Neue Führung für die Deutsche Bank Warum John Cryan der logische Ersatz für Anshu Jain ist

In der März-Ausgabe 2014 erwähnte manager magazin erstmals John Cryan als möglichen Nachfolger für Anshu Jain. Unter dem Titel "Die Risikoanleihe" beschrieben wir die wichtige Rolle des Co-Vorstandschefs für Deutschlands wichtigste Bank und warum Cryan als Feuerwehrmann einspringen könnte. Nach dem nun erfolgten Chefwechsel dokumentieren wir den Beitrag, der Ende Februar 2014 erschien.
Muss jetzt ran: John Cryan, hier eine Aufnahme aus dem Juli 2010, als er noch Finanzvorstand des Deutsche-Bank-Rivalen UBS war.

Muss jetzt ran: John Cryan, hier eine Aufnahme aus dem Juli 2010, als er noch Finanzvorstand des Deutsche-Bank-Rivalen UBS war.

Foto: Steffen Schmidt/ dpa

John Cryan (53) hat sich eine gesunde Work-Life-Balance zurechtorganisiert. Seit zwei Jahren steuert der Brite von London aus das Europa-Geschäft von Temasek, dem Staatsfonds von Singapur, in dem satte 125 Milliarden Euro stecken. Der Jobtitel ist wuchtig, die Verantwortung indes überschaubar: Lediglich 8 Prozent ihres Geldes haben die Asiaten in Unternehmen aus Europa investiert.

Mit der Balance in Cryans Leben könnte es bald vorbei sein. Dem Briten, 1960 geboren und 2008 bis 2011 Finanzvorstand der Schweizer Großbank UBS, droht sein Lebenslauf zum Verhängnis zu werden. Cryan ist international gut vernetzt, tadellos beleumundet und vor allem: seit Mai 2013 Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Das alles qualifiziert ihn für die Schlüsselrolle im Notfallszenario des gestressten Bankhauses: Ersatzmann für Anshu Jain (51), Co-Vorstandschef neben Jürgen Fitschen (65).

Jain steht wegen seiner Vergangenheit als wohl ausgebufftester Investmentbanker seiner Generation unter verschärfter Beobachtung der Finanzaufsicht Bafin, beträchtliche Teile deutscher Vorstandswelten sehen ihn mit großer Skepsis, vom deutschen Teil der Belegschaft ganz zu schweigen. "Wenn es darum geht, wer im Ernstfall für Jain an die Spitze rücken kann, fällt immer öfter Johns Name", heißt es aus der Konzernspitze.

Eine Untersuchung nach der nächsten rollt über die Bank hinweg. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht wirft Jain mangelnden Aufklärungswillen bei zahlreichen Skandalen vor und unterzieht das Geldhaus gerade einer Sonderprüfung wegen mutmaßlicher Devisenmanipulationen. Wenn die Aufseher Jain, jahrelang für den Währungshandel mitverantwortlich, Regelverstöße nachweisen können, dann war es das wohl für ihn."Das Devisenthema hat sicherlich das Potenzial für einen Skandal", sagt Raimund Röseler (51), als Exekutivdirektor oberster Bafin-Bankenaufseher. Einige im Aufsichtsrat der Bank rechnen bereits mit dem Kriegsfall. "Der Bafin ist zuzutrauen, dass wir den Auftrag bekommen, uns von unseren Bankchefs zu trennen", heißt es dort.

Chefjustiziar Richard Walker als mögliches Bauernopfer

Jains Glück ist, dass an der Spitze des Aufsichtsrats Paul Achleitner (57) sitzt. Der hat sich entschlossen, das Risiko dieser maximalen öffentlichen Demütigung einzugehen. Er will Jain mit allen Mitteln verteidigen. Das liegt auch an seinem Naturell: Dem jovialen Oberösterreicher fallen harte Personalentscheidungen in etwa so schwer wie Deutschbankern der Wechsel zur Kreissparkasse. Zudem hat er inhaltliche Gründe: Achleitner fürchtet, dass die Leistungsträger aus dem wichtigen Kapitalmarktgeschäft abtrünnig werden, wenn er ihnen ihren Anführer nimmt, ohne dass die Finanzaufsicht ihn dazu zwingt. Jain aus politischen Gründen abzusetzen wäre vor allem für die Nicht-Deutschen ein schwerer kultureller Schock.

