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BDI Bund der Großkonzerne

Wie sich der chronisch klamme Spitzenverband von einzelnen Unternehmen aushalten lässt.
aus manager magazin 9/2007

Als Jürgen Thumann (66) im vergangenen Jahr die Initiative "Innovationsstrategien und Wissensmanagement" ins Leben rief, verkündete der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI): "Wir wollen neue Märkte aufspüren und unsere technologischen Kompetenzen branchenübergreifend einsetzen."

Ein schönes Ziel - wer könnte dagegen etwas einwenden?

Die sogenannte BDI-Initiative hat allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Personell handelt es sich in wesentlichen

Teilen nicht um eine Aktivität der Organisation selbst, sondern um eine des Energiekonzerns EnBW.

Die drei Mitarbeiter, die das Thema beim BDI betreuen, sitzen zwar in den Berliner Räumlichkeiten des Industrieverbands und treten nach außen als BDI-Mitarbeiter auf. Formal sind sie aber bei EnBW angestellt, ihre Gehälter zahlt der Energiekonzern. Unterstellt sind die zwei Referenten und eine Sekretärin dem EnBW-Cheflobbyisten Jürgen Hogrefe (58). Den Vorsitz der Initiative hat der scheidende EnBW-Primus Utz Claassen (44).

In ihrem Arbeitskreis "Urban Technologies" beschäftigt sich die Initiative praktischerweise auch gleich mit dem EnBW-Kerngeschäft, der "Energieumwandlung, -verteilung, -nutzung". Vorsitzender des Arbeitskreises: Hogrefe.

Mitglieder des BDI-Präsidiums zeigten sich auf Anfrage von manager magazin verblüfft: Dass die drei Mitarbeiter auf der Gehaltsliste von EnBW stünden, habe man nicht gewusst. Offenbar hat sich BDI-Präsident Thumann nicht gerade verausgabt bei dem Versuch, seine Aufsichtsgremien über die ungewöhnliche Konstruktion zu informieren. Ein BDI-Vizepräsident gerät laut ins Denken: "Bei solchen Verquickungen besteht natürlich schon die Gefahr, dass einzelne Unternehmen über gezielte Geldspritzen Einfluss auf BDI-Positionen nehmen."

Gerade in der Energiepolitik erscheint diese Sorge begründet. Hier prallen innerhalb des BDI entgegengesetzte Positionen aufeinander: Auf der einen Seite die vier großen Energieversorger, darunter EnBW, die nur ein begrenztes Interesse an einem stärkeren Wettbewerb in ihrem Heimatmarkt haben. Auf der anderen Seite die vielen energieintensiven, oft mittelständischen Industrieunternehmen, die unter steigenden Strom- und Gaspreisen leiden.

Bis Mitte 2005 ließ der energiepolitische Kurs des BDI an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Der damalige Vorsitzende des BDI-Energieausschusses, Werner Marnette (61), geißelte wortgewaltig "die oligopolistische Marktmacht der Energiekonzerne". Doch im August 2005 musste Marnette, im Hauptberuf Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie, von seinem BDI-Posten zurücktreten - angeblich auf Druck der kritisierten Energiekonzerne.

Seitdem ist der Ruf des BDI nach mehr Wettbewerb im Energiesektor seltsam leise geworden. Einen Zusammenhang mit der EnBW-Connection schließt ein BDI-Sprecher aus.

In jedem Fall aber offenbart der Vorgang ein grundsätzliches Dilemma des BDI: Eigentlich soll der Spitzenverband die Interessen der gesamten deutschen Industrie vertreten. Doch von seinen Mitgliedern, den insgesamt 38 Branchenverbänden, wird der BDI derart kurzgehalten, dass er einzelne Unternehmen

um direkte finanzielle Unterstützung angehen muss. Im Laufe der Jahre ist auf diese Weise eine Reihe von Neben- und Schattenhaushalten entstanden.

Der Etat des BDI liegt für 2007 bei rund 20 Millionen Euro und ist damit ähnlich hoch wie in den Vorjahren. Aus dem Etat müssen die Gehälter von rund 150 regulären Beschäftigten des BDI gezahlt, ein Verlustvortrag von 340 000 Euro aus dem Jahr 2004 abgetragen und außerdem der Rest eines 13-Millionen-Kredits für das neue BDI-Hauptquartier, das Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin, getilgt werden.

Da bleibt Thumann nicht viel Geld, um eigene Akzente zu setzen. Hierzu ist er auf den Förderkreis der Deutschen Industrie angewiesen. In diesem Verein haben sich Wirtschaftskapitäne und Unternehmen versammelt, die den BDI und andere wirtschaftsnahe Organisationen unterstützen. Vorsitzender des Förderkreises: ein weiterer Energiemanager, Eon-Chef Wulf Bernotat (58).

Aus BDI-Protokollen, die mm vorliegen, geht hervor: Von den gut 2 Millionen Euro, die der Förderkreis 2005 einsammelte, wurden allein 1,6 Millionen für eine bessere Außendarstellung des BDI verwendet.

Dritter Geldtopf des BDI ist die Industrie-Förderung Gesellschaft mbH (IFG). Sie sammelt Geld von Unternehmen ein, die ein besonderes Interesse an einzelnen Arbeitsbereichen des BDI haben, etwa dem Außenhandel mit bestimmten Regionen. Mit diesen Einnahmen finanziert die IFG rund 40 weitere Mitarbeiter, die in vielen BDI-Abteilungen eng mit der Stammbelegschaft zusammenarbeiten. 2006 machte die IFG rund fünf Millionen Euro Umsatz.

Während bei der Finanzierung über IFG und Förderkreis immerhin noch ein Gremium zwischen Konzerne und Verbandsorganisation geschaltet wurde, hat Thumann bei der Bestückung der BDI-Initiative "Innovationsstrategien und Wissensmanagement" mit EnBW-Personal diese Grenze fallen lassen. Inwieweit auch in anderen BDI-Initiativen ausgeliehene Konzernmitarbeiter arbeiten, dazu will der Verband keine Stellung nehmen.

Die immer stärkere Finanzierung durch Einzelunternehmen droht ein labiles Gleichgewicht innerhalb des BDI zu stören. Traditionell ist es vor allem eine Handvoll großer Mitgliedsverbände, die den regulären BDI-Haushalt finanziert. Diese Organisationen sehen sich meist als Interessenvertreter der mittelständischen Unternehmen - und beobachten mit Missvergnügen, dass sie mit ihren Beiträgen die Grundlast des BDI finanzieren, während die publicity- und einflussträchtigen Sonderprojekte aus Konzernkassen beglichen werden.

Als Ausweg könnten die großen Verbände natürlich ihre Zuwendungen erhöhen. Doch dieser Schritt erscheint unwahrscheinlich angesichts der Unzufriedenheit, die inzwischen unter den BDI-Mitgliedern herrscht (siehe Kasten Seite 13). Auch der Austritt kommt nicht infrage. "Ein solcher Schritt würde den gesamten BDI zum Einsturz bringen", sagt ein Präsidiumsangehöriger eines großen BDI-Mitgliedsverbands, "wir befinden uns quasi in Geiselhaft."

Nur kleinere Mitgliedsverbände können kündigen, ohne das Gesamtsystem zu gefährden: Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen hat zum Jahresende ihren Austritt aus dem BDI erklärt. Beim BDI habe einfach das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr gestimmt, sagt ein Flughafenvertreter.

Christian Rickens

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