Geheimdossier über Jan Marsaleks Einfluss Die missbrauchte Wirecard Bank

Die Wirecard Bank galt lange Zeit als der saubere Teil des Skandalkonzerns. Ein interner Revisionsbericht zeigt nun, wie falsch diese Sicht war. Insbesondere der flüchtige Jan Marsalek nahm offenbar massiv Einfluss auf die Konzerntochter.
Von SPIEGEL-Redakteur Martin Hesse
Wirecard-Zentrale in Aschheim: Die Bank im Konzernverbund war nicht so sauber wie gedacht

Wirecard-Zentrale in Aschheim: Die Bank im Konzernverbund war nicht so sauber wie gedacht

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Jan Marsalek (40), der flüchtige Ex-Vorstand und Hauptverdächtige im Wirecard-Skandal, hat offenbar massiv Einfluss auf die Banktochter des Konzerns genommen, um betrügerische Machenschaften zu finanzieren. Das geht aus einem geheimen Bericht der internen Revision der Wirecard Bank hervor, den diese am 20. Juli vorgelegt hatte. Demnach habe Marsalek, der zu keinem Zeitpunkt im Vorstand oder Aufsichtsrat der Bank saß, "eine erhebliche Rolle" bei der Kreditvergabe und -bearbeitung gespielt.

Der Revisionsbericht legt weitere Mängel offen und zeigt, dass auch die Wirecard Bank tief in die betrügerischen Machenschaften des Konzerns verstrickt war – obwohl sie, anders als der Mutterkonzern, direkt der Kontrolle durch die Finanzaufsicht Bafin unterlag. Die Wirecard AG hatte am 25. Juni Insolvenz angemeldet , eine Woche nachdem bekannt geworden war, dass vermeintliche Guthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro dort nicht existierten.

In dem Bericht kritisiert die innere Revision, dass die Aufsichtsräte der Wirecard Bank und des Mutterkonzerns teils mit denselben Personen besetzt waren, was die Gefahr von Interessenkonflikten berge. Auch gebe es bei der Bank Defizite in den sogenannten KYC-Prozessen, das sind Mechanismen, die vor allem Geldwäsche verhindern und sicherstellen sollen, dass Banken ihre Kunden und deren Hintergründe kennen.

"Anhaltspunkte für Straftaten"

Die gravierendsten Feststellungen aber macht die Revision zum strategischen Kreditgeschäft der Bank, dabei geht es um Darlehen, die an Geschäftspartner des Wirecard-Konzerns wie Senjo oder Ocap vergeben wurden. Dort hätten sich »Anhaltspunkte für Straftaten« zum Nachteil der Wirecard Bank ergeben. Viele Kreditnehmer verfügten demnach über eine schlechte Bonität, was in den Kreditvorlagen auch thematisiert worden sei. Die Bank habe aber nicht dafür gesorgt, dass Kreditauflagen – also beispielsweise die Einhaltung bestimmter Kennzahlen – eingehalten würden. Teilweise habe das Institut noch nicht einmal über Kreditausfälle hinreichend Bescheid gewusst.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die sowohl den Mutterkonzern, als auch bis 2018 die Banktochter geprüft hat, hatte in ihrem Bankprüfungsbericht für 2018 bereits auf Mängel im Kreditgeschäft hingewiesen. EY nannte auch bereits ein Beispiel, wo Marsalek sich offenbar in eine Kreditbeziehung eingemischt hatte. Es ging um die Firma Bijlipay in Singapur, die in Zahlungsschwierigkeiten kam, daraufhin habe Marsalek mit dem Management des Kreditnehmers eine Tilgungsvereinbarung ausgesetzt.

In dem Revisionsbericht der Wirecard Bank heißt es nun, der Grad der Einflussnahme von Marsalek ginge über das hinaus, was EY in den Prüfungsberichten festgestellt habe. Die Staatsanwaltschaft München wirft Marsalek und anderen vor, sie hätten in großem Stil Geld veruntreut, ein Weg sollen Kredite gewesen sein, die von der Wirecard Bank an Firmen wie Ocap vergeben wurden und von dort in die Taschen einer betrügerischen Bande um Marsalek  geflossen sein sollen. Marsaleks Anwalt äußert sich zu allen Vorwürfen nicht, ebenso wie die Wirecard Bank.

Sollten sich diese Vorwürfe bewahrheiten, könnten Bankmitarbeiter mit der laxen Kreditvergabepraxis ihre Pflichten verletzt oder sogar Beihilfe zur Untreue geleistet haben. Ob die Bafin, die den Revisionsbericht erhalten hat, aufgrund dieser Feststellungen Anzeige erstattet hat, ist unbekannt, sie äußert sich zu den Vorgängen rund um die Wirecard Bank nicht. Auch die Staatsanwaltschaft kommentiert die Sache nicht. Bekannt ist allerdings, dass sie wegen Geldwäsche gegen Bankmitarbeiter ermittelt.

Laxe Linie der Bafin

Die Bafin steht wegen ihres Umgangs mit dem Wirecard-Skandal in der Kritik, und sie hat offenbar auch bei der von ihr beaufsichtigten Wirecard Bank eher eine laxe Linie verfolgt. So stellte die Bundesbank nach Informationen des SPIEGEL bereits bei einer Sonderprüfung der Wirecard Bank im Jahr 2017 erhöhten Kapitalbedarf fest. Die Bank müsse auch das sogenannte "Acquiring-Geschäft", also die Abrechnung von Kreditkartenzahlungen für Händler, mit Kapital unterlegen. Da die Bank hierbei das Risiko übernimmt, dass der Kunde gar nicht zahlungsfähig ist, sei das Acquiring als Kreditgeschäft zu werten. 

Die Bafin aber sah das anders und folgte offenbar der Sicht der Wirecard Bank, die diese mit einem Gutachten der Anwaltskanzlei Freshfields untermauert hatte. Bis zum Juli 2020 blieb die Sache in der Schwebe. Laut einer Bundesbank-Prüfung per Ende Juni dieses Jahres hätte eine andere Einstufung des Acquiring-Geschäfts einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 30,9 Millionen Euro ausgelöst, wie aus einem Vermerk der Bundesbank vom 21. August hervorgeht. Die Wirecard Bank hätte damit die gesetzlich vorgeschriebene Kapitalausstattung nicht erfüllt. Laut Bundesbank-Prüfung waren per 30. Juni zudem Kredite der Wirecard Bank an Senjo und Ocap in Höhe von 21,1 Millionen Euro im Rückstand und die Kapitallücke damit noch größer. Auf Nachfrage äußert sich die Bundesbank nicht zu dem Thema.

Abwicklung bis Ende 2021

»Es entsteht der Eindruck, dass die Wirecard Bank nicht das saubere Kreditinstitut ist, als das sie lange Zeit – und offenbar auch von der Bafin – angesehen wurde«, sagt Florian Toncar (41), Obmann der FDP im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal. 

Die von der Bundesbank ermittelten Kapitallücken und die im Revisionsbericht attestierten Mängel dürften eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben, die Wirecard Bank abzuwickeln. Im September hat die spanische Bank Santander die für das Zahlungsabwicklungsgeschäft notwendige technologische Plattform der Bank sowie einen Teil ihrer Mitarbeiter übernommen. Der Rest soll von dem neuen Chef der Bank, dem Abwicklungsexperten Frank Hellwig, bis Ende 2021 geordnet heruntergefahren werden.

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