Achleitner hofft, dass Jain sauber durch die nächste Zeit kommt und in der Rolle des geläuterten Investmentbankers die Zukunft der Bank personifiziert. Die Situation ist paradox: Obwohl sich das Misstrauen gegen Jain in die deutsche Öffentlichkeit frisst, kettet sich Achleitner immer enger an seinen Frontmann. So wird das wichtigste Geldhaus zunehmend abhängig von seinem Spiritus Rector, von dem niemand weiß, ob ihm die Finanzaufseher in den nächsten Monaten nicht doch noch eine gravierende persönliche Verfehlung in einem der Skandale nachweisen können.

Immer dringlicher stellt sich da die Frage: Ist Jain tatsächlich unverzichtbar für die Bank? Oder schadet er dem einzigen deutschen Kreditinstitut von Weltrang inzwischen mehr, als er ihm nutzt? Für Achleitner sind die Antworten klar. Er zieht gerade zwei Verteidigungsringe um Jain. Erst wenn die nicht halten, soll Plan B greifen. Der erste Verteidigungsring: Bauernopfer für die Bafin - in der Hoffnung, dass dies die Regulierer milder stimmt.

Diskutiert wird etwa über zwei Mitglieder des 18-köpfigen erweiterten Vorstands: Über das mögliche Ausscheiden von Chefjustiziar Richard Walker (63) und über Alan Cloete (51), Asien-Pazifik-Chef des Konzerns, zerbrach man sich im Aufsichtsrat bereits Ende Januar den Kopf. Den Südafrikaner Cloete macht die Bafin für Manipulationen am Interbankenzins Libor verantwortlich, dem Amerikaner Walker wirft sie vor, die interne Aufklärung des Skandals halbherzig betrieben zu haben. Beide sind Jain-Vertraute - und für die Bafin schon allein deshalb stigmatisiert. Auch Andrew Procter, als Compliance-Chef verantwortlich für ordnungsgemäße Geschäftstätigkeit, gehört zur Verhandlungsmasse.

Schon hält die Bank nach einem Nachfolger Ausschau. Am besten wäre ein deutschsprachiger Jurist, der von Deutschland aus arbeitet und die Bafin ernster nimmt, als es Walker tut. Der soll auf Anfragen der Bafin lange Zeit verspätet oder gar nicht reagiert und die Beamten damit erst so richtig auf die Palme getrieben haben. Jemand wie Markus Diethelm gilt in der Deutschen Bank als erstklassiger Ersatz. Der 56-jährige Schweizer führt derzeit im Vorstand des Konkurrenten UBS die Rechtsgeschäfte, kann aber auch einschlägige Erfahrungen mit den US-Behörden nachweisen.

Einer vom Kaliber Diethelms würde dann wohl in das eigentliche Machtzentrum vorrücken, den siebenköpfigen Management Board, statt sich mit dem erweiterten Vorstand zu begnügen wie Walker. Das freilich würde bedeuten, dass Stephan Leithner (47), der auch die Themen Personal und Compliance betreut, das Rechtsressort verliert. Ein Karriereknick für den ehrgeizigen Tiroler, der vor seiner Berufung in den Vorstand der hochrangigste Investmentbanker des Geldhauses in Deutschland war.

Der zweite Verteidigungsring: Ohne Jain laufen die Geschäfte schlechter. Dafür bemühen Achleitner, Jain und Fitschen sogar die Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres. Vor Steuern blieb zwar nur ein Magergewinn von 2,1 Milliarden Euro übrig, die Eigenkapitalrendite betrug mickrige 1,9 Prozent.Aber das Dreigestirn rechnet anders: Ohne die ganzen Sonderlasten wäre die Uhr erst bei 8,4 Milliarden Euro stehen geblieben - das wäre dann das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte der Bank und ein exzellenter Leistungsnachweis von Jain und Fitschen.

Fehler in den Zeiten der Gier

Schade nur, dass Sonderlasten in Bilanzen von Banken so üblich sind wie Regenfälle im nordeuropäischen Sommer. Die Ignoranz passt ins Bild: Beharrlich schiebt die Führung die Verantwortung für die Altlasten ab, als seien sie ein asbestverseuchter Gebäudeteil, den man notgedrungen übernommen habe. Das gilt vor allem für Jain. Dass in den Zeiten der Gier unter seiner Leitung Fehler passiert sind, findet er bedauerlich, hält es aber für leicht erklärbar. Ohne das stürmische, rücksichtslose Wachstum, so sein Credo, hätte die Bank in den vergangenen 20 Jahren im Investmentbanking niemals in die Phalanx der amerikanischen Großbanken eindringen können. Fitschen sieht es genauso.

