Biontech-Rekordwachstum "Ein großer Teil der Wertschöpfung liegt in der intellektuellen Entwicklung des Impfstoffs"

Ein Fünftel des deutschen Wirtschaftswachstums 2021 wurde vom Impfstoffhersteller Biontech verursacht – diese Meldung hat eine Debatte unter unseren Leserinnen und Lesern ausgelöst. Ökonom Sebastian Dullien überrascht das nicht. Im Interview erklärt er, was die Zahl aussagt.
Das Interview führte Helmut Reich
Prof. Dr. Sebastian Dullien: Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung

Prof. Dr. Sebastian Dullien: Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung

Foto: Peter Himsel / Hans-Böckler-Stiftung

manager magazin: Herr Dullien, die These, dass ein großer Teil des deutschen Wirtschaftswachstums 2021 auf den Erfolg des Impfstoffentwicklers Biontech zurückgeht, hat zahlreiche Diskussionen in den sozialen Medien hervorgerufen. Hat Sie diese Reaktion überrascht? Themen wie BIP und BIP-Wachstum sind eigentlich eine eher trockene Materie.

Sebastian Dullien: Das hat mich nicht überrascht, denn diese Entwicklung ist schon etwas Besonderes. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Unternehmen, das vor ein paar Jahren noch als Start-up galt, jemals einen solchen Anteil an der Wirtschaftsentwicklung gehabt hätte. Es gibt natürlich andere Unternehmen, die einen ähnlichen oder sogar höheren Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes haben. Doch mit einer solchen Dynamik haben wir in Deutschland noch keinen Wachstumsschub innerhalb eines Jahres erlebt.

Eine spannende Entwicklung, die Sie bereits im Sommer 2021 prognostiziert hatten.

Ja, doch damals war noch nicht sicher, wie die Lizenzzahlungen aus Biontechs Vertrag mit dem US-Unternehmen Pfizer gebucht werden. Mittlerweile ist geklärt, über welche Komponenten diese Lizenzeinnahmen in das deutsche BIP einfließen. Für uns ist das natürlich auch eine Geschichte, mit der man das Bruttoinlandsprodukt anschaulich machen kann.

Um den Anteil eines Unternehmens am BIP-Wachstum einzuschätzen, muss man verschiedene Faktoren berücksichtigen. In den Foren wurde der Unterschied zwischen "Anteil am BIP-Wachstum" und "Anteil am BIP" diskutiert. Welcher Maßstab sagt mehr aus?

"Natürlich hat ein großer Autokonzern wie Volkswagen einen größeren Anteil an der Wirtschaftsleistung insgesamt"

Der Anteil am Wachstum hängt davon ab, wie der Rest der Wirtschaft überhaupt läuft. Wenn aus irgendeinem Grund die Wirtschaft 2021 weniger gewachsen wäre, hätte der Biontech-Anteil statt einem Fünftel womöglich sogar die volle BIP-Zunahme ausgemacht. Doch hätte Biontech den Impfstoff ein Jahr früher auf den Markt gebracht, als die deutsche Wirtschaft geschrumpft ist, hätte man das gar nicht in ein Verhältnis setzen können. Deswegen ist es auf Dauer sinnvoller, den Anteil eines Unternehmens am BIP zu zählen und nicht am Wachstum. Und natürlich hat ein großer Autokonzern wie Volkswagen einen größeren Anteil an der Wirtschaftsleistung insgesamt als ein Impfstoffhersteller wie Biontech.

Trotzdem, der Umsatz von Biontech ist von weniger als einer halben Milliarde Euro im Jahr 2020 auf mehr als 16 Milliarden Euro im Jahr 2021 gestiegen. Ein solcher Umsatzanstieg ist für ein ehemaliges Start-up enorm - und mit 16 Milliarden Euro ist auch der Anteil am BIP nicht gerade klein.

Auf jeden Fall. Zweistellige Milliardenzuwächse gab es bei Konzernen wie VW in der Vergangenheit zwar auch schon, doch da war das Grundniveau bereits hoch und es handelte sich um den globalen Konzernumsatz. Da findet viel Wertschöpfung nicht in Deutschland statt, sondern in den Ländern, in denen die Autos gebaut werden. Dadurch fällt auch der Anteil am BIP hierzulande geringer aus, als es das einfache Umsatzwachstum vermuten ließe.

Bei Biontech fand die Wertschöpfung überwiegend im Inland statt?

