Bilanzverschiebung und Hinweise auf Täuschung Das nächste Fiasko für Wirecard

Zahlungsdienstleister Wirecard: Der Verdacht auf Bilanzfälschung erhärtet sich

Zahlungsdienstleister Wirecard: Der Verdacht auf Bilanzfälschung erhärtet sich

Foto: Wirecard

Wirecard hat seinen Jahresabschluss auf unbestimmte Zeit verschoben. Ursprünglich wollte der Aschheimer Zahlungsdienstleister seine testierte Jahresbilanz für 2019 am heutigen Donnerstag vorlegen. Doch da die Existenz von 1,9 Milliarden Euro und damit einem Viertel der Konzernbilanzsumme unklar ist, wird sich die Sache verzögern.

Die Abschlussprüfer von EY hätten keine "ausreichenden Prüfungsnachweise" für diesen Betrag, teilte Wirecard mit. Sie hätten zudem Anhaltspunkte, dass ihnen falsche Dokumente vorgelegt worden wären. Das brachte den Wirecard-Kurs  zum Einsturz. Die Titel brachen zwischenzeitlich um mehr als 70 Prozent ein und schloss auf Xetra bei 39.90 Euro. Am Donnerstag Morgen hatte die Aktie noch über der Marke von 100 Euro notiert hatte.

Das ist das nächste Fiasko für Wirecard. Dass EY noch immer kein Testat abgegeben hat und von Anhaltspunkten für mögliche Täuschung spricht, verstärkt die Zweifel an der Aussagekraft der Wirecard-Zahlen.

Die waren zuletzt bereits bei einer KPMG-Sonderprüfung aufgekommen. Eigentlich hatte sich Wirecard-Chef Markus Braun davon einen eindeutigen Freispruch versprochen. KPMG war im Auftrag des Wirecard-Aufsichtsrats Vorwürfen nachgegangen, dass der Dax-Konzerne seine Zahlen frisiert. Die britische Wirtschaftszeitung "Financial Times" hatte im vergangenen Jahr neue Anschuldigungen aufgebracht, die der Konzern bestreitet.

Verheerendes Urteil der KPMG-Prüfer

Das KPMG-Gutachten, das Wirecard Ende April vorstellte, kam zu einem verheerenden Urteil über die Zustände bei dem Unternehmen. Zwar haben die Prüfer die Bilanztäuschung nicht nachgewiesen. Um aber alle Vorwürfe aufzuklären und aus der Welt zu schaffen, fehlten ihnen wichtige Dokumente und die Kooperation mit Wirecard-Managern sowie Partnerfirmen.

Der Konzern hatte daraufhin auf EY gesetzt und gehofft, dass die Wirtschaftsprüfer die Bilanz ohne Beanstandungen abzeichnen. Doch ähnlich wie KMPG sind auch EY-Experten daran gescheitert, Licht in einen bestimmten Geschäftsbereich von Wirecard reinzubringen: Es geht um Umsätze mit so genannten Drittpartnern. Mit denen arbeitet der Konzern überall dort zusammen, wo er keine eigenen Lizenzen hat, um den Zahlungsverkehr selbst abzuwickeln.

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Das Geschäft mit den Partnern blieb für KMPG eine Blackbox. Man könne für den Zeitraum 2016 bis 2018 weder eine Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse aus den Geschäftsbeziehungen mit den Partnern existierten und der Höhe nach korrekt seien, noch die Aussage, dass sie nicht existent und in der Höhe nicht korrekt seien, schrieben die KPMG-Prüfer. Zudem gebe es keine ausreichenden Nachweise für Zahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von einer Milliarde Euro.

Diese Konten unterhält Wirecard zu Gunsten der Partner. Das Geld auf diesen Konten speist sich aus den Gebühren, die die Partnerfirmen dem Dax-Konzern schulden.

Liste der Probleme von Wirecard wird immer länger

Inzwischen liegen offenbar 1,9 Milliarden Euro auf diesen Treuhandkonten. Es gebe Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem der Treuhänder beziehungsweise aus dem Bereich der Banken, welche die Treuhandkonten führen, "unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden, damit diese ein unrichtiges Vorstellungsbild über das Vorhandensein der Bankguthaben beziehungsweise die Führung von Bankkonten zugunsten der Wirecard-Gesellschaften erhalte", teilte Wirecard mit. Der Vorstand arbeite mit Hochdruck daran, den Sachverhalt aufzuklären.

Wirecard warnt zudem: Sollte nicht bis zum 19. Juni 2020 ein testierter Jahresabschluss vorliegen, könnten dem Konzern Kredite in Höhe von zwei Milliarden Euro gekündigt werden.


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Das alles verlängert die Liste der Probleme, mit denen Wirecard kämpft. So hat sich Vorstandschef Markus Braun jüngst Ärger mit der Finanzaufsicht Bafin eingehandelt - wegen irreführender Kommunikation mit Investoren im Vorfeld des KMPG-Gutachtens. Das hat Wirecard eine Razzia der Staatsanwaltschaft München eingehandelt. Dort liegt auch eine Strafanzeige des Hedgefonds TCI vor, der unter anderem dubiose Vorgänge beim Kauf einer indischen Gesellschaft kritisiert.

Eine Reihe von Investoren hat wegen der vielen Fragwürdigkeiten zuletzt ihre Beteiligung an Wirecard zurückgefahren und personelle Konsequenzen gefordert.