Faule Hypothekenpapiere Wie JP Morgan und die US-Regierung die Öffentlichkeit täuschten

JP Morgan Chase sollte für Vergehen in der Finanzkrise 13 Milliarden Dollar zahlen. Die faulen Details dieser Einigung zwischen Bankchef Jamie Dimon und US-Justizminister enthüllt jetzt eine Whistle-Blowerin im Magazin "Rolling Stone".
Verhinderte persönlich eine Pressekonferenz im Justizministerium: JP-Morgan-Chef Jamie Dimon

Verhinderte persönlich eine Pressekonferenz im Justizministerium: JP-Morgan-Chef Jamie Dimon

Foto: REUTERS

Hamburg - Die Meldung ging im Oktober 2013 um die Welt: Die US-Großbank JP Morgan Chase zahle eine Strafe von 13 Milliarden Dollar für Vergehen im Zusammenhang mit der US-Hypothekenkrise aus der später die weltweite Wirtschaftkrise wurde. Darauf hätten sich JP-Morgan-Chef Jamie Dimon und US-Generalstaatsanwalt - sprich: Justizminister - Eric Holder geeinigt, hieß es. Die Summe markiere die höchste Strafe in der US-Geschichte, eine weitere Strafverfolgung von JP Morgan sei indes nicht ausgeschlossen.

Ein Sieg der Gerechtigkeit also, wie es schien. Verantwortliche an der Wall Street werden zur Rechenschaft gezogen für das Unheil, das sie mit rücksichtslosen Investmentgeschäften über die Welt gebracht hatten.

Doch dieser Schein trügt womöglich. Ein genauer Blick zeigt: Die Einigung zwischen der Bank und der US-Regierung auf die Rekordstrafe ist wohl weniger ein Triumph der Ermittler, sondern vielmehr ein fauler Kompromiss.

Mehr noch: Wenn stimmt, was das US-Magazin "Rolling Stone" mit Verweis auf eine Ex-Mitarbeiterin von JP Morgan als Quelle berichtet , dann ist sogar JP Morgan der größte Gewinner bei diesem Arrangement. Dem US-Justizministerium dagegen war offenbar mehr an einem öffentlichkeitswirksamen Ende der Ermittlungen als an echter Aufklärung gelegen. Was schon daran zu erkennen ist, dass die Ermittler mit ihrer wichtigsten Zeugin - eben jener Quelle des "Rolling Stone" - bis zur Einigung mit JP dem Bericht zufolge nie wirklich gesprochen haben.

Ein ominöses 900-Millionen-Dollar-Kreditpaket

Doch der Reihe nach: Die Geschichte, die Alayne Fleischmann dem "Rolling Stone" erzählt hat, handelt von Bankern, Finanzaufsehern und Staatsanwälten. Von Betrug und Vertuschung. Und von jeder Menge Lügen.

Dem Bericht zufolge stieg Fleischmann als Juristin 2006 bei JP Morgan ein. Von Beginn an war sie ins boomende Geschäft mit Hypothekenpapieren involviert. Wie so ziemlich alle Banken zu jener Zeit kaufte JP im großen Stil Kredite ein, verschnürte sie zu Paketen und platzierte diese als Wertpapiere bei Investoren.

Diese Geschäfte waren später die Keimzelle der Finanzkrise, weil sich die Hypothekenpapiere als alles andere als werthaltig erwiesen (Stichwort: Subprime!) und viele der Investments in sich zusammenfielen.

Fleischmann erkannte Hinweise darauf bereits 2006. Im Dezember bekam sie ein Kreditpaket im Volumen von 900 Millionen Dollar auf den Tisch, von einem Immobilienfinanzierer namens Greenpoint. Schnell erkannte die Finanzjuristin, dass diese Kredite anders waren als bisherige. Sie waren schon vor längerer Zeit ausgegeben worden, was nach Ansicht Fleischmanns ein Hinweis darauf war, dass schon andere Banken ihren Ankauf abgelehnt oder gar Investoren damit schlechte Erfahrungen gemacht hatten.

JP-Chef Dimon bot Justizminster Milliarden für geräuschlose Einigung

Als die JP-Bankerin das Thema jedoch intern ansprach, hatte sie keinen Erfolg. Im Gegenteil: Anstatt die fraglichen Darlehen aus dem Verkehr zu ziehen, entschied sich die Bank, die Beurteilungen zu den Papieren zu beschönigen. So konnten die Greenpoint-Kredite wie gewünscht an Investoren weitergereicht werden.

Dem Bericht im "Rolling Stone" zufolge intervenierte Fleischmann daraufhin explizit bei ihrem Vorgesetzten, was später angeblich im Rahmen der Untersuchung auch von JP Morgan eingestanden wurde. Demnach warnte die Mitarbeiterin: "Die Bank kann nicht Hoch-Risiko-Kredite als Niedrig-Risiko-Kredite verkaufen, ohne Betrug zu begehen."

