Drohende Milliardenstrafe für Deutsche Bank Wie der Geldwäsche-Skandal der Deutschen Bank in Moskau lief

Ziemlich verwinkelt, seine Aufgabe: Deutsche-Bank-Chef John Cryan.

Ziemlich verwinkelt, seine Aufgabe: Deutsche-Bank-Chef John Cryan.

Foto: Fredrik von Erichsen/ dpa

In seinemletzten Interview als Co-Chef der Deutschen Bank bot Jürgen Fitschen  eine vergleichsweise simple Erklärung für den desaströsen Aktienkurs der Deutschen Bank: Neben der Unsicherheit an den Finanzmärkten liege das wohl, so der 67-Jährige Mitte Mai, am "Geldwäsche-Skandal in Russland", der sich zwischen 2011 und 2015 in den Moskauer Büros derDeutschen Bank entfaltete.

Insgesamt 5,4 Mrd. Euro haben die Frankfurter für ihre zahlreichen, noch schwelenden Justizskandale zurückgelegt. Einerseits eine Menge Geld. Andererseits ermitteln im russischen Geldwäsche-Skandal mehrere US-Behörden, unter anderem das Justizministerium. Und die hatten vor zwei Jahren der französischen Großbank BNP Paribas schon einmal 9 Milliarden Dollar für Sanktions-Verstöße abgepresst.

Fällt die Strafe der US-Behörden also hoch aus, wird Fitschens Nachfolger John Cryan möglicherweise irgendwoher rasch frisches Kapital herbeischaffen müssen. Bei einem Börsenwert, der zwischenzeitlich auf nur noch rund 25 Prozent des Eigenkapitals absackte, nahezu eine mission impossible.

Deswegen verfolgen sie in den Frankfurter Bankentürmen und auch im Bundesfinanzministerium in Berlin den Gang der Geldwäscheermittlungen in den USA mit stabilem Angstschweiß. Am liebsten wäre ihnen, die Deutsche Bank wäre einfach Opfer hochkompetenter Krimineller geworden, gegen die kein Sicherheitssystem gewachsen gewesen wäre. Dann müsste die Strafe eigentlich milde ausfallen.

Die Hoffnung kann die Bank wohl begraben. Zwar gibt es bislang keine Zwischenergebnisse der US-Behörden. Der "New Yorker"  aber, eines der

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Sanierung des wichtigsten deutschen Geldhauses: Wer die Deutsche Bank retten will

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einflussreichsten Magazine unter den US-Intellektuellen und -Meinungsführern, veröffentlicht jetzt die Ergebnisse einer umfangreichen Recherche zu dem Fall ("Deutsche Bank's $10-Billion Scandal"), in dessen Verlauf der Autor offensichtlich zumindest mit einigen Beteiligten gesprochen hat, die sehr wahrscheinlich auch von den US-Behörden als Zeugen vernommen worden sind. Das Ergebnis der Recherche in Kurzform: Die Bank ist Opfer eines Top-Managers ihrer Moskauer Filiale, trägt aber auch gehörig Mitschuld, weil ihre Sicherheitssysteme nicht Alarm schlugen.

Grundsätzlich verlief die Geldwäsche relativ simpel, wie der "New Yorker" nachzeichnet: Zwischen Herbst 2011 und dem Frühjahr 2015 rief der Wertpapierhändler Igor Volkow praktisch täglich in der Deutschen Bank Moskau an und bat um zwei parallele Transaktionen für zwei Firmen, die er repräsentierte, jeweils im Wert von etwa 10 Millionen Dollar: Mit der ersten Transaktion sollte die Deutsche Bank in russischen Rubeln für die eine Firma Aktien eines russischen Konzerns kaufen, etwa Lukoil. Genau diese Aktien in genau derselben Größenordnung sollte die Deutsche Bank praktisch zeitgleich in London für die andere Firma - meist mit Sitz in einem Steuerparadies - verkaufen - dafür dann aber Euro, britisches Pfund oder Dollar bekommen. Der Clou: Die beiden Firmen, für die Volkow den Mittelsmann gab, gehörten denselben Personen. Am Ende hatten Volkows Hintermänner jeweils Geld aus Russland in Sicherheit gebracht.

