Zinsanstieg Wie Banken um Sparer buhlen

Mit steigenden Leitzinsen verbessern Banken und Sparkassen ihre Angebote für die Sparer: Laut Verivox bringen bundesweit verfügbare Festgeldangebote mit zwei Jahren Laufzeit im Schnitt mittlerweile 2,09 Prozent Zinsen. Zugleich erhöhen die Institute die Kreditzinsen deutlich.
Herrin der Zinsen: EZB-Chefin Christine Lagarde

Herrin der Zinsen: EZB-Chefin Christine Lagarde

Foto: IMAGO/Christoph Hardt / IMAGO/Panama Pictures

Viermal in Folge haben die Euro-Währungshüter in der zweiten Jahreshälfte 2022 die Leitzinsen im Euroraum angehoben. Der Leitzins, zu dem sich Banken frisches Geld bei der Notenbank leihen können, liegt inzwischen bei 2,5 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit Dezember 2008. Höhere Zinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremst und so hohen Teuerungsraten entgegenwirken kann. Für eine Gruppe hat das besonders Vorteile: Mit den Entwicklungen bricht ein neues Zeitalter für Millionen Sparer in Deutschland an. Nach dem Ende der Zinsflaute buhlen Kreditinstitute wieder um ihre Gunst.

"Aktuell sehen wir vor allem unter den Top-Anbietern einen intensiven Konkurrenzkampf um die Spargelder der Anleger", schildert Oliver Maier von der Vergleichsplattform Verivox. Sparzinsen steigen demnach auf breiter Front, ein rasches Ende ist nach Maiers Einschätzung angesichts des Wettbewerbs unter den Geldhäusern vorerst nicht in Sicht. "Um dabei nicht ins Hintertreffen zu geraten, sind die Institute gezwungen, ihre Konditionen kontinuierlich nachzubessern." Die Schattenseite höherer Zinsen: Für Kreditnehmer wird es teuer. Steigende Zinsen können zugleich die Wirtschaftsentwicklung im Währungsraum dämpfen.

Im Einzelfall sogar mehr Zinsen für Tagesgeld

Einer Verivox-Auswertung zufolge bringen bundesweit verfügbare Festgeldangebote mit zwei Jahren Laufzeit im Schnitt inzwischen 2,09 Prozent Zinsen (Stand: 20.12.). Im August waren es gerade einmal 0,82 Prozent. Tagesgeld wirft nach Jahren der Null- und Negativzinsen durchschnittlich 0,45 Prozent ab. Die hohe Inflation mindert allerdings den Ertrag. Die Zinsen aufs Tagesgeld haben allein im Jahr 2022 von 0,02 bis auf 0,50 Prozent angezogen und seit der EZB-Leitzinserhöhungen Ende Juli von 0,03 auf 0,50 Prozent. Dieser Trend wird sich in den kommenden Monaten fortsetzen. Davon geht zumindest die FMH-Finanzberatung aus.

"Wir gehen wir von einem mittleren Zinssatz von mehr als einem Prozent bis Ostern 2023 aus. In der Spitze könnten Neukunden bei Banken mit deutscher Einlagensicherung sogar 2,5 Prozent bekommen – Tagesgeld wird damit zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für Festgeldangebote", so die Finanzberatung.

Regionalbanken hinken derweil hinterher. So liegt der Durchschnittszins zweijähriger Festgeldanlagen bei Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie Sparda-Banken bei 1,14 Prozent. Sparkassen zahlen für Festgeld im Schnitt 1,21 Prozent. Die Tagesgeld-Zinsen liegen bei regionalen Instituten im Schnitt nur knapp über der Nulllinie.

Regionalbanken müssen um Kunden bangen

"Die Regionalbanken müssen aufpassen, dass ihnen die Kunden nicht weglaufen", meint Maier. "Aktuell werben mehrere Wettbewerber mit Kampfkonditionen und versuchen, den anderen Banken so die Kundschaft abspenstig zu machen", sagt der Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH. Verivox wertet nach eigenen Angaben alle gut 700 Banken mit Tages- und Festgeldangeboten aus, die ihre Zinsen online veröffentlichen. Auch das Verbraucherportal Biallo berichtet von steigenden Zinsen.

