Wirecards Kerngeschäft offenbar seit Jahren defizitär Geheimer Teil von KPMG-Bericht sorgt für Verdruss

Tröpfchenweise dringen Details aus einem geheimen Teil des KPMG-Berichts zu Wirecard durch. Diese Informationspolitik sei für Beschäftigte, Anleger und Kunden "unerträglich", kritisieren Aktionärsschützer.
Ex-Konzernchef Markus Braun (51): "Massive Informationsasymmetrie"

Ex-Konzernchef Markus Braun (51): "Massive Informationsasymmetrie"

Foto: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/Shutterstock

Gut 274 Seiten ist er lang, der Anhang zum KPMG-Prüfbericht zu Wirecard. Das Problem: Öffentlich zugänglich ist dieser Anhang, der ungeschwärzt volle Namen und andere Details nennen soll, allerdings nicht. In einem der größten Bilanzskandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte sei zu dessen Aufklärung mehr Transparenz angezeigt und der ganze Bericht jetzt offenzulegen, forderte Marc Tüngler (52), Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters am Montag.

Wirecard hatte nach wiederholten Vorwürfen der Bilanzmanipulation KPMG mit einer Sonderprüfung beauftragt. Nach mehreren Verzögerungen wurde eine Kurzfassung schließlich Ende April veröffentlicht. Sie brachte den Stein ins Rollen, der schließlich zum Kollaps des Zahlungsanbieters führte.

Tüngler bemängelte, dass der volle Bericht offenbar einzelnen Personen und Medien vorliege. Diese "massive Informationsasymmetrie" sei für die betroffenen Anleger, Mitarbeiter und Kunden "unerträglich". Aus eben diesem Anhang geht offenbar auch hervor, dass die mutmaßlichen Luftbuchungen bei Wirecard auch auflaufende Verluste im eigenen Kerngeschäft kaschieren sollten, schreibt die "Financial Times"  ("FT"). In Europa und Amerika hätten die direkt unter Wirecard-Kontrolle stehenden Gesellschaften seit Jahren rote Zahlen eingefahren.

2018, als Wirecard in den Dax aufstieg und die Commerzbank im Leitindex ersetzt hat, hätten die Geschäfte unter direktem Einfluss Wirecards einen operativen Verlust von 74 Millionen Euro gemacht. Auch im Jahr davor habe Wirecard in den Bereichen Geld verloren, während die offiziellen Geschäftszahlen für den Gesamtkonzern stetig steigende Gewinne auswiesen. Das Unternehmen wollte die Informationen der Zeitung nicht kommentieren.

Aktien von Wirecard , die längst zum Spielball von Zockern geworden sind und im September sehr wahrscheinlich aus dem Dax fliegen, brachen in Reaktion auf die Meldung zunächst um mehr als 22 Prozent auf 2,50 Euro ein, konnten ihre Verluste im Laufe des Vormittags aber auf rund 9 Prozent reduzieren.

Wirecard hatte nach mehrfachen Verzögerungen des Geschäftsberichts für das vergangene Jahr Mitte Juni einräumen müssen, dass rund 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen mit großer Wahrscheinlichkeit nie existiert haben. Das Geld war offiziell für das sogenannte Drittpartnergeschäft in Asien vorgesehen, über das Wirecard nach eigener Darstellung Geschäfte in Ländern ohne eigene Lizenz abwickelte.

Inzwischen hat Wirecard Insolvenz angemeldet, Milliarden an Börsenwert wurden vernichtet. Öffentlich gemacht hat die Staatsanwaltschaft, dass gegen Ex-Chef Markus Braun (51), den ebenfalls gefeuerten Top-Manager Jan Marsalek (40) und andere wegen Verdachts unrichtiger Angaben und Marktmanipulation ermittelt wird. Braun hat sich den Behörden gestellt und ist nach Zahlung einer millionenschweren Kaution auf freiem Fuß, Marsalek ist untergetaucht.

Ende April hatte der im vergangenen Herbst angestoßene Sonderbericht der Wirtschaftsprüfer von KPMG die seit längerem umlaufenden Zweifel an den Gepflogenheiten des Unternehmens aus dem Münchener Vorort Aschheim untermauert und wichtige Fragen offen gelassen. Der veröffentlichen Version des KPMG-Sonderberichts fehlen die von der "FT" nun angeführten Anhänge. Ende Januar 2019 hatte die "FT" mit internen Unterlagen zum Asiengeschäft einen herben Kurssturz der Aktie ausgelöst.

Bundesfinanzminister will Finanzaufsicht stärken

Auch als Konsequenz aus dem Skandal um Wirecard will Bundesfinanzminister Olaf Scholz die deutsche Finanzaufsicht stärken. Es sei nun Aufgabe des Gesetzgebers, "die Schutzmechanismen zu überprüfen und zu verbessern", sagte der SPD-Politiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) müsse mehr Durchgriffsrechte bei der Kontrolle von Bilanzen bekommen, "unabhängig davon, ob der Konzern eine Banksparte hat oder nicht". Die Bafin brauche "die Möglichkeit, jederzeit Sonderprüfungen in großem Umfang durchführen zu können", sagte Scholz.

Große Zahlungsdienstleister sollten generell der Finanzaufsicht unterliegen. Die Anstalt könnte zudem personell verstärkt werden. "Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Bafin mehr Geld, mehr Stellen und mehr Kompetenzen benötigt, werde ich mich dafür einsetzen, dass das passiert", sagte Scholz.

rei/dpa-afx
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