Matthew Earl vor Wirecard-Untersuchungsausschuss "Staatsfeind Nummer Eins" - wie ein Shortseller an Wirecard scheiterte

Der Wirecard-Untersuchungsausschuss bringt Neues ans Licht: So versuchte der britische Shortseller Matthew Earl immer wieder, dem betrügerischen Treiben des Konzerns ein Ende zu bereiten - und scheiterte.
Aus Berlin berichtet Katharina Slodczyk
Behandelt "wie Staatsfeind Nummer Eins": Der britische Shortseller Matthew Earl (41) zeichnete im Wirecard-Untersuchungsausschuss ein wenig schmeichelhaftes Bild deutscher Ermittler und Aufsichtsbehörden

Behandelt "wie Staatsfeind Nummer Eins": Der britische Shortseller Matthew Earl (41) zeichnete im Wirecard-Untersuchungsausschuss ein wenig schmeichelhaftes Bild deutscher Ermittler und Aufsichtsbehörden

Foto: Dylan Martinez / REUTERS

Ein Jahr vor dem Zusammenbruch von Wirecard hat der britische Shortseller Matthew Earl (41) der Münchener Staatsanwaltschaft neue Hinweise auf Geldwäsche bei dem Zahlungsdienstleister geliefert, die allerdings nicht zu den von ihm erhofften Ermittlungen führten. In einer etwa 45-minütigen Präsentation habe er im Juni 2019 fünf Beweise für Geldwäsche vorgestellt, berichtete Earl am Freitag dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin.

"Es war ein seltsames Treffen, die Atmosphäre frostig", sagte der Brite. Man habe ihn behandelt "wie den Staatsfeind Nummer eins." Irgendwann sei der Staatsanwältin aber offenbar ein Licht aufgegangen. "Sie sagte 'Du lieber Himmel, das ist ein Dax-30-Unternehmen', und da hab ich gesagt 'ganz genau, und das ist Ihr Problem'".

Earl lieferte damit ein weiteres Beispiel für eine verpasste Chance, dem betrügerischen Treiben bei Wirecard ein Ende zu bereiten. Auch andere Behörden und Akteure, darunter Wirtschaftsprüfer von EY, die Finanzaufsicht Bafin und die Bilanzpolizei DPR, haben das Ausmaß der Wirecard-Affäre  lange falsch eingeschätzt oder sind nicht energisch genug eingeschritten.

Erst im Juni 2020 brachte ein Milliardenloch  Wirecard zu Fall. Der Konzern meldete Insolvenz an, nachdem 1,9 Milliarden Euro verschwunden waren und Wirtschaftsprüfer dem Unternehmen das Testat für die Bilanz 2019 verweigerten. Wirecard ist der erste Dax-Konzern, der in eine Pleite rutschte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft München wegen Marktmanipulation, Bilanzfälschung sowie Betrug und spricht von einer kriminellen Bande, die am Werk gewesen sei.

Earl beschreibt eklatante Schwächen der Finanzaufsicht Bafin

Matthew Earl hat gemeinsam mit seinem einstigen Kollegen  Fraser Perring  (47) im Februar 2016 den sogenannten Zatarra-Report veröffentlicht. Sie gehörten zu den Ersten, die eine Vielzahl von Hinweisen auf fragwürdige Machenschaften bei Wirecard lieferten und diese nachzeichneten. Statt zu Ermittlungen gegen den Konzern führte das jedoch zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Autoren des Reports. Inzwischen sind diese eingestellt – gegen Zahlung eines fünfstelligen Betrag an eine wohltätige Organisation.

Earl und Perring haben ihren Wirecard-Bericht auch an die Bafin geschickt, ohne dass das zu Konsequenzen führte. Die Aufsichtsbehörde habe damals bemängelt, dass so viele Quellen für die dubiosen Geschäfte von Wirecard im Zatarra-Report geliefert worden seien. "Diese Reaktion hat mich schon sehr gewundert", sagte Earl. Schließlich seien alle diese Quellen öffentlich verfügbar gewesen. Der Brite ergänzte später bei seiner Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss: "Wenn man das nicht verstanden hat", was bei Wirecard passiert sei, "musste man wirklich dumm sein."

Bafin-Chef Felix Hufeld (59) hat seine Behörde im Wirecard-Skandal stets verteidigt. Man habe nicht die entsprechenden Instrumente und Befugnisse gehabt, um wirkungsvoll gegen Wirecard vorzugehen. Die Finanzaufsicht soll künftig mehr Möglichkeit und Personal haben, damit sich so etwas nicht wiederholt. Earl machte am Freitag deutlich, dass er einen Neuanfang der Behörde unter Hufeld für nicht aussichtsreich hält. Hufeld sei "am wenigsten geeignet, da er die Fehler nicht anerkennt, die ihm passiert sind". Inzwischen hat das Bundesfinanzministerium auch endlich personelle Konsequenzen gezogen. Sowohl Bafin-Chef Hufeld als auch seine Stellvertreterin Elisabeth Roegele (53) müssen gehen.

Earl beschrieb weitere Erfahrungen mit der Finanzaufsicht Bafin, die nahezu unglaubliche Schwächen offenlegen. Er habe später bei der Whistleblower-Hotline der Behörde angerufen, um auf Fragwürdigkeiten bei Wirecard aufmerksam zu machen: "Sobald von Wirecard die Rede war, sagte die Person auf der anderen Seite: ,Entschuldigen Sie bitte, ich spreche nicht genug Englisch.'" Später habe man bei der Whistleblower-Hotline der Bafin einfach aufgelegt, wenn er wegen Wirecard angerufen habe. "Dann habe ich es aufgegeben, es hatte ja offenbar keinen Sinn", sagte Earl.

"Es gab eine Fülle an Gelegenheiten, um gegen Wirecard zu ermitteln"

Die Behörde steht in der Wirecard-Affäre massiv unter Druck – auch weil einige Mitarbeiter mit Papiere des Unternehmens handelten. Die Bafin hat inzwischen einen Beschäftigten wegen des Verdachts des Insiderhandels bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart angezeigt.

Earl geht davon aus, dass Wirecard jahrelang "Milliardenbeträge aus illegalem Glückspiel reingewaschen hat." Hätten Staatsanwälte oder Finanzaufseher eingegriffen, hätte Wirecard nicht weiter mit Visa und Mastercard zusammenarbeiten und Zahlungen abwickeln können. "Es gab eine Fülle an Gründen und Gelegenheiten, um gegen Wirecard zu ermitteln", betonte Earl. "Wenn man ein Buch über Betrug schreiben würde, könnte man Wirecard in jedem einzelnen Kapital erwähnen."

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