Fehlende Transparenz bei Silke und Holger Friedrich Wie die Neuverleger der "Berliner Zeitung" ihr Geld verdienen

Vor wenigen Wochen übernahm das Ehepaar Friedrich die "Berliner Zeitung". Nun stellen sich grundlegende Fragen. Denn in ihrem Reich verwischen die Geschäftsleute die üblichen Grenzen. 
Unternehmer und Verleger: Silke und Holger Friedrich.

Unternehmer und Verleger: Silke und Holger Friedrich.

Foto: Hermann Bredehorst / DER SPIEGEL

Als Unternehmer sind Holger (53) und Silke Friedrich (47) äußerst selbstbewusst. Sie verhehlen kaum, dass sie sich anderen überlegen fühlen. Was früher allerdings nur Geschäftspartnern oder Mitarbeitern offenbar wurde, erfährt nun das ganze Land.

Im Herbst kaufte das Ehepaar dem DuMont-Verlag die kriselnde „Berliner Zeitung“ ab. Seitdem nutzen die Friedrichs das Traditionsblatt gern auch, um ihre eigenen Ansichten zu verbreiten. Sie dankten Egon Krenz, hoben ihre IT-Kompetenz hervor oder beantworteten vorab kritische Presseanfragen zu Holgers Stasi-Vergangenheit.

In der Tech-Szene indes fiel Holger Friedrich, der mit seinem IT-Unternehmen Core SE vor allem für Banken arbeitet, immer wieder auch durch sein Talent auf, trotz Misserfolgs der von ihm betreuten Projekte viel Geld zu verdienen. So steht Core etwa hinter dem Bezahldienst Paydirekt, mit dem die deutschen Banken PayPal Kunden abjagen wollten, oder hinter der Identitätsplattform Verimi, einem nur sehr schleppend gestarteten Gemeinschaftsprojekt von Allianz, Axel Springer, Deutscher Bank, Lufthansa und anderen Schwergewichten. 

Beide Angebote gelten in der Digitalszene als teure Rohrkrepierer. Entwicklung und Betrieb von Paydirekt haben mehrere hundert Millionen Euro verschlungen, der Dienst rangiert in Umfragen aber weit hinter Paypal, Sofortüberweisung, Amazon Pay und anderen Konkurrenten. Verimi vermeldete 2018 gerade mal 13.000 registrierte Nutzer. Aktuelle Zahlen möchte das Unternehmen auf Anfrage nicht preisgeben.

Das hindert Friedrich allerdings nicht an großen Visionen. Er sieht Core offenbar als Börsenkandidat, wie er intern wie extern mehrfach betont haben soll.

Wie so oft bei den Friedrichs verwischten bei Verimi sonst übliche Grenzen. Holger Friedrich war via Core nicht nur Gesellschafter, sondern zeitweise auch Geschäftsführer von Verimi – und als Dienstleister der maßgebliche Auftragnehmer. Ein Interessenkonflikt, der gerade bei Konzernprojekten normalerweise vermieden wird.

Die Entwicklung des Kernprodukts, eines sogenannten „Generalschlüssels“ für Onlinedienste, wurde nach der gemeinschaftlichen Gründung nicht ausgeschrieben, sondern Friedrichs Core übertragen. Erst spät hat Verimi eine eigene IT-Mannschaft aufgebaut, mit der man sich von Friedrichs Truppe emanzipieren konnte. Heute sei das Unternehmen „sauber“, betont ein Insider. 

Für Friedrich hat es sich trotzdem gelohnt. Seine Firma war nicht nur für die Programmierung, sondern auch als Beratung bei Verimi tätig, wofür man vierstellige Tagessätze berechnet haben soll. Core, heißt es in Unternehmenskreisen, habe mit den Verimi-Aufträgen bislang mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag eingenommen. Die Doppelrolle als Gesellschafter und Dienstleister macht es also möglich, dass Core trotz bisherigen Misserfolgs bei den Nutzern von dem Engagement profitiert.

Während etwa die Deutsche Bank nach wie vor Cores Leistungen lobt, fühlen sich andere Beteiligte „über den Tisch gezogen“. Zu den Unzufriedenen gehört auch Axel Springer, das anfangs die Verlagsmanagerin Donata Hopfen (43) als Co-Geschäftsführerin entsandt hatte. Im April 2018 hatte Hopfen das Unternehmen im Streit verlassen. 

