Dienstag, 2. Juni 2020

KPMG-Bericht verstärkt Misstrauen Wirecard - was für eine Klitsche

Wirecard-Messestand: Es klingt in Teilen wie in der Klitsche, die Wirecard am Anfang war, als das Unternehmen Zahlungen für Gaming- und Porno-Onlineangebote abwickelte

Eine KPMG-Sonderprüfung sollte den Zahlungsdienstleister Wirecard endlich von allen Vorwürfen rund um Bilanz und Governance freisprechen. Dieser Plan ist auf ganzer Linie gescheitert. Die Wirtschaftsprüfer werfen mehr Fragen auf als sie beantworten - und zeichnen das Bild eines Unternehmens, das an einer Aufklärung nicht sonderlich interessiert ist.

Es sollte ein Neuanfang werden. Um Vertrauen zu gewinnen und eine neue Ära der lange vermissten Transparenz einzuläuten, sollten Experten von KPMG Geschäftspraktiken von Wirecard Börsen-Chart zeigen untersuchen und endlich Licht in die dunklen Ecken des Unternehmens bringen. Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann hatte nicht weniger versprochen, als den Konzern in die nächste Phase zu führen. Und die KPMG-Sonderprüfung solle ein wesentliches Element werden.

Der Bericht der Wirtschaftsprüfer liegt seit Dienstagfrüh vor. Ein Neuanfang, wie ihn Wirecard in Aussicht gestellt hat? Rückt in weite Ferne angesichts der vernichtenden Prüfungsergebnisse. Es bleiben massive Zweifel und zahlreiche offene Fragen, und das Geschäftsmodell bleibt in wichtigen Teilen nebulös. Der erhoffte Freispruch auf ganzer Linie? Mitnichten.

KPMG-Bericht verstärkt das Misstrauen gegen Wirecard

Der KPMG-Bericht verstärkt stattdessen das Misstrauen gegen das Unternehmen - und die absonderliche Kommunikation von Konzernchef Markus Braun, der sich durch den Bericht entlastet sieht, wirft massive Fragen auf über seinen Realitätssinn und sein Urteilsvermögen. Es bleibt der Verdacht, dass Umsätze auf eine undurchsichtige Art und Weise zustande gekommen sind. Die Sonderprüfer zeichnen das Bild eines Konzerns, der unprofessionell agiert, in Teilen schlampig und allenfalls halbherzig an Transparenz sowie Aufklärung interessiert ist - ein Desaster.

Seit Herbst vergangenen Jahres haben zeitweise 40 KPMG-Experten Wirecard durchleuchtet. Im Zentrum standen jede Menge Vorwürfe, die die britische Wirtschaftszeitung "Financial Times" (FT) aufgebracht hatte. Und ja, in drei von vier Teilbereichen, die KPMG genauer ins Visier genommen hat, kommt Entlastendes zum Vorschein. Aber der vierte und wichtigste Teilbereich, in dem es darum geht, wie Wirecard mithilfe externer Firmen, so genannter Drittpartner, Umsätze erwirtschaftet, bleibt immer noch eine Blackbox. Das betrifft fast die Hälfte der Umsätze und einen erheblichen Teil des operativen Gewinns.

Prüfer stellen Risikomanagement in Frage

Dabei hat KPMG seine Untersuchung eigentlich genau deswegen verlängert, um diesen Teilbereich aufzuklären und ein für alle Mal mit den Vorwürfen der Bilanzkosmetik Schluss zu machen. Stattdessen stehen da jetzt Aussagen drin wie: Man könne weder die Aussagen treffen, dass bestimmte Umsatzerlöse existierten und der Höhe nach korrekt seien, noch dass sie nicht existent sind und der Höhe nach nicht korrekt seien. Kurz zusammengefasst: KPMG kann die FT-Vorwürfe zwar nicht bestätigen, aber auch nicht ausräumen. Je länger man liest, desto mehr stellt sich die Frage: Lassen sich die Vorwürfe überhaupt ausräumen?

Wirecard-Aufsichtsratschef: "Wir wollen den Konzern in die nächste Phase führen"

Es wimmelt in diesen Teil des Prüfberichts vor Formulierungen, die deutlich machen: Die Prüfer können wichtige Teile des Wirecard-Geschäfts nicht nachvollziehen. Sie stellen Bilanzierungspraktiken in Frage - ebenso wie das Risikomanagement des Unternehmens. Sie beschreiben verwundert, dass Wirecard sich bei der in diesem Geschäft so wichtigen Kundenprüfung auf Partner verlässt, ohne das zu überwachen, ohne Nachweise anzufordern. Sie legen Seite für Seite weitere Schwächen des Konzerns offen: Vorstandsbeschlüsse fallen rückwirkend. Das Unternehmen arbeitet mit Verträgen, die nicht unterschrieben sind. Und in Vorstandssitzungen werden keine Verlaufsprotokolle geführt. Und so agiert ein Dax-Konzern! Es klingt in Teilen noch immer wie die Klitsche, die Wirecard am Anfang war, als das Unternehmen Zahlungen für Gaming- und Porno-Onlineangebote abwickelte.

Distanziert Eichelmann sich von Braun?

Dreimal hat Wirecard Börsen-Chart zeigen die Veröffentlichung dieses Berichts hinausgezögert und jedes Mal den Eindruck erweckt: Außer einer weißen Weste habe KPMG nichts gefunden. Das ist nicht der Fall. Es bleiben viele hässliche Flecken.

Wirecard-Chef Markus Braun verspricht zwar, man werde die Dinge noch zu Ende abarbeiten, alles sauber abschließen. Aber was sind seine Worte noch wert angesichts dessen, wie KPMG die Zusammenarbeit beschreibt? Da wurden angeforderte Dokumente gar nicht oder erst mit großer Verzögerung geliefert, da wurden Interviewtermine verschoben, Dokumente nur als Kopien geliefert, so dass die Authentizität nicht geprüft werden konnte.

Interessant ist vor allem ein Detail an der Vorstellung des KPMG -Berichts: Eigentlich war Aufsichtsratschef Eichelmann der Auftraggeber. Am Dienstag überließ er Markus Braun die Bühne. Dieser durfte sich rechtfertigen und die kritischen Fragen von Journalisten beantworten, während Anleger ihren Daumen senkten und der Wirecard-Aktienkurs um 26 Prozent einbrach.

War das ein erstes Signal dafür, dass Eichelmann die Distanz zu Braun, sucht, weil er zu der Erkenntnis kommt, dass der Chef und größte Anteilseigner von Wirecard Teil des Problems und nicht Teil der Lösung ist?

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