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Blockade-Brecher

Steuerreform: Die Pläne von Finanzminister Eichel könnten die Konzernlandschaft erschüttern. Werden die monetären Hürden bei der Veräußerung von Firmenbeteiligungen tatsächlich beseitigt, dann steht die Deutschland AG zur Disposition.
Von Andreas Nölting
aus manager magazin 3/2000

Mehr als hundert Investmentbanker warteten im Berliner Hotel "Interconti" auf den Vortrag des Finanzministers. Kaum hatte Hans Eichel die Bühne erklommen, da brach ein Beifallssturm los.

Die sonst so reservierten Banker jubelten dem Minister stürmisch zu. Lutz Raettig von der US-Bank Morgan Stanley musste seine Kollegen energisch um Einhalt bitten, damit Eichel seine Ausführungen zur Steuerreform beginnen konnte.

Ein seltenes Bild: Konservative Banker feiern ein Mitglied der rotgrünen Regierung. Eine Regierung, die in Steuerfragen bisher alles andere als Sympathie für die Belange des Großkapitals bewiesen hat.

Der kürzlich präsentierte "Entwurf eines Gesetzes zur Reform der Unternehmensbesteuerung" hat die Banker umgehauen. Es ist vor allem die anstehende Änderung des Körperschaftsteuergesetzes, die die Finanzmanager so begeistert.

Danach sollen vom kommenden Jahr an Veräußerungsgewinne aus Beteiligungen von Kapitalgesellschaften steuerfrei bleiben. Milliardenbeträge in den Bilanzen, die dort jahrelang als stille Reserven schlummerten, könnten so steuerfrei gehoben werden.

Die Folgen der Steuerbefreiung sind unabsehbar. Werden die hohen monetären Hürden bei der Veräußerung von Konzernfirmen tatsächlich beseitigt, dann steht das gesamte traditionelle Netzwerk der Deutschland AG zur Disposition. Neue ausländische Aktionäre könnten die alten Anteilseigner ablösen und so für mehr Wettbewerb und einen effizienteren Einsatz des Kapitals sorgen. Nach einer Untersuchung der US-Bank Merrill Lynch kontrollieren die deutschen Banken und Versicherungen derzeit rund 63 Prozent des Börsenwerts aller Dax-Konzerne. Der Gesamtwert dieser Beteiligungen beträgt 160 Milliarden Mark.

Allein der Beteiligungsbesitz der Münchener Allianz wird von Analysten auf bis zu 100 Milliarden Mark geschätzt. In der Bilanz sind die Firmenbeteiligungen mit den Anschaffungskosten angesetzt - insgesamt rund 50 Milliarden Mark.

Würde der Versicherungsriese heute seine dicken Aktienpakete verkaufen, dann müsste er bis zu 50 Prozent Steuern auf die Differenz zwischen dem Buchwert und dem Veräußerungspreis zahlen - also rund 25 Milliarden Mark. Ab 2001 dagegen wäre die Veräußerung steuerfrei.

Die Geldbranche ist der Sieger der Steuerreform. Versicherer und Banken können - wenn der Nulltarif bei Veräußerungsgewinnen tatsächlich verabschiedet wird - substanzielle Kapitalgewinne aus ihren schlafenden Vermögenswerten erzielen.

So schnell allerdings werden Allianz, Deutsche Bank & Co. ihre Beteiligungen nicht verkaufen. Die Finanzmanager wissen gar nicht, wohin mit all dem Geld. So erwarten Analysten, dass die Banker und Versicherer vorerst an ihren guten Beteiligungen festhalten. Wohl aber stehen die Pakete mit geringer Qualität zur Disposition - schon allein, um zu verhindern, dass eine Großbank erneut ein Debakel wie die Holzmann-Pleite erlebt.

Als potenzielle Käufer halten sich amerikanische Fondsgesellschaften bereit. Beteiligungsfirmen wie Calpers, Clayton, Dubilier & Rice oder The Capital Group haben angekündigt, dass sie ihr Engagement in Deutschland gern erhöhen wollten.

Traditionelle Konzerne wie MAN, Buderus oder die Metallgesellschaft geraten so in das Visier der Firmenjäger. Diese Unternehmen gelten plötzlich als potenzielle Verkaufskandidaten (siehe Tabelle Seite 177).

Verlierer der Steuerreform sind jene Konzerne, die sich jahrelang unter dem Schirm ihres Großaktionärs sicher wähnten. Jetzt müssen sie fürchten, dass die Altaktionäre ihre Pakete verkaufen.

So macht sich bei dem Wiesbadener Maschinen- und Anlagenbauer Linde Angst breit. An Linde sind die Commerzbank, die Allianz und die Deutsche Bank mit jeweils rund 10 Prozent beteiligt. Die Pakete sind zu klein, um strategischen Einfluss auszuüben - was die Banken sowieso nicht mehr wollen.

Die Wiesbadener Manager müssen jetzt fürchten, das alle drei Großaktionäre ihre Pakete verkaufen und dadurch Aktien in die Hände rabiater Fondsfirmen oder womöglich gar von Konkurrenten gelangen.

Jetzt rächt sich, dass der Mischkonzern dem Aktienkurs lange zu wenig Beachtung geschenkt hat. Linde gilt als eine versteckte Perle. Ein aktiver Aktionär könnte die Wertlücke entdecken und das Management zwingen, endlich den Shareholder Value zu steigern.

Ähnliche Sorgen hat das Management der Hamburger Beiersdorf AG. 38,4 Prozent des Aktienkapitals liegen in den Händen der Allianz. Seit Jahresbeginn ist mit Paul Achleitner (früher Goldman Sachs) ein knallharter Investmentbanker Vorstand in München geworden. Nun rätseln die Hamburger, was die Allianz mit ihrer Beteiligung plant.

Wird sie das Paket an den französischen Wettbewerber L'Oréal veräußern? Tritt womöglich Procter & Gamble als Kaufinteressent an?

Während die Pläne des Sozialdemokraten Eichel die Aktionärsstruktur der Großkonzerne aufwirbeln wird, müssen sich die vielen deutschen Personengesellschaften übergangen fühlen.

Kaum einsehbar ist, dass Eichels Steuerreform Start-ups und junge Firmen künftig schlechter stellt. Diese Branche lebt davon, dass sich risikofreudige Einzelpersonen ("Business Angels") oder Venture-Capital-Firmen finanziell an den Neugründungen beteiligen.

Nun erschwert Eichel den Jungunternehmern die Eigenkapitalfinanzierung: Bisher sind die Veräußerungsgewinne beim Verkauf einer Beteiligung, die unter 10 Prozent liegt, für die Gesellschafter steuerfrei; künftig sinkt die Beteiligungsgrenze auf 1 Prozent. Diese Verschärfung kann dazu führen, dass die Risikokapitalgeber weniger Bereitschaft zeigen, junge Firmen zu finanzieren.

Warum der Sozialdemokrat Eichel die Großkonzerne so sehr bevorzugt, dürfte sein Geheimnis bleiben.

Andreas Nölting

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