Legalisierung in Sicht Diese Firmen stehen bereit für den deutschen Cannabis-Markt

Die Aussicht auf eine Ampelkoalition in Berlin weckt Hoffnungen in der Cannabis-Branche. Vor allem kanadische Konzerne haben mit Marihuana als Medizin schon einen Fuß in der Tür zu einem künftigen, legalen Milliardengeschäft.
Pioniermarkt: In kanadischen Städten wie Toronto haben sich Cannabis-Shops bereits etabliert

Pioniermarkt: In kanadischen Städten wie Toronto haben sich Cannabis-Shops bereits etabliert

Foto:

Eckhard Stengel / IMAGO

Einen neuen Markt zu schaffen, haben die Ampelparteien nicht unbedingt als erstes im Sinn. Mit "Suchtprävention und Jugendschutz" begründen SPD, Grüne und FDP, warum sie den Konsum von Cannabis auch ohne medizinische Gründe kontrolliert freigeben wollen. Und doch dürfte "dem Schwarzmarkt den Boden entziehen" im Gegenzug auch bedeuten, den Weg für milliardenschweres legales Geschäft zu bereiten.

Zwar will die SPD in ihrem Wahlprogramm nur "Modellprojekte von Ländern und Kommunen" zulassen, während FDP und Grüne für einen bundesweit regulierten Verkauf in lizenzierten Fachgeschäften plädieren. Doch zumindest die FDP rechnet schon vor, was dabei für die Staatskasse herausspringen könnte: "jährlich bis zu einer Milliarde Euro" ließen sich mit Cannabis analog zur Tabaksteuer einnehmen – eine absolute Ausnahme, dass sich die Partei einmal explizit für neue Steuern ausspricht. Der Düsseldorfer Ökonom Justus Haucap hält inklusive Mehrwertsteuer, Gewerbesteuer und eingesparten Kosten beispielsweise bei der Polizei sogar einen positiven Haushaltseffekt von 2,7 Milliarden Euro für möglich. Passend zu den laufenden Koalitionsverhandlungen, will Haucap neue Zahlen liefern.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Game Changer für die öffentlichen Finanzen wären solche Summen nicht – aber ein Zeichen, dass ein relevanter Markt entsteht. Europaweit würden mit dem bisher in einigen Ländern zugelassenen medizinischen Cannabis rund 400 Millionen Euro umgesetzt, schätzt Michael Sassano, Chef des Großlieferanten Somaí. Deutschland, seit 2017 dabei, steht für den mit Abstand größten Anteil. Für den deutschen Markt, der bislang vollständig von den Krankenkassen finanziert wird, gibt die Deutsche Schmerzgesellschaft knapp 90 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2021 an. Tendenz stark steigend, trotz aller Restriktionen: Ärzte dürfen das Rauschmittel nur dann auf Rezept verschreiben, wenn keine Alternative hilft.

Trotzdem rechnet die Beratungsfirma Prohibition Partners damit, dass allein das deutsche Geschäft mit medizinischem Cannabis sprunghaft auf mehr als eine Milliarde Euro anwächst, sobald der heimische Anbau im großen Stil auf den Markt kommt. Das dürfte, coronabedingt verspätet, im kommenden Jahr der Fall sein. Drei Unternehmen haben eine Lizenz des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte für Hanfzuchten in deutschen Bunkern. Im Juli berichtete der Marktführer Tilray von der ersten Ernte in Neumünster. Die Wettbewerber Aurora in Leuna und Demecan im Landkreis Meißen wollen folgen.

Startvorteil für die Kanadier

Demecan ist ein Start-up aus Berlin mit Unternehmern aus mittelständischen Firmen wie Krombacher und Schleich oder auch dem hessischen Futury Fonds im Rücken, die beiden anderen Firmen sind börsennotierte Cannabis-Konzerne aus Kanada – mit einem gewaltigen Startvorteil: Das nordamerikanische Land ist 2018 als erstes und bislang einziges weltweit den Weg der kommerziellen Freigabe ohne große Einschränkungen gegangen.

In den Niederlanden sind die Coffeeshops nur geduldet, nicht erlaubt – und ihre Ware besorgen sie sich nach wie vor illegal; zur Legalisierung werden Modellprojekte angestrebt. Uruguay lässt das Gras über Apotheken verteilen, nur an Staatsbürger und in begrenzten Mengen. Luxemburg, von einer Ampelkoalition unter liberaler Führung regiert, hat gerade privaten Anbau und Konsum legalisiert – aber nicht den Handel. In den USA haben inzwischen zwar die meisten Staaten das Kiffen erlaubt, aber mit jeweils eigenen Regeln für die lokalen Märkte und bislang in Konflikt mit den Bundesgesetzen, die etwa den Zugang zu Banken behindern, auch wo die Geschäfte legal sind.