Verimi dementiert auf Anfrage einen Konflikt um Core, auch Friedrichs Abtritt als Geschäftsführer Ende April 2019 sei von Anfang an geplant gewesen. Springer möchte sich nicht äußern.

Das Vermögen der Friedrichs speist sich maßgeblich aus dem Verkauf des IT-Unternehmens SPM Technologies GmbH an den Softwareriesen SAP im Jahr 2004. Über eine Familienholding halten sie heute ihre Core-Anteile. Von hier gibt es zahlreiche Verbindungen zu ihren anderen Aktivitäten. Das Unternehmen residiert in einer opulenten Villa der Friedrichs am Wannsee, wo auch die Schauspielerin Angelina Jolie übernachtet haben soll, als Brad Pitt für das Weltkriegsdrama "Inglourious Basterds" in Berlin drehte.  Und es nutzt Büroflächen in dem bekannten Veranstaltungsort Ewerk in Berlin-Mitte – das ebenfalls den Friedrichs gehört.

Das unternehmerische Geschick des Ehepaars offenbart sich auch an Berlins größter internationaler Privatschule, der „Metropolitan School“ im Stadtteil Mitte. Hier fungiert Silke Friedrich als Executive Director. Sie führt die Schule, die als gemeinnützige GmbH auftritt und allein 2018 öffentliche Gelder in Höhe von 7,37 Millionen Euro einstrich – fast 43 Prozent des Umsatzes. Der Rest sind Schul- und Aufnahmegebühren.

Auch dieses Geschäftsmodell steht in der Kritik. Der Bildungsjurist Michael Wrase, Professor am Wissenschaftszentrum Berlin, hält die Förderung angesichts von hohen Schulgeldern, die arme Kinder ausschließen, für verfassungswidrig. "Die Senatsverwaltung schaut bewusst weg", klagt Wrase. Selbst Eltern mit einem Jahresbruttoeinkommen von weniger als 30.000 Euro müssen derzeit mindestens 100 Euro im Monat zahlen. Andere Berliner Privatschulen agieren ähnlich. Eine neue, strengere Regulierung, die geringere Mindestgebühren vorsieht, wird vom rot-rot-grünen Senat verschleppt.

Die Berliner Senatsverwaltung teilt auf Anfrage mit, dass man der Metropolitan School nach einer Prüfung der Schulgeldregelung 2017 und 2018 Auflagen erteilt habe, die erfüllt worden seien. Welche das sind, bleibt offen.

Indirekt spielt auch Holger Friedrich bei der Metropolitan School eine maßgebliche Rolle: Er kümmert sich als Eigentümer und Geschäftsführer um die Berlin Metropolitan Service GmbH, der die Schule inklusive der gGmbH gehört. Eine eigenwillige Konstruktion. Allein für Mietzahlungen überweist die Schule der Service GmbH jedes Jahr über 1,7 Millionen Euro. Laut Bundesanzeiger verfügte die Service GmbH 2017 über Grundstücke und Bauten im Wert von 13,46 Millionen Euro. Der Co-Geschäftsführer Toni Goll sitzt auch im Aufsichtsrat der Core SE.

Den Friedrichs liegt das Bildungsthema offenbar am Herzen. In ihrer "Berliner Zeitung" erschien kürzlich ein Interview mit dem langjährigen Berliner Schulstaatssekretär Mark Rackles und einem Bildungsforscher. Zwar ging es dort nicht explizit um ihre eigene Schule, aber unter anderem um die Vorzüge von Privatschulen. Die Fragen stellten eine Redakteurin – und Silke Friedrich. 

Die Zeitung als Plattform für die eigenen Geschäftsinteressen – dieses Gefühl stellt sich auch in einem anderen Fall ein, über den der SPIEGEL am Freitag berichtet hatte. Die "Berliner Zeitung" hatte euphorisch über den Börsengang der ostdeutschen Biotech-Firma Centogene berichtet, ohne darauf hinzuweisen, dass Holger Friedrich dort im Aufsichtsrat sitzt und Anteile hält. Der Hinweis an die Chefredaktion, der den Bericht auslöste, stammte laut "Berliner Zeitung" von Holger Friedrich persönlich.

Das manager magazin hat Friedrich gebeten, mehrere Fragen zu Core und der Metropolitan School zu beantworten. Er ließ seinen Anwalt Christian Schertz auf Anfrage mitteilen, dass er "gegenwärtig keine Veranlassung" sehe, sich zu "geschäftlichen Interna zu äußern".

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