Nun geht es für Jain darum, das Investmentbanking schwergewichtig zu halten und mit Wachstum etwa in der Vermögensberatung abzustützen, um wieder satte Renditen einzufahren. Seinen Aufsichtsratschef hat er mit diesen Argumenten schon um den Finger gewickelt. "Viele glauben auch heute noch, dass die Bank ohne Jain am Ende ist; auch Achleitner denkt so", sagt ein Aufsichtsrat. Die Frage ist nur, ob der eifrig propagierte Kulturwandel ausgerechnet mit demjenigen gelingen kann, der die alte Kultur am stärksten geprägt hat.

Die Schimäre Kulturwandel

Die Idee zum Kulturwandel kam nicht Jain, sie kam Fitschen im Herbst 2011. Da zeichnete er in Köln Mittelständler für deren vorbildliches ethisches und ökologisches Verhalten aus und fragte sich: "Warum können wir das nicht auch?" Nichts tun die einstigen Sünder im Heimatmarkt öfter, als darüber zu reden, wie sie ihre DNA zum Besseren verändern wollen. Woran genau der Wandel ablesbar sein soll und wann er erreicht ist, bleibt indes nebulös - trotz einzelner konkreter Pläne wie eine seriösere Vergütung.

Intern reißt die Chose alte Gräben auf. "Kulturwandel propagieren ausgerechnet die, die den Schaden angerichtet haben: Jain und seine Investmentbanker. Die haben früher alle Geschäfte durchgewunken und die Deutschen ausgelacht. Zum Dank müssen wir jetzt in Ethikseminaren nachsitzen. Niemand kann mehr das Wort Kulturwandel hören", sagt ein Topmanager, dessen halbe Familie seit Jahrzehnten für die Bank arbeitet.

Der Kulturwandel ist für die Bank so schwierig, weil er in verschiedenen Kulturen stattfindet. Und weil es immer wieder Vorfälle gibt, die zweifeln lassen, ob die Läuterung in der Truppe ankommt. Ein in deutschen Vorständen gern diskutierter Fall sind die Aktienplatzierungen der Immobilienkonzerne Annington und Gagfah. Die fanden im Sommer 2013 fast zeitgleich statt. Die Deutsche Bank wollte hier wie da Gebühren kassieren - was Annington-Eigner Terra Firma, der einen klassischen Interessenkonflikt witterte, zur Weißglut trieb.

Die Bank selbst spricht beim Kulturwandel unbeirrbar von einer erfolgreichen Testphase und davon, dass es auch in London, New York und anderswo Ethikseminare ähnlichen Zuschnitts wie in Deutschland geben soll. Kaum vorstellbar jedoch, dass die Trader in Manhattan und der City of London genau zuhören werden. In den Weltfinanzkapitalen wird inzwischen ein anderer Takt geschlagen, es ist der Takt früherer Zeiten. Zwar haben auch die US-Banken hohe Geldbußen zahlen müssen, allein J. P. Morgan Chase im vergangenen Jahr 20 Milliarden Dollar. Es gab schlagzeilenträchtige Verhaftungen, Prozesse, parlamentarische Anhörungen.

Am Grundverständnis aber, wie der Finanzkapitalismus funktioniert, hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Während Jain für 2012 auf 2 Millionen Euro Bonus verzichtete (und 4,9 Millionen Euro verdiente), kassiert Jamie Dimon, als wäre nichts gewesen. 2013 strich der J.-P.-Morgan-Chef 20 Millionen Dollar ein, 74 Prozent mehr als 2012. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein fließen für das vergangene Jahr rund 26 Millionen Dollar aufs Konto.

