Flugzeugbauer unter Druck Boeings Irrflug

Ryanair-Chef Michael O’Leary greift das Management seines wichtigsten Zulieferers Boeing verbal an und erhöht so den Druck auf CEO David Calhoun. Der hat es verpasst, bei dem US-Flugzeughersteller den dringend notwendigen Kulturwandel weg von der alten GE-Mentalität einzuleiten.
Geringe Reformfreude: David Calhoun, Vorstandschef des amerikanischen Flugzeugbauers Boeing

Geringe Reformfreude: David Calhoun, Vorstandschef des amerikanischen Flugzeugbauers Boeing

Foto: Christopher Goodney / Bloomberg via Getty Images

So harte Aussagen wie momentan auf Boeing-Chef David Calhoun (65) und seine Führungsmannschaft einprasseln, hört man in der Luftfahrtindustrie nur selten: Das Topmanagement des Verkehrsflugzeuggeschäfts von Boeing sei seiner "Aufgabe nicht gewachsen", stichelte etwa der irische Ryanair-Chef Michael O’Leary (61) am Montag. "Das Unternehmen hat sich verirrt" lauteten die kritischen Worte von Domhnal Slattery (55), Vorstandsvorsitzender von Avolon, dem zweitgrößten Leasinggeber der Welt. Es läuft derzeit also alles andere als rund bei Boeing, dem großen amerikanischen Hersteller von Luft- und Raumfahrttechnik.

Nach dem Rücktritt des damaligen Vorstandschefs Dennis Muilenburg (58) Ende 2019 hatten viele Beobachter noch gehofft, Boeing werde sich von seinem Vorbild General Electic (GE) lösen. Der Industriekonzern – inzwischen auch gescheitert – hatte Boeing lange mit zahlreichen zum Flugzeugbauer gewechselten Managern geprägt. Dabei ging es offenbar zu einseitig um einen möglichst hohen Börsenwert, während das eigentliche Geschäft ausgehöhlt wurde. Die offensichtlich geringe Reformfreude mag auch an Muilenburgs Nachfolger Calhoun liegen, der selbst den Großteil seiner Karriere bei GE verbracht hat.

Die Folgen werden nun immer deutlicher sichtbar: Boeing fehlen derzeit einige praktische Antworten, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll. So ist immer noch ungeklärt, ob und in welcher Form der Konzern ein neues, mittelgroßes Flugzeug mit 240 bis 260 Sitzen und Fernstreckentauglichkeit bauen will. Weiterhin ungelöst sind auch die anhaltenden Qualitätsprobleme des Dreamliners 787 sowie die Ungewissheiten über die Zulassung einer verlängerten 737 Max, auf die Ryanair-Boss O´Leary derzeit pocht.

Boeing verlegt Hauptsitz nach Arlington

Dieser hatte sich jüngst in einem TV-Interview mit dem amerikanischen Nachrichtensender CNBC über Boeing beschwert und einen Neustart im Management gefordert. Wenn Boeing noch mehr Marktanteile verliere, dann muss es vielleicht größere Veränderungen im Management geben, sagte O´Leary. Er sei besonders enttäuscht über späte Auslieferungen und eine schlechte Kommunikation. So habe sich der Hersteller nach den abgebrochenen Verhandlungen im September vergangenen Jahres offenbar nicht mehr zu Lieferungen der Standard-Jets von Ryanair gemeldet – von dem Modell der modernisierten Boeing 737 Max hatte Ryanair 210 Exemplare bestellt. Auch andere Boeing-Kunden äußerten bereits ihren Unmut über Produktionsverzögerungen.

Weiterer Druck auf die Boeing-Führung kommt zudem von US-Gewerkschaftern, die dem Management eine feindliche Grundhaltung attestieren. Die Kritiker sind sich einig, dass CEO Calhoun in den vergangenen Jahren kein neues Vertrauen habe aufbauen können. So ist auch der Kurs der Boeing-Aktie  seit Jahresbeginn von über 210 US-Dollar auf unter 130 US-Dollar abgestürzt. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie notierte der Titel sogar regelmäßig über 350 US-Dollar.

Eine maßgebliche Veränderung ist nun aber immerhin in Sicht: Der Hauptsitz des Unternehmens soll von Chicago nach Arlington im Bundesstaat Virginia verlegt werden. Damit rückt der Konzern in die Nähe der US-Hauptstadt Washington. Daraus könnten sich nicht nur Vorteile für die Boeing-Rüstungssparte ergeben, auch die für das Geschäft mit Zivilflugzeugen zuständige amerikanische Luftfahrtbehörde "Federal Aviation Administration" (FAA) sitzt in Washington – für die schleppende Zulassung neuer Modelle könnte das deutlich mehr Antrieb bedeuten.

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