Studie "Fleischatlas" Mehr Emissionen als Deutschland – das Klimaproblem der Fleischindustrie

Die 20 größten Fleischkonzerne der Welt stoßen zusammengenommen mehr Schadstoffe aus als ein Industrieland wie Deutschland. Die Studie "Fleischatlas" zeigt außerdem die immer stärkere Konzentration der Fleischwirtschaft - und eine steigende Zahl junger Menschen, die auf Fleisch verzichten.
Schlachthaus: Die Viehzucht ist für knapp 15 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich

Schlachthaus: Die Viehzucht ist für knapp 15 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich

Foto: Kzenon / imago images/Panthermedia

Die 20 größten Fleischkonzerne der Welt stoßen zusammengenommen mehr Schadstoffe aus als ein Industrieland wie Deutschland, Großbritannien oder Frankreich. Das geht aus einer Studie unter dem Titel "Fleischatlas" hervor, den die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und der deutschen Ausgabe der Le Monde Diplomatique herausgibt.

Demnach macht die Viehzucht 14,5 Prozent der globalen Emissionen aus. Die größten 20 Unternehmen am Fleisch- und Milchmarkt sind der Studie zufolge für mehr Emissionen verantwortlich als Deutschland. Bereits die fünf größten dieser Konzerne haben zusammen einen größeren C02-Fußabdruck als der Ölkonzern Exxon.

Großverdiener: Die Umsätze der Großkonzerne in Milliarden US-Dollar

Großverdiener: Die Umsätze der Großkonzerne in Milliarden US-Dollar

Grafik: Fleischatlas 2021 | Bartz/Stockmar CC-BY-4.0

Investoren stecken Milliarden Dollar in Fleischindustrie

Trotz dieser schlechten Umweltbilanz floriert das Geschäft mit Würsten, Schnitzel und Co. Zwischen 2015 und 2020 investierten Fonds, Banken und andere Unternehmen 478 Milliarden US-Dollar (ca. 405 Mrd. Euro) in die Fleisch- und Molkereiindustrie. Zu den größten Geldgebern gehören unter anderem Blackrock, Vanguard und der norwegische Pensionsfonds.

Heute wird dreimal so viel Fleisch produziert wie noch vor 50 Jahren. 2018 hat die Menschheit 320 Millionen Tonnen Fleisch gegessen. Bis zum Ende des Jahrzehnts rechnet die OECD damit, dass die Produktion um mehr als zehn Prozent auf 366 Millionen Tonnen wächst. Die größten Produktionsländer dürften die EU-Länder, die USA, China und Brasilien bleiben – mit einem Anteil von 60 Prozent des globalen Outputs.

Der deutsche Verband der Fleischwirtschaft kritisiert die Studie der Umweltverbände. Er verweist darauf, dass der Anteil am Treibhausgasausstoß innerhalb der EU mit acht Prozent nur etwa halb so hoch sei wie weltweit. Die Branche habe ihre Emissionen in den vergangenen 30 Jahren um knapp ein Viertel reduziert.

Konzentration: Große Betriebe wachsen, kleine verschwinden

Allein der größte Fleischmulti der Welt, JBS aus Brasilien, lässt täglich zehntausende Großtiere und bis zu 14 Millionen Geflügeltiere schlachten. Aufs Monat gerechnet, ergibt das der Studie zufolge mehr als 210.000 Millionen Tonnen Fleisch. Zur Einordnung: Die Erzeugung eines Kilos Rindfleisch verbraucht laut dem Klimarechner des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg 12 Kilogramm CO₂. Das entspricht einer Strecke von 87 Kilometern mit dem Auto. Ein Kilo Schwein oder Hähnchen setzt hingegen vier Kilogramm CO₂ frei.

Die Marktmacht von Konzernen wie JBS wächst. In den USA beherrschen nur vier Unternehmen beinahe den gesamten Markt für Rindfleisch.

Tönnies-Gruppe mit Abstand größter Produzent in Deutschland

Ähnlich entwickelt sich auch die Situation in Deutschland. Der größte Fleischproduzent hierzulande ist die Tönnies-Gruppe. Das Unternehmen schlachtete laut dem Fleischatlas 2019 knappe 17 Millionen Schweine. Damit kontrolliert Tönnies allein rund ein Drittel der deutschen Schweinefleischverarbeitung – doppelt so viel wie das nächstgrößere Unternehmen, Westfleisch. Die Verfasser des Fleischatlas gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.

Denn die Viehbestände mögen insgesamt zwar sinken. Aber eine kleine Anzahl großer Betriebe hält immer mehr Tiere. Besonders stark sei dieser Effekt in der Schweinehaltung, besonders in Nordrheinwestfalen und Niedersachsen.

