Wirecard-Prozess Wie der Kronzeuge aus der Wüste den Ex-Chef belastet

Oliver Bellenhaus war der Statthalter des Konzerns in Dubai. Vor Gericht beschreibt er den Wirecard-CEO als Mastermind in einem Kreis von "Hasardeuren, Kriminellen und Verrätern", zu dem er sich auch selbst zählt. Innenansichten über ein Betrugssystem.
"Blinde Loyalität": Oliver Bellenhaus vor Gericht in München, dahinter rechts ist sein Ex-Chef Markus Braun zu erkennen

"Blinde Loyalität": Oliver Bellenhaus vor Gericht in München, dahinter rechts ist sein Ex-Chef Markus Braun zu erkennen

Foto: Lukas Barth / dpa

Im Innern des bombengeschützten Gerichtssaals von München-Stadelheim ließ er noch einmal die Umrisse des alten Selbstbilds erahnen. Er sei der "Rainmaker von Wirecard" gewesen, sagte Oliver Bellenhaus (49), der große Zampano also, der aus seinem Turm in der Wüste die operativen Fäden zog. Er habe zum "Inner Circle" des Konzerns gehört, einem Kreis von "Hasardeuren, Kriminellen und Verrätern", die sich über Jahre schöngeredet hätten, was sie da machten.

Im Jahrhundertprozess  um den kollabierten Wirecard-Konzern gehört der ehemalige Statthalter in Dubai zu den Anklagten. Die Staatsanwaltschaft wirft auch ihm gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Marktmanipulation und weitere Straftaten vor; seit fast zweieinhalb Jahren sitzt er ununterbrochen in Untersuchungshaft. Doch Bellenhaus hat in den Vernehmungen seitdem so umfangreich ausgepackt, dass er nun der Kronzeuge in dem Verfahren ist, der wichtigste Belastungszeuge gegen Wirecards Ex-CEO Markus Braun (53).

Und wie erwartet: Bellenhaus erhebt schwere Vorwürfe. Wirecard sei ein "Krebsgeschwür, das lange unentdeckt wucherte". Das System sei von Anfang an ein Schwindel gewesen. Er zeichnet die Unternehmenskultur als System der Unterwürfigkeit. "Dr. Braun", wie er seinen früheren Chef fast durchgängig nennt, habe als "absolutistischer CEO" gehandelt. Er sei der Kern gewesen, auf den alles ausgerichtet gewesen sei. Dessen kongenialer Partner sei der flüchtige Jan Marsalek (42) gewesen. Er selbst, Bellenhaus, habe lange nicht glauben wollen, Teil einer kriminellen Bande zu sein. "Eine blinde Loyalität gegenüber Braun und Marsalek hat mich ins Gefängnis gebracht."

Bellenhaus sitzt an diesem Montag in der ersten Reihe der Anklagebank, vor seinem Ex-Chef, der ihm weitgehend unbeweglich lauscht. Ein Mann im grauen Anzug, mit Krawatte und kleiner Brille. Solange die Fotografen noch im Saal sind, trägt er eine Corona-Maske. Seinen Redetext hat er sich aufgeschrieben, fast 100 Seiten. Zu Beginn entschuldigt er sich. Es falle nicht leicht, die Verantwortung zu übernehmen. Er bedauere die Vorwürfe, nicht nur wegen der Konsequenzen für ihn und seine Familie, sondern auch wegen der Geschädigten. "Ich bin erschrocken über mein eigenes Wesen."

Aufmarsch: Bellenhaus mit Maske vorn, Braun im Rolli dahinter

Aufmarsch: Bellenhaus mit Maske vorn, Braun im Rolli dahinter

Foto: Lukas Barth / dpa

Anschließend beschreibt er, wie bei Wirecard Bilanzen geschönt und Umsätze erfunden wurden. Braun erscheint in seinen Erzählungen als Mastermind hinter allem. Er sei getrieben gewesen davon, die Umsatzzahlen ins Unermessliche steigen zu lassen, sein Gradmesser sei der Aktienkurs gewesen. "Es gab ein System des organisierten Betrugs", sagt Bellenhaus.

Markus Braun sieht in Bellenhaus einen Haupttäter

Braun, der im Prozess bislang auf eine Aussage verzichtet hat und frühestens im kommenden Jahr aussagen will, lässt die Vorwürfe hingegen über seine Anwälte bestreiten: Die Umsätze seien echt gewesen, nur seien sie von anderen wie Bellenhaus oder Marsalek beiseite geschafft worden. "Bellenhaus ist nicht Kronzeuge", hatte Braun-Anwalt Alfred Dierlamm bereits vor Tagen gesagt. "Bellenhaus ist Haupttäter einer Bande." Bellenhaus wiederum sieht das als typisches Muster. Braun habe ihn und Marsalek als Sündenböcke auserkoren, sagt er, so wie früher schon die verhassten Shortseller, die gegen die Wirecard-Aktie spekuliert hatten.

Die Männer auf der Anklagebank sehen sich als Opfer des jeweils anderen.