Die Warnsysteme der Bank versagen

Dieses "mirror trading" ist nicht illegal. Wenn es aber so umfangreich und planmäßig stattfindet wie durch Volkow, liegt der Verdacht nahe, dass das Geld aus dubiosen Quellen stammt und gewaschen werden soll.

Der "New Yorker" kann den Beweis nicht führen, er verliert die Spur des Geldes. Allerdings legt er ein paar andere besorgniserregende Fakten offen: Eigentlich muss jede Bank ihre Klienten intensiv prüfen, um einen kriminellen Hintergrund auszuschließen. "Know your client" heißt das Prinzip.

Beim Topkunden der Deutschen Bank in Moskau, Volkow, hat das wohl nicht funktioniert: Er hatte zuvor beim zwielichtigen Wertpapierhändler Antanta Kapital gearbeitet, dessen Besitzer später in Frankreich wegen illegalen Waffenhandels ins Gefängnis musste.

Auch ansonsten schlugen die Warnsysteme der Bank lange Zeit nicht an: 2011 etwa konnten zwei von Volkows Firmen laut "New Yorker" mehrere Millionen für einen Aktien-Deal nicht an die Deutsche Bank überweisen. Sie hatten ihre Lizenz von der russischen Finanzaufsicht wegen des Verdachts des Missbrauchs der Börse für Geld-Export in das Ausland verloren.

Das harte Urteil des "Economist"

Selbst wenn in Geld-Kolossen wie der Deutschen Bank täglich Milliarden bewegt werden - eine solche Unterdeckung eines Millionendeals ist so ungewöhnlich, dass sie normalerweise konzernweit auffallen, Nachfragen provozieren und im konkreten Fall zur Beendigung der Geschäftsbeziehung muss. Tat sie aber nicht. Selbst als indirekt Beteiligte wie die Hellenic Bank oder die russische Zentralbank die Deutsche Bank auf die Transaktionen aufmerksam machten, geschah wohl erst einmal nichts.

Auch dass Volkow über Jahre durch die Gebühren und ungünstigere Kurse in London Verluste für seine Kunden in Kauf nahm, störte niemand Hochrangigen oder drang zumindest nicht durch.

Das allerdings - und dies ist möglicherweise entlastend für die Deutsche Bank - lag auch am Chef des russischen Aktienhandelsteams, Tim Wiswell. Vereinzelte Nachfragen aus seinem Team, ob Volkows "mirror trades" angesichts der Volumina wirklich in Ordnung seien, tat er ab. Das sei alles in Ordnung, so Wiswell. Möglicherweise, so der "New Yorker", sei Wiswell von Kunden der Bank geschmiert worden, die Transaktionen zu decken. Der Amerikaner mit einem Jahresgehalt von 1,5 Millionen Euro und einem Faible für Russland soll sich inzwischen nach Bali abgesetzt haben und wird von der Deutschen Bank als Haupt-Verantwortlicher bezeichnet.

Der "New Yorker" dagegen spannt den Bogen weiter: Dass die Deutsche Bank ihren Chef-Aufklärer Georg Thoma in diesem Jahr, rund ein Jahr nach Bekanntwerden der Moskauer Affäre, aus dem Amt gemobbt hat, gilt dem Magazin als Beleg, dass die Frankfurter beiethischen Themen immer noch kurzsichtig seien.

Ob das die US-Behörden tatsächlich auch so sehen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Doch selbst wenn sie eine niedrige Strafe ansetzen, könnte es sein, dass Jürgen Fitschens Prophezeiung ins Leere läuft und der Aktienkurs der Deutschen Bank doch nicht abhebt.

Neben dem "New Yorker" hat sich nämlich unlängst eine wohl noch wichtigere mediale Stimme der Weltwirtschaft festgelegt. Das mit den möglichen Strafen sei natürlich ein Problem, so der "Economist" unlängst . Viel schlimmer aber: Die Deutsche Bank habe "weder ein gesundes Geschäftsmodell noch eine Mission".

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