Seit die Europäische Zentralbank (EZB) im Kampf gegen die hohe Inflation die Zinsen in mehreren Schritten erhöht hat, wächst das Interesse an Einlagen der Sparer. Die Geldhäuser verdienen daran, dass sie mehr Zinsen für Kredite kassieren, als sie Sparern zahlen.

Nach Daten des Vergleichsportals Check24 kostete etwa ein Ratenkredit über 10.000 Euro mit einer Laufzeit von 60 Monaten bei einem Abschluss im Januar 187 Euro im Monat. Für einen Kredit mit gleicher Summe und Laufzeit wurden Mitte Dezember 196 Euro monatlich fällig.

Kredite werden teurer, Dispozinsen steigen

Stiftung Warentest konstatiert deutlich gestiegene Dispozinsen für die von Banken eingeräumte Kontoüberziehung. "Wenn Kreditinstitute derzeit die Dispozinsen erhöhen, dann gleich kräftig. Die Dynamik hat sich seit Mai verstärkt", berichtete Heike Nicodemus von der Zeitschrift "Finanztest" der Stiftung. Einer Auswertung von gut 450 Kontomodellen bei 171 Kreditinstituten zufolge verlangen die Geldhäuser im Schnitt derzeit 9,94 Prozent Dispozinsen. Im Mai vor der Girokontenuntersuchung von "Finanztest" waren es bei einer Stichprobe 9,25 Prozent.

Die EZB hatte am 21. Juli die Zinsen im Euroraum erstmals seit elf Jahren wieder erhöht. Damit entfiel auch der Einlagenzins von 0,5 Prozent, den Kreditinstitute zahlen mussten, wenn sie Gelder bei der Notenbank parkten. Viele Geldhäuser hatten die Kosten dafür als sogenanntes Verwahrentgelt auch an Privatkunden weitergegeben.

Trotz der Zinswende ist das Thema nicht endgültig vom Tisch. So will insbesondere Commerzbank-Privatkundenvorstand Thomas Schaufler das Instrument von Verwahrentgelten für Notfälle nicht ganz aus der Hand geben. Schaufler betonte zugleich: "Aber es ist kein Werkzeug – und da sind wir uns alle einig –, das wir in normalen Zeiten wieder aus dem Werkzeugkasten herausholen wollen."

Verbraucherschützer wollen Verwahrentgelte für Privatkunden auch für die Zukunft ausschließen. Aktuell sind sechs Klagen der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) zu dem Thema anhängig. "Wir sehen keinen Grund Klagen zurückzuziehen, solange Kreditinstitute unseren Anspruch nicht als berechtigt anerkennen oder Unterlassungserklärungen abgeben", betont vzbv-Rechtsreferent David Bode.

"Wir bezweifeln, dass die Verwahrentgelte tatsächlich auf den Einlagenzins bei der Notenbank zurückzuführen sind, zumal die EZB den Kreditinstituten seit 2019 hohe Freibeträge eingeräumt hat." Sollten Verwahrentgelte unrechtmäßig erhoben worden sein, stünden Bankkunden möglicherweise Erstattungen zu, meinen die Verbraucherschützer.

Basiszinssatz erstmals wieder positiv

Nach zehn Jahren wird der deutsche Basiszinssatz zum Jahresbeginn erstmals wieder positiv. Die Bundesbank erhöht den Wert zum 1. Januar auf 1,62 Prozent, wie sie am Dienstag mitteilte. Hintergrund sind die Zinsschritte der Europäischen Zentralbank der vergangenen Monate zur Bekämpfung der Inflation.

Die Bundesbank berechnet den Basiszinssatz nach einem gesetzlich festgelegten Schlüssel jeweils zum 1. Januar und zum 1. Juli eines jeden Jahres. Seit 2013 war der Wert negativ und hatte seit Juli 2016 -0,88 Prozent betragen. Der Satz für 2023 galt letztmals im ersten Halbjahr 2009.

Der Zinssatz dient insbesondere vor Gericht als Berechnungsgrundlage für Verzugszinsen. Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist ein Zinssatz von 5 Punkten über dem Basiszins vorgesehen. Für Schulden zwischen Unternehmen sind es 9 Punkte darüber.

mje/ dpa-afx
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