Der Fleischatlas kritisiert, dass die großen Player mächtiger werden. Das verzerre den Wettbewerb. Denn die Großproduzenten würden die Fleischpreise kontinuierlich nach unten drücken. Und tatsächlich sinkt der Preis für einen Kilogramm Schweinefleisch seit Wochen. Vergangene Woche kostete ein Kilogramm 1,25 Euro. Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften (VEZG) begründet die Entwicklung mit dem massiven Preisdruck der großen Schlachter im Nordwesten. Züchter leiden unter den niedrigen Preisen. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat für kommende Woche deshalb sogar einen Krisengipfel mit Vertretern der Landwirtschaft, der Fleischindustrie und des Lebensmitteleinzelhandels einberufen.

Der Verband der Fleischwirtschaft weist darauf hin, dass die Konzentration auf weniger Betriebe nichts Neues sei, sondern durch zunehmende Regulationen und Kosten beschleunigt würde. Das läge an den erhöhten Anforderungen an die Tierhaltung und die Unsicherheit über politische Entscheide. "Wenn einzelne Politiker in Deutschland fordern, den Tierbestand zurückzufahren, damit die Erlöse für diejenigen, die in der Produktion verbleiben, wieder steigen haben sie den Markt nicht verstanden", sagt ein Verbandssprecher auf Anfrage des manager magazins. Die Wettbewerbsbedingungen innerhalb der EU müssten harmonisiert werden.

Nicht jedes in Deutschland geschlachtete Tier landet auf dem Teller. Laut der Fleischatlas Studie würden jährlich 100 Millionen sterben, ohne dass ihr Fleisch verzehrt wird. Einerseits seien das Tiere, die während der Mast sterben. Andererseits würden Tiere aus wirtschaftlichen Gründen getötet. Prominentestes Beispiel hierfür ist das Kükenschreddern, das der Bundestag jüngst verboten hat. Dadurch wird die Zahl von 100 Millionen um rund die Hälfte sinken.

Das Missverständnis mit dem Wasser

Sobald es um Fleischkonsum und dessen Auswirkungen aufs Klima geht, fällt häufig ein Argument: Fleisch herzustellen, würde Unmengen an Wasser verschwenden. Tatsächlich benötigt es auch mehr als 15.000 Liter Wasser, ein Kilogramm Rindfleisch herzustellen. In diese Zahl wird allerdings auch Regen und natürliches Bodenwasser eingerechnet. Relevanter ist aber das Wasser, mit dem künstlich bewässert wird. Oder solches, das verschmutzt wird. Berücksichtigt man nur diesen beiden Mengen, schrumpft der Wasserbedarf eines Rindes auf knapp 1000 Liter. Umweltschädlich sei es laut der Studie besonders, wenn Landwirte in trockenen Regionen Futtermittel künstlich bewässern. Damit würde dem Ökosystem das ohnehin schon knappe Wasser entzogen. Der UN-Welternährungsorganisation zufolge leiden einige Staaten der USA im mittleren Westen sowie der Westen Chinas deshalb schon unter versalzenden Böden.

Soja: Futter für unser Abendessen

Beinahe drei Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der Erde werden dafür verwendet, Vieh aufzuziehen oder dessen Futter anzubauen. Allein in Brasilien etwa werden 125 Millionen Hektar für den Anbau von Soja aufgewandt. Auch das trägt zum enormen ökologischen Fußabdruck der Fleischproduktion bei. Fläche für Soja zu schaffen ist in Brasilien inzwischen der zweithäufigste Grund für Abholzung. An erster Stelle liegt die Viehwirtschaft.

Eigentlich ist der Handel mit Soja, der von Regenwaldflächen stammt, verboten. Eine im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte Studie legt allerdings nahe, dass ein Fünftel des von der EU importierten brasilianischen Sojas auf illegal gerodeter Fläche gewachsen sei. Die Abholzungsrate stieg in Brasilien in den vergangenen Jahren auf ein Rekordniveau. Der Trend dürfte sich fortsetzen. Denn der Soja- und der Viehmarkt sind eng miteinander verwoben. Je stärker die Nachfrage nach Fleisch, desto mehr Futter benötigen die Tiere.

Wer viel Fleisch isst, belastet das Klima

Wer viel Fleisch isst, belastet das Klima. In der jüngeren Generation ist die Zahl derjenigen, die auf Fleisch verzichten oder sehr wenig Fleisch essen, gewachsen: Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ernähren sich doppelt so viele 15- bis 29-Jährige vegetarisch oder vegan. Die Herausgeber des Fleischatlas haben diese Altersgruppe zu ihrem Fleischkonsum befragt. Das Ergebnis: Ernährung ist weder eine Bildungs-, noch eine Stadt-Land-Frage. Sondern eher eine des Geschlechts und der politischen Einstellung.

70 Prozent der Vegetarier und Vegetarierinnen sowie der Veganer und Veganerinnen sind weiblich. Zudem bezeichnen sich mehr als drei Viertel jener, die auf Fleisch verzichten, als Teil der Klimaschutzbewegung.