Milliardenverlust im zweiten Quartal Boeing beendet die Ära der Jumbo-Jets

Bei Airbus steht das Aus des A380 schon länger fest, nun legt auch Boeing sein größtes Flugzeugmodell still. Nach mehr als 50 Jahren.
Luftfahrtikone: Boeings 747 transportierte schon das Space Shuttle (Archivaufnahme, 2012)

Luftfahrtikone: Boeings 747 transportierte schon das Space Shuttle (Archivaufnahme, 2012)

Foto: John Raoux/ AP

Der US-Flugzeugbauer Boeing stellt die Produktion seines Jumbo-Jets 747 nach mehr als 50 Jahren ein. Die letzte 747 werde im Jahr 2022 gebaut, teilte Boeing am Mittwoch in Chicago mit. Konzernchef Dave Calhoun (63) musste gleichzeitig einen Milliardenverlust für das zweite Quartal verkünden. Das Aus der Luftfahrt-Ikone 747 begründete er mit der derzeitigen Marktentwicklung. Der einst größte Passagierjet der Welt hatte 1969 seinen Jungfernflug absolviert.

Als die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg zuletzt über ein mögliches Ende der 747 berichtet hatte, dementierte Boeing selbst bereits nicht. Man habe "bei einer Baurate von einem halben Flugzeug pro Monat noch mehr als zwei Jahre Produktion" in den Büchern, teilte das Unternehmen mit. Darüber hinaus "werden wir weiterhin die richtigen Entscheidungen treffen, um die Produktionslinie gesund zu halten und die Wünsche unserer Kunden zu erfüllen."

Branchentrend und Marktentwicklung sprechen gegen die Fortführung der 747-8. Fluglinien in aller Welt sind in den vergangenen Jahren weg von den Vier-Turbinen-Kolossen A380 und 747 und hin zu effizienteren zweistrahligen Maschinen geschwenkt. Das hatte bereits den Airbus A380 vom Hoffnungsträger zum Milliardengrab werden lassen. Laut Bloomberg sind die gut ein Dutzend Maschinen in Boeings Auftragsbüchern allesamt Frachtversionen der 747, im Passagierbereich hätten Airlines schon seit Jahren keine neuen Jumbos bestellt.

Das Ende der Ikone dürfte für Boeings neuen Chef Calhoun damit absehbar gewesen sein. Der im Januar angetretene Manager hat ohnehin an verschiedenen Fronten zu kämpfen: Nach dem Desaster mit dem einstigen Hoffnungsträger 737 Max muss nicht nur dessen Reputation, sondern die des gesamten Unternehmens auf Vordermann gebracht werden. Zudem steht er im eigentlich boomenden Rüstungsbereich vor einem strategischen Dilemma .

Air Force One als Schlussakt?

Die Corona-Pandemie und die damit einhergehende Krise der Luftfahrt beschleunigen nun den Abschied der Riesenflieger noch einmal, weil die angeschlagenen Airlines noch stärker auf die Kosten schauen. Air France-KLM  etwa hat im Mai den Betrieb seiner A380-Flotte eingestellt - eigentlich hatte diese noch bis 2022 fliegen sollen. Ersetzt werden sollen sie durch kleinere, effizientere Modelle wie den Airbus A350 oder Boeings Langstreckenjet 787. Laut einer Schätzung der Credit Suisse  stehen aktuell über 90 Prozent aller 747 und A380 am Boden.

Für ein Ende von Boeings 1970 angetretener 747 spricht auch, dass Zulieferer Triumph Ende vergangenen Jahres die Fabrik dichtgemacht hat , in der die Rumpfteile für den Jumbo produziert wurden.

Sollten bei Boeing nun nicht noch weiteren Orders für die Passagierversion des Jumbo-Jets eingehen, für einen passenden Schlussakt wäre gesorgt: Letzter Besteller wäre dann US-Präsident Donald Trump (74), der 2017 auf Basis des Modells eine neue Air Force One in Auftrag gab.

Milliardenverlust: Boeing drosselt Produktion von Erfolgsreihen 787 und 777

Schwer getroffen von der Corona-Krise drosselt Boeing auch die Produktion seiner Erfolgsreihen 787 und 777 weiter. Zudem werde das Hochfahren der 737-MAX-Herstellung verschoben, kündigte das Unternehmen am Mittwoch bei der Vorlage seiner Geschäftszahlen für das zweite Quartal an. Die fielen schlechter aus als erwartet: Der Umsatz stürzte um 25 Prozent auf 11,81 Milliarden Dollar ab. Analysten hatten dagegen mit Erlösen von 13,16 Milliarden Dollar gerechnet. Unter dem Strich stand im zweiten Quartal ein Verlust von rund 2,4 Milliarden US-Dollar (gut 2 Milliarden Euro), nachdem das Flugverbot für den Mittelstreckenjet 737 Max ein Jahr zuvor bereits ein Minus von 2,9 Milliarden Dollar verursacht hatte. Die Corona-Krise hatte die Luftfahrt weltweit fast zum Erliegen gebracht und damit viele Fluggesellschaften an den Rand des Bankrotts getrieben, sodass Passagierjets derzeit nur schwer abzusetzen sind.

Dennoch sieht Boeing aktuell keinen Grund, sich über die Anleihemärkte weiteres Geld zu beschaffen. Man halte sich die Option zwar offen, erklärte der Konzern. Derzeit verfüge Boeing jedoch noch über knapp zehn Milliarden Dollar Kredit, die noch nicht angetastet worden seien. Konzernchef Calhoun sagte, das Unternehmen arbeite eng mit den Fluggesellschaften und den Zulieferern zusammen, um die Krise zu bewältigen. "Der Luftverkehr hat sich immer als widerstandsfähig erwiesen - genau wie Boeing", erklärte Calhoun.

Anleger hoffen ebenfalls auf Besserung. Boeing-Aktien legten nach der Bekanntgabe der Zahlen im vorbörslichen Handel um zwei Prozent zu.

Die Produktion der 787 solle 2021 auf sechs Jets pro Monat verringert werden, kündigte der Boeing-Chef an. Es ist bereits die dritte Absenkung gegenüber dem Output vor einem Jahr, als der Dreamliner mit einer Rekordrate von 14 Maschinen im Monat vom Band lief. Auch die Herstellung der 777 und der 777X solle weiter auf dann zwei Jets im Monat gedrosselt werden. Zuletzt hatte der Konzern Pläne angekündigt, die Produktion der beiden Modelle von aktuell fünf auf drei Maschinen monatlich zu senken. Boeing kämpft zusätzlich zu der Pandemie mit dem seit 16 Monaten bestehenden Flugverbot für die 737 MAX nach zwei Abstürzen des Modells. Es werde länger als 2021 dauern, das monatliche Produktionsziel von 31 737-MAX-Jets zu erreichen, räumte Calhoun in. Die Kapazitäten sollten nun voraussichtlich erst ab Anfang 2022 hochgefahren werden.

luk mit dpa, Reuters
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