Genau das tat JP Morgan aber, wie inzwischen klar ist. Wie der "Rolling Stone" ebenfalls berichtet, gibt es verschiedene weitere hinweise darauf, dass in der Bank einigen Verantwortlichen klar gewesen sein muss, dass die Aktivitäten rund um die Subprime-Kredite nicht ok waren. Abteilungsleiter hätten ihre Mitarbeiter beispielsweise angehalten, nichts Schriftliches über die Vorgänge zu verfassen, heißt es (keine Emails!).

Später enthüllte zudem das Magazin "Fortune", Bankchef Jamie Dimon habe gegenüber Managern seines Hauses schon im Oktober 2006 gesagt, dass bestimmte Papiere zu gefährlich für JP seien und sie deshalb abgestoßen werden müssten.

Haarsträubende Details

Kurzum: Es ist offensichtlich, dass bei JP Morgan bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 bewusst gemauschelt wurde, um durch den Verkauf fauler Kreditpapiere an ahnungslose Investoren viel Geld zu verdienen.

Die Frage ist jedoch: Wurde diesen Vorgängen im Rahmen der späteren Ermittlungen von Finanzaufsicht und Justizministerium wirklich auf den Grund gegangen? Wurden alle Vergehen offengelegt, bevor es zur Einigung mit JP und der Milliardenstrafe kam?

Nein, sagt Alayne Fleischmann im "Rolling Stone". Im Gegenteil: Die angebliche Aufklärung sei in Wahrheit eher eine gigantische Vertuschung gewesen. Als Beleg liefert die Whistle-Blowerin ein detaillierte Schilderung der Abläufe aus ihrer Sicht, mit zum Teil haarsträubenden Details.

Zum Beispiel

  • wurde Fleischmann von den Behörden als Kronzeugin geführt. Tatsächlich habe bis zur Einigung mit JP Morgan aber kein einziger Ermittler wirklich mit ihr zu den fraglichen Vorgängen gesprochen.
  • habe JP-Morgan-Chef Dimon eine vom US-Justizministerium angesetzte Pressekonferenz im September 2013, auf der eine scharfe Bestrafung der Bank wegen Betrugs bekannt gegeben werden sollte, persönlich verhindert. Dimon habe beim Justizminister angerufen und eine Milliardensumme für eine geräuschlose Einigung geboten, zitiert der "Rolling Stone" an der Stelle die "New York Times".
  • musste Fleischmann plötzlich in der Zeitung lesen, dass eine Ex-JP-Mitarbeiterin den Ermittlern als Kronzeugin diene. Eine Beschreibung, die offensichtlich auf sie zugeschnitten war. Wohl gemerkt: Noch immer hatte niemand von den Behörden sie befragt.

Letztlich, so Fleischmanns Erkenntnis, habe US-Justizminister Holder sie lediglich als Druckmittel benutzt. An einer Aufklärung der unseriösen Bankgeschäfte sei dem US-Chefjuristen nie gelegen gewesen. Eher schon daran, so viel Geld wie möglich aus JP-Morgan-Chef Dimon zu pressen.

Warum die 13 Milliarden Dollar Strafe nie gezahlt werden

Mit Erfolg: Nachdem Dimon bereits neun Milliarden Dollar geboten habe, so der "Rolling Stone", sei es zu der Einigung über 13 Milliarden gekommen. Doch auch in diesem "Settlement" sitzt nach Angaben von Ex-JP-Frau Fleischmann ein dicker Wurm. Zum einen ist die Erklärung, in der die Bank angeblich ihre Vergehen bekennt, nach Angaben der Juristin nicht mehr als ein Wischi-Waschi-Papier, in dem im Grunde nichts Substanzielles stehe.

Zum anderen handelt es sich bei der vermeintlichen Rekordstrafe von 13 Milliarden Dollar offenbar um einen Phantombetrag, der tatsächlich niemals fließen wird. Enthalten seien nämlich allein schon vier Milliarden Dollar an Nachlässen gegenüber Kunden, die nach Angaben Fleischmanns nur in seltenen Fällen zum Tragen kommen.

Außerdem rechnet die Insiderin vor, die Einigung ermögliche JP Morgan eine Steuerabschrift von sieben Milliarden Dollar. Hinzu komme noch, dass die Aktie der Bank nach Bekanntwerden des Kompromisses sofort um 6 Prozent in die Höhe gesprungen sei, was den Teilhabern einen Vermögenszuwachs von zwölf Milliarden Dollar beschert habe.

Bankchef Dimon schließlich könne sich am glücklichsten schätzen: Im Jahr der angeblichen Strafzahlung erhöhten die JP-Verantwortlichen sein Gehalt massiv auf fürstliche 20 Millionen Dollar.

Und Kronzeugin Fleischmann? Ihre Aussagen im "Rolling Stone" sind eine Premiere und offenbar ein Wagnis zugleich. JP Morgan versucht sie angeblich weiter systematisch am Reden zu hindern. Investoren, die die Bankerin als Zeugin in Schadensersatzprozessen gegen die Bank engagieren wollen, lässt das Institut demnach regelmäßig abblitzen.

Alayne Fleischmann könnte alles haarklein aufklären, schreibt der "Rolling Stone". Aber niemand lässt sie.

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