Nach dem Singapur-Skandal Diese Zweifel an Wirecard werden bleiben

Wirecard-Zentrale in Aschheim

Wirecard-Zentrale in Aschheim

Foto: Wirecard

Noch hat die Singapurer Anwaltskanzlei Rajah & Tann ihre Untersuchung nicht abgeschlossen. Wirecard-Chef Markus Braun konnte den Investoren in einer Telefonkonferenz am Montagmittag aber bereits "mit Sicherheit" erklären, dass nichts Wesentliches dabei herauskommen werde. "Wir betrachten die ganze Angelegenheit schon als erledigt."

Um ein "Non-Event" zu erklären, hat sich der Vorstandschef des Dax-Neulings allerdings ziemlich viel Zeit genommen. Aber der Buchungsskandal, der laut "Financial Times" 37 Millionen Euro an zweifelhaften Zahlungen betrifft, hat in der vergangenen Woche auch mehr als sieben Milliarden Euro Börsenwert gekostet. Im Fall Wirecard (Kurswerte anzeigen) ist die Börse noch hypernervöser als sonst.

Mag Markus Braun (49) auch den transparenten Aufklärer geben, das Geschäftsmodell der in zahlreichen Übernahmen rasant gewachsenen Firma bleibt eine Black Box mit einer Bilanz voller "Receivables", in der Kundenbeziehungen wie Cash behandelt werden. Buchungsskandale wie der aktuelle, mitunter verbunden mit Wetten von Shortsellern auf fallende Aktienkurse, sind in der Vergangenheit regelmäßig an Wirecard abgeperlt. Doch regelmäßig wurden auch Zweifel an der Substanz geweckt, die sich nicht so einfach ausräumen lassen - selbst wenn man die Herkunft aus der Porno- und Glücksspiel-Schmuddelecke ignoriert.

Wie kann Wirecard so profitabel sein?

Laut vorläufigen Zahlen hat das Unternehmen 2018 eine Ebitda-Marge von 27 Prozent erwirtschaftet. Mit oberflächlichem Blick erscheint das einleuchtend: Wirecard ist eben, wenn auch schon seit 1999 aktiv, eine dieser neuen Fintech-Firmen, die den traditionellen Banken den Rang ablaufen. Kein Wunder, dass die Commerzbank  für Wirecard Platz im Dax machen musste und auch die Deutsche Bank  weniger wert ist.

Der Zahlungsverkehr jedoch, in dem Wirecard aktiv ist, zählt zu den unprofitabelsten Geschäften der herkömmlichen Banken. Das Spezialgebiet heißt Acquiring im E-Commerce. Das Aschheimer Unternehmen tritt im Kern als eine Art Versicherung auf, die Vorkasse für Onlinehändler leistet und damit das Risiko eines Zahlungsausfalls trägt.

Das kann durchaus etwas kosten, vor allem weil Wirecard schwerpunktmäßig eine große Masse kleinerer Kunden betreut. Doch auf lange Sicht sollte auch denen auffallen, dass der Preis für die Acquiring-Provision zu hoch ist. Gerechtfertigt wäre die Provisionshöhe nur, wenn auf der anderen Seite das Risiko auch regelmäßig zum Schadensfall einträte - was allerdings Wirecards Gewinne aufzehren würde.

Dem Unternehmen wird von freundlichen Analysten gern die angeblich überlegene IT (natürlich mit künstlicher Intelligenz) angerechnet, die das Risiko besser einschätzen könne als andere Marktteilnehmer. Solche Erklärungen gibt es viele - so richtig überzeugend sind die aber meist nicht. Das zeigt etwa der Vergleich mit dem niederländischen Zahlungsdienstleister Adyen, der ungleich präsenter  am Markt ist. Die jüngste Wirecard-Expansion nach Nordamerika mit der Übernahme des Geschäfts mit Prepaid-Karten von der Citigroup schreit auch nicht gerade nach hochmargigem High-Tech.

Goldene Zukunft des mobilen Bezahlens ist noch zweifelhaft

Wie leuchtend ist die Zukunft des mobilen Bezahlens?

In leuchtenden Farben zeichnet Wirecard gerne die Zukunft des mobilen Bezahlens. An erster Stelle der "globalen Megatrends", die das atemberaubende Wachstum von Wirecard in Zukunft fortsetzen sollen, nennt das Unternehmen in einer aktuellen Investorenpräsentation die "cashless world". Die App Boon für mobiles Bezahlen soll bezeugen, dass Wirecard diesen Trend verkörpert, den in China Alipay und Wepay schon groß gemacht haben.

Damit steht Markus Braun in Deutschland auf relativ einsamer Position - hierzulande ist die Bargeld-Nostalgie verbreitet. Die bislang verfügbaren Lösungen zum mobilen Bezahlen wurden nur von einem einstelligen Prozentsatz der möglichen Nutzer auch nur ausprobiert.

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Die Chance, dass sich das mobile Bezahlen durchsetzt, ist da - aber sie ist umso größer, je weniger es kostet. Bisher scheitert schon die Verbreitung herkömmlicher Kartenzahlung am Unwillen zahlreicher kleiner Händler, die Gebühren der Kreditkartenfirmen, Terminalanbieter und Zahlungsabwickler zu tragen (oder die Mehrkosten an die Kunden weiterzureichen). Dann jedoch darf nicht auch noch ein Wirecard in der Wertschöpfungskette stehen und die Hand aufhalten.

Wie tragfähig ist die Börseneuphorie?

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Jahresbilanz an der Börse: Die größten Abstürze im Dax 2018 - und die wenigen Gewinner

Foto: Arne Dedert / dpa

Im vergangenen Jahr führte Wirecard  die Liste der Dax-Werte mit der besten Kursperformance mit großem Abstand an. Investoren, die auf einen solchen Gewinner setzten, haben viel zu verlieren (an der Spitze Markus Braun als größter Aktionär, der aktuell wieder als Milliardär gelten darf). Im Ergebnis jedoch ist auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis von aktuell 45 einsame Spitze. Das heißt, dass selbst bei der extrem hohen Marge mit rasantem Wachstum die Börsenbewertung noch wahnsinnig sportlich erscheint.

Trotzdem zeigt Braun keine Neigung, da Tempo rauszunehmen. "Wir haben sicherlich das Potenzial, den Börsenwert in den kommenden Jahren auf mehr als 100 Milliarden Euro zu bringen", gab Braun dem "Handelsblatt"  nonchalant im Oktober mit. Kursziel 800 Euro also. Aktuell gibt es nur einen Dax-Konzern mit einer so hohen Bewertung, nämlich SAP.

Ziemlich ambitioniert also - aber da er schon einmal dabei war, fand Braun im selben Interview noch höhere Ziele. "Wahrscheinlich wird auch noch bei 2000 Euro darüber debattiert werden", tat er Zweifel am Firmenwert ab. Die Aufnahme in den Dax sei nur ein "Zwischenschritt" auf dem Weg zu "noch ambitionierteren Zielen". Klar, wenn eine Wirecard-Aktie 100 Euro wert sein kann, kann sie auch 800 Euro wert sein. Und wenn sie 800 Euro wert sein kann, kann sie auch 2000 Euro wert sein. Warum nicht?

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