Die operativen Probleme im Investmentbanking

Das macht die Deutschbanker in London und New York neidisch - obwohl sie für 2013 ebenfalls sehr ordentliche Boni erwarten dürfen. Es wird viel getan für die Investmentbanker; doch es keimen auch innerhalb der Bank Zweifel, ob sie künftig überhaupt noch für größere Geschäftserfolge sorgen können. Denn anders als die Bank zu vermitteln versucht, hat sie operativ inzwischen ein echtes Problem - was die Nibelungentreue Achleitners zu seinem Problemangestellten noch schwieriger gestaltet.

Jahrelang hat Jains Paradedisziplin fast im Alleingang den Konzerngewinn geliefert. Jetzt steht die Sparte Corporate Banking & Securities (CB&S) von allen Seiten unter Druck. Strukturell, weil die schärfere Regulierung die einstigen Kapitalrenditen unmöglich macht. So ist der lukrative Eigenhandel verboten. Verbriefte Kredite müssen mit teurem Eigenkapital unterlegt werden, eine neue "Killerapplikation" ist nicht in Sicht. Der Handel mit Derivaten muss künftig weitgehend über zentrale Gegenparteien abgewickelt werden - eine Art Airbag, der den Ausfall eines Geschäftspartners abpuffert, für den aber Sicherheiten hinterlegt werden müssen. Und das kostet. Zudem drosselt der langsame Ausstieg der US-Notenbank aus Anleihekäufen die Frischgeldzufuhr, die Europäer werden irgendwann folgen. Dass einige Wettbewerber ausgeschieden sind, lässt die Marktanteile steigen, nicht aber den Gewinn: Der Kuchen ist kleiner geworden.

Hinzu kommen hausgemachte Probleme. Jain setzt voll auf den Handel mit Anleihen, Währungen und Zins-Swaps. Doch der lahmt. Vor allem in Europa, wo die Deutsche Bank besonders stark und die Zukunft des Euro weiter unsicher ist. Und er leidet darunter, dass die Bank ihre Bilanzsumme dramatisch zurückfahren muss, um die von den Aufsehern verlangten Kapitalquoten zu erfüllen.

Mit jedem Geschäft, das zurückgestutzt wird, gehen Erträge verloren. Im Schlussquartal brach der Umsatz der CB&S-Sparte um 27 Prozent ein. Im Handel mit Anleihen fiel das Minus mit 31 Prozent noch drastischer aus als bei den US-Rivalen. Und im Aktiengeschäft kann die Deutsche Bank ohnehin nur selten mithalten mit der Wall Street. Das ist vor allem in den USA bitter, im weltgrößten Kapitalmarkt zahlen Firmen für Aktienplatzierungen mehr als doppelt so hohe Gebühren wie in Europa, wo sich mehr Banken um weniger Kunden prügeln.

Genau genommen wirtschaftet Jains Lieblingssparte sogar defizitär. Dem Jahresgewinn von 3,1 Milliarden Euro 2013 stehen 3,2 Milliarden Euro Verlust der Non-Core Operations Unit (NCOU) gegenüber. In der konzerninternen Abbaubank verwest vor allem Geschäft aus dem Investmentbanking.Die Königsdisziplin wirft weit weniger ab als früher, und das verändert den Ertrags- und Gewinnmix im Konzern nachhaltig. Im Prinzip ist die Verschiebung gewollt. Schließlich soll die Bank unabhängiger werden von den Ausschlägen der Kapitalmärkte. Doch im Investmentbanking geht schneller Geld verloren, als es anderswo erwirtschaftet wird. Noch sind die als stabiler angesehenen Sparten viel zu schwach.

Investoren in Wartestellung

Jain, Fitschen und Achleitner haben deshalb gar nicht vor, die Ausrichtung zu ändern. Sie hoffen schlicht darauf, dass die Geschäfte in Europa wieder anziehen. Die Investoren sind nach anfänglicher Begeisterung über die neue Spitze in Wartestellung gegangen. Seit Jahresbeginn 2013 nimmt die Deutsche Bank nicht am Aufschwung der Börsen teil. Gegen Jain persönlich wettern mag außerhalb Deutschlands freilich noch keiner. Wie Achleitner halten viele Investoren ihn für den besten Umbauleiter.

