Heiner Thorborg

Politisches Personal Fehlendes Format

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Wären die Volksparteien Unternehmen, würden sie jetzt nach externen Führungskräften suchen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. In Krisen bringen Chefs von außen mehr.
Spitzenpersonal Laschet, Baerbock, Scholz (v.r.): Parteien sollten denken wie Aufsichtsräte

Spitzenpersonal Laschet, Baerbock, Scholz (v.r.): Parteien sollten denken wie Aufsichtsräte

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Michael Kappeler / POOL / EPA

Nach der Wahl ist immer auch vor der Wahl – und angesichts der Kandidaten, unter denen zu wählen wir dieses Mal das Missvergnügen hatten, ist es höchste Zeit darüber nachzudenken, wie wir in Deutschland unser politisches Personal rekrutieren.

In gut geführten Unternehmen gibt es zwei Maßstäbe, nach denen Chefs ausgesucht werden: Das eine Kriterium ist ihre Kompetenz, das andere ihre Eignung als Führungskraft, kurz: ihre Persönlichkeit. Viele Unternehmen bevorzugen es, ihr künftiges Topmanagement intern aufzubauen und zu fördern, bis es die Erfahrung, das Netzwerk und das Stehvermögen hat, das Zepter zu übernehmen.

Wenn der Karren jedoch festgefahren ist, ein Betrieb mit dem Wandel in seiner Branche nicht mithalten kann, mit Skandalen und Gerichtsverfahren kämpft oder an strategischen Fehlentscheidungen laboriert, werden gerne Manager von außen berufen. Der Gedanke ist dabei: Die Organisation braucht eine neue Perspektive und einen frischen Ansatz, um den Laden wieder flott zu bekommen.

Diese Überlegung ist alles andere als dumm. Vor ein paar Jahren veröffentlichte die Unternehmensberatung McKinsey eine Studie mit dem Tenor, dass Firmen mit wirklich herausragenden CEOs – Chefs, unter deren Führung der "Total Return to Shareholders" um mindestens 500 Prozent zulegte – doppelt so häufig von Managern gelenkt wurden, die als externe Kandidaten in das Unternehmen gekommen waren, als von von internen. Untersucht wurden dafür knapp 600 CEO-Berufungen aus dem Standard & Poor's 500 Index.

Mangel an Kompetenz und Persönlichkeit

Wenn wir uns die Parteien als Großunternehmen vorstellen und uns, das Wahlvolk, als Aufsichtsräte im Personalrat, scheitern sämtliche Kanzlerkandidaten der vergangenen Bundestagswahl schon an der ersten Frage nach der richtigen Kombination aus Kompetenz und Persönlichkeit. Armin Laschet und Olaf Scholz bringen immerhin als Ministerpräsident beziehungsweise Finanzminister Kompetenz im Sinne von Führungserfahrung in hohen Staatsämtern mit, allerdings fehlt es beiden an der überzeugenden Persönlichkeit eines CEOs.

Annalena Baerbock hatte in dieser Beziehung gar nichts vorzuweisen, weder substanzielle Führungserfahrung noch Chefqualitäten. Unvorstellbar, dass der Deutschland AG – ein Betrieb mit 80 Millionen Mitarbeitern – jemand vorstehen soll, der bislang nichts weiter vollbracht hat, als sich mit Robert Habeck die Führung der Grünen zu teilen.

Im Ergebnis haben die deutschen Parteien den Karren in den Dreck gefahren. Anders kann man es nicht nennen, wenn keine der beiden Großorganisationen – Union und SPD – mehr als ein Viertel der Wahlbevölkerung von sich überzeugen kann. Betrachtet man Deutschland als Konzern, bedeutet dies, dass 75 Prozent der Mitarbeiter nun einen Chef bekommen, dem sie nicht vertrauen. In der Wirtschaft würde unter diesen Umständen schnellstens ein guter Personalberater bestellt mit dem Auftrag, einen geeigneten externen Kandidaten zu suchen, der den Turnaround und die strategische Neuausrichtung in Angriff nimmt. Schließlich gilt es, "die Perspektive eines Externen zu entwickeln, die Kultur des Unternehmens objektiv zu sehen und die Trägheit der Organisation zu überwinden, die den Aktionsrahmen des typischen Insiders so oft begrenzt" – um noch einmal erwähnte McKinsey-Analyse zu zitieren.

Parteien müssen denken wie Aufsichtsräte

Stattdessen setzen die Parteien bei der Personalwahl wie schon seit Jahrzehnten auf den Marsch durch die Institutionen. Wer in der Politik was werden will, muss in der Jugendorganisation anfangen und sich dann durch die Kreis- und Landtage quälen. Wer hartnäckig ist und Glück hat, schafft es nach vielen Jahren irgendwo auf einen Ministersessel. Meist für ein Gehalt, das in der Wirtschaft belächelt würde. Erinnert sich noch jemand an den Satz "Wer nur Erdnüsse bezahlt, wird von Affen bedient"? Selbst das Gehalt eines Bundeskanzlers verblasst neben dem, was intelligente, kompetente Führungskräfte in der Wirtschaft verdienen.

Ist es da ein Wunder, dass Menschen mit dem Potenzial, große Organisationen gut zu führen, in den Konzernen landen und nicht in der Politik? Und wenn sie beides können, Politik und Wirtschaft, werden sie vom politischen Establishment und den Medien grün und blau geprügelt – wie es beispielsweise Friedrich Merz mehrfach erfahren musste.

Wollen unsere Volksparteien überleben, müssen sie lernen zu denken wie gute Aufsichtsräte und es möglich machen, dass sich überzeugende Kandidaten mit Führungskompetenz und -persönlichkeit auch als Quereinsteiger durchsetzen und zur Wahl stellen können. Sind sie erfolgreich, müssen sie auch zu angemessenen Konditionen bezahlt werden. Wollen wir in Zukunft überzeugende und qualifizierte Kanzlerkandidaten, muss sich das politische System grundlegend wandeln. Und diese Aufgabe fängt bei den Parteien an.

Anmerkung der Redaktion: Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.