Unbestritten ist: Oliver Bellenhaus war Teil des Systems, seit 2013 Statthalter von Wirecard in Dubai. Er wohnte dort im 93. Stock des höchsten Gebäudes. Aus der Wüste steuerte er das sogenannte Drittpartnergeschäft, dessen angebliche Milliarden sich später nie auffinden ließen. Bis zur Pleite im Juni 2020 war er Geschäftsführer wichtiger Firmen im Wirecard-Geflecht und spielte über Jahre eine wichtige Rolle im Lügenkonstrukt. Er und der ebenfalls angeklagte frühere Chefbuchhalter Stephan von Erffa (48) seien die operativen Säulen für die Manipulation gewesen, so Bellenhaus in seinem Vortrag. "Nichts schweißt mehr zusammen, als gemeinsam begangene Verbrechen."

"Der Point of no return lag 2017 schon weit hinter uns."

Oliver Bellenhaus

Er räumt ein, Protokolle und E-Mails gefälscht zu haben. Mit Protokollen sei eine Dokumentenlage geschaffen worden, die einzig und allein darauf abgezielt habe, den Wirtschaftsprüfern von KPMG den Eindruck zu verschaffen, dass die Unterlagen geprüft worden seien. Die Protokolle seien genutzt worden, um Fehler zum Jahresende zu korrigieren. Prognosen seien nicht zu Jahresbeginn erstellt, sondern zum Jahresende hin angepasst worden. Den veruntreuten Betrag beziffert er gar auf mindestens 2,5 Milliarden Euro – mehr als die von Treuhandkonten verschwundenen 1,9 Milliarden Euro, die bisher im Zentrum der Ermittlungen standen.

Beispielhaft schildert Bellenhaus, wie er und seine Kollegen sich auf eine Untersuchung durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG vorbereitet hätten. Auf Anweisung Marsaleks hin habe er die für das große Geschäftsvolumen nötige Datenmenge ganz neu erstellen sollen. Dafür habe er eine Hotelsuite in Dubai gemietet, um von dort einen Datengenerator zu betreiben. Er habe einen abgelegenen Ort gesucht, um nicht zufällig Investigativ-Journalisten oder anderen Wirecard-Mitarbeitern in die Arme zu laufen. Doch der Plan ging laut Bellenhaus nicht wie gehofft auf. "In der Realität merkten wir sehr schnell, dass die Technik, die wir benötigen, in der gesamten GCC-Region nicht zur Verfügung stehen würde."

Dann versucht er eine Erklärung. Wirecard sei 20 Jahre lang seine Identität gewesen, sagte Bellenhaus. "Kleine Lügen wurden zu großen Lügen, große Lügen werden bestraft." Wann genau der Betrug anfing, ist aus seinem Vortrag nicht zu entnehmen. Einmal sagt er: "Der point of no return lag 2017 schon weit hinter uns."

Wie glaubwürdig ist der Kronzeuge?

Bereits kurz nach der Pleite von Wirecard war im Juli 2020 Haftbefehl gegen Bellenhaus ergangen, wenige Tage später hatte er sich in München gestellt und umfassend ausgesagt. In dem Prozess sind seine Aussagen zentral, will die Staatsanwaltschaft das Gericht überzeugen, den früheren Wirecard-Chef Braun wirklich der Kopf der Bande zu sehen. Bellenhaus hatte gehofft, im Gegenzug vorerst auf freien Fuß zu kommen. Doch ohne Erfolg, er sitzt jenen Sommertagen in Stadelheim. Auch auf einen Antrag auf Strafnachlass hatten sich die Ermittler nicht eingelassen. Die Staatsanwaltschaft fordert zusätzlich zu einer Strafe sogar noch die Einziehung von 5,9 Millionen Euro aus seinem Vermögen .

Brauns Anwalt Dierlamm versuchte hingegen erneut, die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen zu untergraben . So habe Bellenhaus Millionensummen aus dem Wirecard-System auf private Konten abgezweigt und teilweise schon vor Jahren seiner Ehefrau überschrieben. Er habe ein verschachteltes System aus Firmen, Schattenfirmen und Konten aufgezogen und die Strukturen in seinen Vernehmungen zunächst verschwiegen.

Erst nachdem Bellenhaus einzelne Veruntreuungen zugegeben habe, sei die Staatsanwaltschaft nur verspätet tätig geworden. Erst im Oktober 2021 sei Bellenhaus Wohnung durchsucht worden, später auch noch das Haus seiner Mutter, wo man Festplatten in einer Abstellkammer gefunden habe. Nur würde sich davon nichts in den Akten befinden. Die Staatsanwaltschaft erklärt dagegen, die Aktien seien vollständig.

Der Kronzeuge hat an diesem Montag nach fünf Stunden erstmal aufgehört zu sprechen, am Mittwoch wird er seine Aussage fortsetzen. Am Ende wird in diesem Prozess entscheidend sein, wie sehr das Gericht ihm glaubt. Seine vielen Vernehmungen waren nicht frei von Widersprüchen, aber die Staatsanwaltschaft hält die Aussagen für so detailliert und glaubhaft, dass sie sich darauf stützt.

Oliver Bellenhaus, der selbst erklärte Rainmaker aus der Wüste, ist nun im Münchener Gerichtsbunker die Schlüsselfigur.

lhy/Reuters, dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.