Ja, es sind nur wenig Vorprodukte nötig und ein großer Teil der Wertschöpfung liegt in der intellektuellen Entwicklung des Impfstoffs. Das ist bei Pharmaprodukten ja oft so, üblicherweise ist die Entwicklung sehr teuer, die Herstellung dann im Verhältnis nicht mehr. Das ist also ein späterer Ertrag für die Entwicklung, die ein Unternehmen in der Anfangsphase geleistet hat. Natürlich hängt da gerade in dieser Pandemiesituation die Diskussion dran, ob es nicht besser wäre, wenn Biontech die Impfstoffe nun günstiger verkaufen würde, damit auch der Rest der Welt daran teilhaben kann. Ich denke aber, dass hier nicht der Preis der Hinderungsgrund ist, sondern ärmere Länder vor allem deshalb so wenig mit dem Biontech-Impfstoff impfen, weil dort oftmals einfach die Infrastruktur mit entsprechenden Kühlketten fehlt.

In der Debatte über den Artikel gab es auch Aussagen, dass man Biontechs Erfolg nicht überbewerten sollte. Die Einnahmen von Biontech seien ja "nur unsere eigenen Steuergelder".

Das stimmt so nicht, denn es sind nur wenig deutsche Umsätze. Der ganz überwiegende Teil der Summe wurde außerhalb Deutschlands erlöst. Es mag sein, dass auch dort das Geld von öffentlich finanzierten Gesundheitssystemen kommt, doch es handelt sich gleichzeitig um ein Produkt, das die Lebensqualität vieler Menschen erhöht – denn schwere Erkrankungen und der Tod durch eine Viruserkrankung werden in den allermeisten Fällen vermieden. Hinzu kommt: wenn in einem Land viel geimpft wird, kann in den meisten Fällen auch ein Lockdown vermieden werden.

Manche Kritiker führen zudem an, dass Biontech zu Beginn in der Forschung und Entwicklung massiv steuerlich gefördert wurde.

"Diese Förderungen waren also auch für die öffentliche Hand eine richtig gute Investition"

Das halte ich für weitestgehend unproblematisch. Zeigt es doch, dass die steuerliche Forschungsförderung funktioniert. Und Biontech hat, im Gegensatz zu manch anderen Konzernen, keine sogenannte "Patentbox". Das bedeutet, dass Biontech seine Gewinne auch hier versteuert. Der deutsche Fiskus hat enorm hohe Einnahmen, neben den Gewerbesteuern an den Biontech-Standorten Mainz und Marburg haben auch das Land Hessen und der Bund recht üppige Steuer- und Abgabeeinnahmen erhalten. Diese Förderungen waren also auch für die öffentliche Hand eine richtig gute Investition.

Sehen Sie weitere Unternehmen, die ein solch herausragendes Wachstum schaffen könnten?

Vor allem bei Internet-Unternehmen ist ein starkes Wachstum "von null auf hundert" immer mal möglich. In einem Land wie Deutschland ist dann auch ein starker Effekt auf das BIP denkbar wie bei Biontech.

Wird das steile Wachstum von Biontech weitergehen?

Wenn man sich die Umsatzprognosen des Impfstoffherstellers für 2022 anschaut, liegen die Angaben nicht weit entfernt von den Verkaufszahlen 2021. Das bedeutet, dass wir von Biontech im laufenden Jahr sicherlich keinen so bedeutenden Beitrag mehr zum Wirtschaftswachstum bekommen, dafür aber erneut einen enormen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung. Dies halte ich auch für plausibel, denn man wird 2022 nicht wesentlich mehr Impfstoff gegen Covid einsetzen als im Vorjahr. Logischerweise ist das Wachstumspotenzial hier begrenzt.

In der Diskussion gab es auch viele positive Stimmen. Deutschland brauche solche neuen Geschäftsmodelle, da die alten Industrien schwächeln, hieß es.

Ich würde das trennen. Die alten, etablierten Industrien wie Automobil oder Maschinen- und Anlagenbau sind weiterhin wichtig und besitzen eine enorme Größe. Doch die Biotechnologie ist natürlich eine Wachstumsbranche. Und da ist es positiv zu sehen, dass in Deutschland ein Unternehmen wie Biontech aufgebaut wurde und weltweit großen Erfolg hat. Das zeigt, dass die Bedingungen für die Forschung und auch für Start-ups hierzulande viel besser sind, als das von manchen Unkenrufern gerne dargestellt wird.

hr
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