Nur in Kanada konnte sich deshalb eine Milliardenindustrie um Cannabis als Genussmittel etablieren. Die dortigen Firmen stehen daher bereit, falls sich weitere Märkte öffnen – und der deutsche könnte unter der Ampelkoalition vorn dabei sein.

Tilray-Chef Irwin Simon verspricht den Aktionären, "die fast 200 Milliarden Dollar große globale Cannabis-Marktchance zu ergreifen". Simon, zuvor an der Spitze des Wettbewerbers Aphria, hat die beiden Marktschwergewichte im Mai fusioniert. Als Nummer eins in Kanada und Deutschland bewirbt Tilray jetzt seine Chancen, den Markt zu erobern. Auch die großen Produktionsanlagen in Portugal, wo der Anbau auch im Gewächshaus statt im Bunker erlaubt ist, mache die Kanadier zum Vorreiter für das legale EU-Geschäft.

Apotheken als Einstiegshelfer

In aller Regel geben sich die Firmen große Mühe, so seriös wie möglich den rein medizinischen Fokus zu betonen und bloß keine Assoziation mit Kiffen als bloßem Vergnügen aufkommen zu lassen.

Aus Investorensicht aber ist die Logik zu bestechend: Miguel Martin, Chef von Tilrays kanadischem Wettbewerber Aurora, spricht davon, "in das globale Freizeitgeschäft für Erwachsene zu expandieren, wenn sich die medizinischen Regelwerke weiterentwickeln". Aurora hat mit Pedanios den größten Lieferanten für deutsche Apotheken übernommen. Wer Know-how und Lieferketten für medizinisches Cannabis aufgebaut hat, kann die Drogen auch an die viel größere Zahl der Freizeitnutzer verkaufen – oder umgekehrt, wenn man sich mit der Absatzplanung für Selbstzahler überschätzt.

Das ist in Kanada in den vergangenen Jahren passiert. Die Aussicht auf eine Cannabis-Bonanza hat dort zu einem Überangebot geführt, zumal viele Kunden trotz der legalen Option noch immer die billige, oft härtere Ware vom Schwarzmarkt bevorzugten. Aurora mit dem Anspruch auf besonders hochwertige Produkte konnte die entsprechenden Premiumpreise nicht durchsetzen und schrieb zuletzt einen Jahresverlust von 3,3 Milliarden kanadischen Dollar (2,3 Milliarden Euro). Manche Hoffnungsträger blieben auch auf der Strecke. Aus der Insolvenzmasse der kanadischen Firma Wayland, früher bekannt als Maricann, konnte das Berliner Start-up Demecan sein sächsisches Hanfwerk kaufen.

Neue Hoffnungswerte USA und Europa

Rote Zahlen sind in der Branche gang und gäbe, wenn auch meist nicht so ausgeprägt wie bei Aurora. Die Mehrheitsbeteiligung an Canopy Growth, einem weiteren kanadischen Cannabiskonzern – mit Europazentrale in Frankfurt am Main, die unter dem Namen Spectrum Therapeutics verschiedene deutsche Firmenzukäufe versammelt – hat im abgelaufenen Quartal fast den kompletten Gewinn des Bier-, Wein- und Spirituosengiganten Constellation Brands ausradiert. Dabei sollte Cannabis als Zukunftsgeschäft den absehbaren Niedergang der Alkoholindustrie ausgleichen.

Jetzt will Canopy Growth sich mit dem US-Zukauf Wana verstärken, dem führenden Verkäufer von Nahrungsmitteln wie Fruchtgummis mit Cannabiszusätzen. Bedingung für den Mitte Oktober verkündeten Deal: die Zulassung des Geschäfts auf Bundesebene, über die derzeit der Kongress in Washington verhandelt.

Der US-Konzern Curaleaf hat sich geduldig auf diese Chance vorbereitet und in 23 verschiedenen Bundesstaaten das Cannabisgeschäft nach den lokalen Regeln aufgebaut. Eine "starke Basis für zukünftiges Wachstum" sieht Curaleaf-Chairman Boris Jordan. Im Frühjahr verschafften sich die Amerikaner noch ein zweites Standbein, indem sie für 286 Millionen Dollar die Londoner Firma Emmac übernahmen, die zwei Hektar Anbauflächen in Portugal betreibt und auch den deutschen Markt für medizinisches Cannabis versorgt. "Langfristig", so Jordan, bringe der Einstieg in Europa "einen potenziellen Markt, der doppelt so groß ist wie der in den Vereinigten Staaten".