geldanlagen setzte die geschiedene Mutter von drei Kindern, die sich politisch und ökonomisch selbst als konservativ bezeichnet und beispielsweise Donald Trump (75) in seinem Wahlkampf unterstützte, fort. Sie wolle in Unternehmen investieren, die die "Zukunft der Welt formen", wie sie selbst einmal sagte. So standen neben Tesla auch Netflix, Square und die Kryptowährung Bitcoin in ihrem Portfolio. Der Ark Innovation ETF, der wichtigste Fonds von Ark Investment, performte immer besser. Wood hatte das richtige Gespür, zur richtigen Zeit in das richtige Unternehmen zu investieren.

Im Corona-Jahr profitierte Wood schließlich von der hohen Nachfrage nach innovativen Produkten, aber auch von dem Hype an den Aktienmärkten, weil sich unter anderem immer mehr Privatanleger im Zuge der Lockdowns die Zeit mit Investments an der Börse vertrieben. Der Ark Innovation ETF legte 2020 um sagenhafte 150 Prozent zu. Zum Vergleich: Der S&P 500 stieg im selben Zeitraum nur um 16 Prozent. Inzwischen verwaltet die Milliardärin laut der "New York Times " ein Vermögen von 85 Milliarden US-Dollar.

Eine ungewöhnliche Frau

Wood ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich, nicht nur, weil sie erst im hohen Alter den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. Sie setzte sich in einer Branche durch, die überwiegend von Männern dominiert wird. Sie konzentriert sich auf Unternehmen, die als Domäne der Jungen gelten. Zudem informiert sie die Öffentlichkeit nahezu täglich über Veränderungen in ihren Fonds. Die meisten Hedgefonds setzen alles daran, ihre Strategien geheim zu halten und die Anleger nur einmal pro Quartal über ihre Anlagestrategien zu unterrichten. Wood dagegen nutzt jegliche Social-Media-Kanäle ebenso wie die eigene Website  dafür, um mit ihren Anhängern in Kontakt zu kommen.

Das alles hat ihr gerade unter den durch die Corona-Krise neu hin zu gekommenen Kleinanlegern eine breite Fangemeinde verschafft. Cathie "The Queen" Wood wird verehrt wie ein Popstar, es gibt sogar Merchandising-Artikel mit dem Logo ihres Hedgefonds zu kaufen.

Wie groß ihr Einfluss auf Anleger inzwischen ist, zeigte sich zuletzt beim US-Onlinebroker Robinhood. Das Börsendebüt des Unternehmens Ende Juli war alles andere als erfolgreich. Als Wood wenige Tage später eine Investition in die Trading-App öffentlich machte, griffen ihre Fans zu und katapultierten den Aktienkurs um 65 Prozent in die Höhe. Das Unternehmen, das von vielen Kleinanlegern genutzt wird, um gezielt Aktien zu pushen, wurde nun selbst das Ziel dieser sogenannten Crowd-Spekulationen. Auch wenn gerade Kleinanleger durch die Transparenz der Ark-Fonds eher die Aktien nachkaufen, als in die Fonds selbst zu investieren, profitiert Wood doch indirekt durch die steigenden Kurse.

Die Risiken steigen

Doch Woods Strategie birgt auch enorme Risiken. So kann ihr Investitionsstil durch die Transparenz von Ark Investment jederzeit kopiert werden. Schon jetzt haben Blackrock und die Vermögensverwaltung von Goldman Sachs ähnliche Angebote auf dem Markt. Und die Vermögensverwaltung JP Morgan Chase will laut "New York Times " sogar vier ihrer Fonds in aktive, transparente ETFs umwandeln.

Problematisch ist für die Investmentgesellschaft auch, dass sich viele Anleger auf Wood selbst konzentrieren. Sollte sie plötzlich krank werden oder gar sterben, könnten die Investoren schneller Geld abziehen, als es dem verbliebenen Management lieb wäre.

Inzwischen gibt es sogar Wetten darauf, dass der Fonds Verluste schreiben wird. So hat sich beispielsweise der Investor Michael Burry öffentlich gegen sie gestellt und auf den Absturz ihres Hedgefonds gewettet. Und nach dem Ende der Lockdowns setzen viele Anleger wieder auf traditionelle Branchen, weil sie glauben, dass diese von der wirtschaftlichen Erholung profitieren. Das spiegelt sich auch in der Performance des Ark Innovation ETF wieder: In diesem Jahr ging es im Vergleich zum Vorjahr bereits um 7 Prozent bergab.

Den Glauben teilt Wood übrigens mit ihrem Freund Bill Hwang (57), der im März dieses Jahres mit dem Zahlungsausfall seines US-Hedgefonds Archegos Capital für heftige Turbulenzen in der Finanzbranche sorgte. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht auch die Pleite-Erfahrung bald teilen werden.

mg
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