Zur Ausgabe
Artikel 20 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Begehrte Elite

Brauereien: Viele deutsche Biererben wollen Kasse machen. Doch nur wenige Firmen sind wirklich attraktiv.
Von Petra Schlitt
aus manager magazin 9/2001

Karel Vuursteen (60), der Chef der niederländischen

Brauerei Heineken, beantwortet Fragen gern mit Gegenfragen. Auch die, warum immer mehr deutsche Brauunternehmer an einen Verkauf ihrer Firmen denken.

"Glauben Sie, dass die deutschen Brauer noch lange zuschauen werden, wie ihre Erträge ständig kleiner werden?", konterte Vuursteen, der Anfang 2001 bei Schörghuber in München eingestiegen ist.

Die rhetorische Gegenfrage hat einen düsteren Hintergrund. Und das nicht erst seit dem 6. August 2001, als die Erben der Bremer Traditionsbrauerei Beck & Co. ihr Unternehmen für 3,5 Milliarden Mark an die belgische Interbrew-Gruppe (Stella Artois, Diebels) verkauften.

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass bei den Brauern der so genannten Premiummarken die Sorgen überwiegen. Dass sie fürchten, im Heimatmarkt und im Ausland von internationalen Brauriesen überrollt zu werden. Und dass sie lieber verkaufen, solange sie noch gutes Geld für ihre Unternehmen bekommen.

Günstig für die Großen der Branche, eben Interbrew, die britische Scottish&Newcastle oder den US-Bierkonzern Anheuser-Busch, den größten Brauer der Welt, der mit 115 Millionen Hektolitern mehr Bier verkauft, als die 1200 Brauereien in Deutschland gemeinsam produzieren.

Die Großen der Welt sehen nun endlich die Chance, in den deutschen Biermarkt einzusteigen. Freilich kaufen die Ausländer nicht alles. Die Maßstäbe des internationalen Brauadels liegen hoch - so hoch, dass Eigentümer kriselnder Firmen, wie etwa die Dortmunder Brau und Brunnen AG, gar nicht erst auf einen Interessenten zu hoffen brauchen.

Alexander Lintner, Bierexperte der Münchener Boston Consulting Group, hat den Markt genau untersucht. Die Analyse ist ernüchternd. Nach seinen Berechnungen gibt es unter den Topbrauern nur wenige, die den internationalen Renditestandards voll oder zumindest annähernd genügen: die Bitburger Brauerei Th. Simon, die Krombacher Brauerei, die Hannoveraner Gilde Brauerei sowie die Firmen Veltins, Oettinger und Warsteiner.

Und für einige dieser Unternehmen interessieren sich die großen Braugruppen besonders. Unter den Namen wird wohl die Brauerei zu finden sein, die nächstens aufgekauft wird.

Alle deutschen Bierfabriken leiden darunter, dass ihnen Geld fehlt, um die internationalen Märkte zu erobern. Ihr Exportgeschäft besteht im Wesentlichen darin, deutsche Urlauber in Feriengebieten wie auf Mallorca, an der spanischen Festlandküste oder an der italienischen Riviera zu versorgen. Auch mit dem internationalen Biermarketing der Deutschen ist es nicht weit her, führend sind sie nur in der Brautechnologie.

Viele Firmen sind reif für die Übernahme. Neben Sorgen um die Wettbewerbsposition plagen Management- probleme die oft als Familienbetriebe geführten Brauereien. Geldgier und Desinteresse am Biergeschäft bei etlichen Erben tun ein Übriges.

Beispiel Bitburger: Bei der renditestarken Brauerei missglückte kürzlich der Wechsel zum familienfremden Management. Winand Rose (41), der im April 1999 als Chef antrat, verließ das Unternehmen schon nach 20 Monaten wieder. Seither wird Bitburger wieder von Michael Dietzsch (61) geführt, der einst mit einer Mitinhaberin verheiratet war.

Zwar stellt sich der Eigentümerkreis bei Bitburger nicht ganz so komplex dar wie bei Beck & Co., wo bis zum Verkauf 67 Gesellschafter mitreden konnten. Aber Dietzsch muss die Interessen von immerhin 37 Gesellschaftern bündeln.

Beispiel Krombacher: Dort scheint der Generationswechsel geklappt zu haben. Bernhard Schadeberg (36), Sohn des Firmenpatriarchen Friedrich Schadeberg, löste im Frühjahr 2001 den familienfremden Manager Günter Heyden (62) ab. Leider aber wächst auch die Marke Krombacher nicht mehr. Aus dem Auslandsgeschäft haben sich die Sauerländer immer herausgehalten. Der Senior glaubte zu wissen, dass dort "sowieso kein Geld zu verdienen ist".

Beispiel Warsteiner: Inhaber Albert Cramer steuert auf die 60 zu. Seine Tochter Marie-Christina, die als Nachwuchsmanagerin in das familieneigene Unternehmen eingestiegen war, gab ihre Firmenanteile zurück. Ihre Schwester zeigt kein Interesse an der Brauerei. Und Cramers jüngster Spross ist noch nicht so weit, dass er die Firma führen könnte; er hat gerade erst Abitur gemacht.

Cramer dürfte besonders nachdenklich geworden sein, als Beck-Chef Dieter Ammer (51) die Öffentlichkeit über den Verkauf der Brauerei und den exorbitanten Kaufpreis von 3,5 Milliarden Mark informierte.

Vor mehr als zehn Jahren hatte Anheuser-Busch der Familie Cramer zwei Milliarden Mark für Warsteiner geboten. Damals winkte Cramer ab.

Es folgte der glanzvolle Aufstieg der sauerländischen Bierfabrik - und der langsame Abstieg. Noch verdient Warsteiner gut - knapp 150 Millionen Mark jährlich. Es waren schon mal weit mehr als 200 Millionen Mark.

Noch ist es für einen Verkauf nicht zu spät. Petra Schlitt

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel