Wirecard-Untersuchungsausschuss Ein aufschlussreiches Nachspiel

Was der Wirecard-Untersuchungsausschuss ans Tageslicht bringt, ist bemerkenswert und hat etliche Akteure den Job, Ruf oder Bonus gekostet. Völlig zurecht. Die Aufklärung kann aber nicht das Versagen der wichtigen Kontrollstellen im Vorfeld kompensieren. Um Skandale wie Wirecard zu vermeiden, reicht es nicht, die Bafin-Spitze auszutauschen.
Ein Kommentar von Katharina Slodczyk
Im Kleinklein verheddert, aber dennoch schier Unglaubliches zutage gefördert: Der Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Bilanzskandal bei Wirecard

Im Kleinklein verheddert, aber dennoch schier Unglaubliches zutage gefördert: Der Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Bilanzskandal bei Wirecard

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Sie haben sich mal wieder selbst überboten: Rund fünf Stunden haben die Parlamentarier im Wirecard-Untersuchungsausschuss Ende vergangener Woche einen britischen Börsenspekulanten befragt. Es war eine ihrer längsten Vernehmungen eines Zeugen. Die Abgeordneten haben sich dabei wiederholt und monologisiert, im Kreis gedreht und im Kleinklein verheddert. Wie so häufig.

Unter dem Strich haben sie dennoch schier Unglaubliches zutage gefördert: Dass Mitarbeiter bei der Whistleblower-Hotline der Finanzaufsicht Bafin kein Englisch konnten, sobald das Wort Wirecard fiel. Dass sie sofort auflegten, wenn sie den Namen des Aschheimer Zahlungsdienstleisters hörten. Dass Deutschlands Finanzaufsehern das notwendige Gespür und Verständnis für betrügerische Machenschaften fehlte und sie auf die absurdesten Geschichten hereinfielen.

Es war ein weiteres Beispiel für die bemerkenswerte Arbeit der Abgeordneten und ihre Fortschritte beim Aufarbeiten des Skandals. Das aufschlussreiche Nachspiel der Wirecard-Affäre, bei dem die Parlamentarier seit November Regie führen, kann aber nicht für das Versagen im Vorfeld entschädigen, dass auf so vielen Ebenen die Dinge schiefgingen und der Finanzplatz Deutschland provinziell und unterbelichtet daherkommt.

Finanzplatz Deutschland: Provinziell und unterbelichtet

Da haben Mitarbeiter der Finanzaufsicht mit Wirecard-Aktien gezockt, einen hat die Behörde inzwischen wegen Insiderhandels angezeigt. Auch der Chef der Wirtschaftsprüfer-Aufsicht Apas hat noch kurz vor dem Kollaps des Unternehmens Wirecard-Titel gekauft. Eine Commerzbank-Analystin, die sich eigentlich mit dem Konzern und seinen wundersamen Wachstumszahlen beschäftigen sollte, agierte als Spitzel und belieferte Wirecard mit Informationen aus dem Lager der Kritiker.

Ein Aufsichtsrat der Deutschen Bank biederte sich dem langjährigen Wirecard-Chef Markus Braun (51) an und forderte ihn auf, die britische Wirtschaftszeitung "Financial Times" fertigzumachen, die immer wieder kritische Geschichten über das Unternehmen brachte. Wirtschaftsprüfer von EY gaben sich jahrelang mit Nachweisen über milliardenschwere Kontoguthaben aus dubiosen Quellen zufrieden, statt direkt bei den Banken nachzufragen, wo das Geld eigentlich liegen sollte.

Die Frau eines Kanzlerberaters vermittelt Wirecard offenbar Kontakte zu einer chinesischen Firma. Ein ehemaliger bayerischer Polizeichef spielte für das Unternehmen den Türöffner zu wichtigen Behörden und verhalt dem Fahrer des einstigen Wirecard-CEOs zu einem Waffenschein. Im Untersuchungsausschuss offenbarte der Ex-Polizeichef einen mehr als nachlässigen Umgang mit der Wahrheit.

Geldwäscheprävention fand in Bayern monatelang nicht statt, weil Mitarbeiter fürs Corona-Krisenmanagement abgestellt wurden. Ohnehin arbeiten sie in der Abteilung wie vor der Internet-Steinzeit, haben keine Register mit all den Unternehmen, die sie eigentlich kontrollieren sollen – geschweige denn Fortbildungen, um den neuesten Tricks leichter auf die Schliche zu kommen.

Unwissen, Inkompetenz und grenzenlose Schlamperei

Es ist ein Haufen wilder Geschichten und ein kurioses Kabinett kleingeistiger Gestalten, die durch den Untersuchungsausschuss öffentlich werden. Die Abgeordneten haben Zugang bekommen zu hunderten Gigabytes an Mails und Protokollen, Notizen und Faxen. Was sie da herausfischen, legt in den schillerndsten Farben Unwissen und Inkompetenz, grenzenlose Schlamperei und mangelnde Redlichkeit wichtiger Akteure offen, die den Finanzplatz Deutschland kontrollieren sollen. Der Untersuchungsausschuss macht schonungslos deutlich: Die Geschichte von Wirecard ist auch eine Geschichte des Staatsversagens.

Das absurdeste Beispiel dafür ist die drittklassige Räuberpistole, die Staatsanwaltschaft und Finanzaufsicht Jan Marsalek (40) im Februar 2019 abkauften und die zum Leerverkaufsverbot führte: Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Bloomberg hätten telefonisch von Wirecard sechs Millionen Euro gefordert, ansonsten werde Bloomberg "ein Angebot der Financial Times annehmen" und in die negative Berichterstattung über Wirecard einsteigen, von der sich Bloomberg finanzielle Vorteile versprochen habe. Häh?! Echt jetzt?

Die Staatsanwaltschaft hat die Infos ungeprüft an die Bafin gefaxt. Und die wiederum hat auf dieser Basis die Spekulation mit Wirecard-Aktien vorübergehend verboten – was bei Investoren, Journalisten und anderen Aufsehern wie der ultimative Vertrauensbeweis ankam. Die Bafin werde zu solch drastischen Mitteln doch nur dann greifen, wenn sie klare, eindeutige Belege für die Unschuld von Wirecard habe, oder etwa nicht?

Es ist wohl der eine Vorfall zu viel, der am Ende Bafin-Chef Felix Hufeld (59) und Bafin-Direktorin Elisabeth Roegele (53), der Architektin des Leerverkaufsverbots, den Job kosteten. Sie verlängern die Liste derer, die wegen Wirecard ihre Stelle, ihren Ruf oder Bonus verloren haben. Und der Untersuchungsausschuss ist noch lange nicht fertig mit seiner Arbeit. Bis zum Sommer werden sie weitergraben.

Bessere Bezahlung für gute Leute

Das Bundesfinanzministerium verspricht jetzt nach den Rücktritten an der Bafin-Spitze vollmundig einen personellen Neuanfang bei der Finanzaufsicht. Um Skandale wie Wirecard zu vermeiden, wird das aber noch lange nicht ausreichen. Es wird vor allem mehr Geld erfordern – Investitionen in eine bessere Ausstattung, in Fortbildung, in eine attraktivere Bezahlung, damit die Jobs bei Aufsichtsbehörden mehr gute Leute aus der Praxis anziehen.

Die Probleme sitzen aber noch viel tiefer. Es ist eine Geisteshaltung, eine generelle Abneigung gegen Leerverkäufer und Spekulanten, deren Erkenntnisse man bei Wirecard hätte nutzen können, gegen den angelsächsischen Kapitalmarkt. Dadurch ist Deutschland auch weit entfernt von den Standards dort im Kampf gegen die Auswüchse, die auch hier längst angekommen sind.

Wirecard konnte – und dafür haben die Shortseller überzeugende Indizien geliefert – seit seiner Gründung vor gut zwei Jahrzehnten tricksen und staatliche Stellen täuschen. Es dürfte mindestens genauso lange dauern, das zu überwinden.