Ist Jain also unverzichtbar? "Nein, das ist niemand", sagt ein mit der Deutschen Bank seit Langem eng verbundener Industriechef. Doch solange man an der Strategie eines Investmentbankings der Weltklasse festhält, erscheint der Weg mit Jain an der Spitze bequemer. Eine unliebsame Folge dieser Haltung ist die Angst, Achleitners Hoffnungsträger könnte in einem der zahlreichen juristischen Verfahren doch noch zermahlen werden - und die Leistungsträger der Bank außerhalb Frankfurts damit in eine existenzielle Sinnkrise stürzen. Die Ermittlungen wegen der Devisenkursmanipulationen stehen erst am Anfang. Der Fall könnte - angesichts der Summen, die die Bank im Devisenhandel bewegt - teurer werden als alles Bisherige. 725 Millionen Euro hat allein die Manipulation des Libor-Zinssatzes in Europa gekostet, die US-Hausfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac wurden mit 1,4 Milliarden Euro entschädigt. Auch der Fall Kirch, bei dem die Bank womöglich auf einen Vergleich zusteuert, kann eine Milliarde Euro kosten.

Das Geschehen rund um die Pleite des Medienmagnaten hat überdies das Potenzial, den zweiten Teil des Führungsduos aus dem Amt zu katapultieren: Jürgen Fitschen. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft München wegen versuchten Prozessbetrugs. Schon eine Anklage könnte zum Rücktritt Fitschens führen.

Für den Fall interessiert sich auch Bafin-Abteilungsleiterin Frauke Menke. Am 11. November 2013 bat sie die Münchener Oberstaatsanwältin Christiane Serini um Auskunft zum Stand des Verfahrens gegen Fitschen - "um beurteilen zu können, ob sich möglicherweise bankenaufsichtlicher Handlungsbedarf ergibt." Ihrer Antwort vom 19. November legte Serini eine DVD bei, auf die sie die Ermittlungsakten gebrannt hatte. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Fitschen "versuchter mittäterschaftlicher Betrug in einem besonders schweren Fall" zur Last gelegt werde. Er bestreitet die Vorwürfe, der Ausgang ist ungewiss.

Dass Fitschen seinen Vertrag bis 2017 verlängert hat, liegt auch daran, dass die logischen internen Alternativen weitgehend fehlen. Genau genommen gibt es nur eine: Rainer Neske (49). Der Chef des Privat- und Firmenkundengeschäfts hat zwar wenig Schlag bei den Investmentbankern, aber wenn Fitschen fallen sollte, wäre er der plausible Ersatz. Neske repräsentiert das stabile Filialgeschäft, mehr als 40 Prozent der Belegschaft und 24 Millionen Kunden: eine Hausmacht, die Finanzvorstand Stefan Krause und Multivorstand Leithner fehlt. Sie gelten als chancenlos.

Cryans präzise Fragen

Greift Plan B in aller Härte, heißt das neue Führungsgespann der Deutschen Bank also Cryan und womöglich Neske. Mit Cryan hat Achleitner einen Edeljoker in der Hinterhand. Die UBS hat Cryan skandalfrei durch die Krise gelotst und nur verlassen, weil er seinen damaligen, gelegentlich rüpelhaften CEO Oswald Grübel nicht mehr ertragen konnte.

Nach der Trennung, für die private Gründe angeführt wurden, musste sich Cryan erst einmal sechs Monate in seinem Haus an der US-Ostküste erholen. Seine Gattin stand ihm bei. Als Aufsichtsrat hat er sich tief in die Probleme der Bank eingearbeitet. Letztlich sind dem Briten die Probleme aus seiner UBS-Zeit nur allzu vertraut: Ärger mit den Behörden, Zweifel am Geschäftsmodell, dünne Kapitaldecke. "Keiner im Aufsichtsrat stellt dem Vorstand so präzise Fragen, keiner ist so tief drin in den Themen. John genießt das Vertrauen Achleitners und der anderen Aufsichtsräte und kümmert sich schon heute mehrere Tage in der Woche um die Deutsche Bank", sagt einer, der sehr nah dran ist an Cryan.

Falls der Aufsichtsrat in der Not ruft, kann er sich wohl kaum verschließen. Dafür wird Achleitner schon aus Eigeninteresse sorgen wollen. Denn andernfalls tritt für den ehemaligen Deutschland-Chef von Goldman Sachs am Ende noch sein persönliches Horrorszenario ein - und er selbst muss den Feuerwehrmann spielen.

Der obige Text ist die Originalfassung des Beitrags "Die Risikoanleihe" aus der März-Ausgabe des manager magazins des Jahres 2014.