Mustier wohl schon im Februar weg Aufstieg nach Karrieresturz - Andrea Orcel soll Unicredit führen

Jetzt hat es die Unicredit bestätigt: Die Chefsuche der Italiener endet beim derzeit arbeitslosen Andrea Orcel, dessen jüngster Topjob bei Santander in letzter Minute spektakulär platzte.
Passionierter Investmentbanker: Andrea Orcel (im Bild von 2013 als UBS-Banker vor einer Parlamentsanhörung in London)

Passionierter Investmentbanker: Andrea Orcel (im Bild von 2013 als UBS-Banker vor einer Parlamentsanhörung in London)

Foto: Sang Tan/ AP

Die italienische Bank Unicredit bekommt einen neuen Chef. Der frühere oberste UBS-Investmentbanker Andrea Orcel (57) solle das Institut künftig leiten, teilte das Geldhaus am Mittwochabend in Rom nach einer Sitzung des Verwaltungsrats mit. Am 15. April werden die Aktionäre über die Liste zur Erneuerung des Verwaltungsrats abstimmen. Anschließend will das Gremium die Ernennung Orcels bestätigen. Am Dienstag hatte bereits die Nachrichtenagentur Bloomberg aus Kreisen über die Angelegenheit berichtet.

Orcel gilt als erfahrener und gefragter Bankmanager. 2018 hatte der gebürtige Italiener seinen Job als Leiter der Investmentsparte der schweizerischen Bank UBS quittiert und sich Hoffnungen auf den Chefposten bei der Banco Santander gemacht. Das Angebot zogen die Spanier aber dann völlig überraschend zurück - der Fall landete anschließend auf Betreiben des Managers vor Gericht.

Der Chefposten bei der HVB-Mutter wurde frei, nachdem der bisherige Unicredit-Lenker Jean Pierre Mustier (60) Ende November wegen Differenzen mit dem Verwaltungsrat über die Konzernstrategie das Handtuch geworfen hatte. Mustier hatte angekündigt, seinen Sessel bis Ablauf seines Mandats im April 2021 zu räumen.

Unicredit hatte wochenlang nach einem Ersatz gesucht. Bloomberg zufolge standen zuletzt Orcel und Fincantieri-Manager Fabio Gallia (58) in der engeren Wahl.

Vor seiner Zeit bei der UBS war Orcel unter anderem bei der US-Investmentbank Merrill Lynch, wo er mehrere Übernahmen einfädelte. Die 21 Milliarden Euro teure Übernahme mehrerer Regional-, Privatbanken und Sparkassen durch Credito Italiano, aus der 1998 Unicredit entstand, trug beispielsweise seine Handschrift. Auch die heute verstaatlichte Krisenbank Monte dei Paschi di Siena beriet Orcel bei der neun Milliarden Euro schweren Übernahme des Konkurrenten Banca Antonveneta - der Deal lastete vor der globalen Finanzkrise schwer auf der toskanischen Traditionsbank und trug zu ihrem Niedergang bei.

Unicredit-Chef Mustier hatte Ende November angekündigt, sein Amt spätestens zur Hauptversammlung im April niederzulegen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch erfuhr, wird Mustier die italienische Großbank wohl schon am 11. Februar nach der Veröffentlichung der Jahresbilanz verlassen. Vorausgegangen war ein Streit mit dem Verwaltungsrat über die künftige Strategie. Mustier hatte sich gegen Fusionen gestellt, während der italienische Staat Unicredit zu einer Übernahme der Monte dei Paschi drängt.

"Wir wollen einen nicht aggressiven Italiener, der keine Filialen schließt"

Dass nach dem rigoros auftretenden Investmentbanker Mustier nun einer vom selben Schlag berufen wird - Orcel hatte zeitweise einen Ruf als "Ronaldo des Bankings" -, ist politisch brisant. "Wir wollen einen nicht aggressiven Italiener, der keine Filialen schließt oder nach einem Deal tausende Stellen abbaut", schaltete sich Lando Sileoni, Generalsekretär der Bankangestelltengewerkschaft Fabi, in die Chefsuche ein. Zumindest den Haken "Italiener" setzt Orcel, der auch als Favorit von Großaktionär Leonardo del Vecchio gilt. Doch etliche andere Italiener waren ebenfalls im Gespräch.

Die Suche leitete der designierte Aufsichtsratschef Pier Carlo Padoan (71), der dafür sein Mandat als Abgeordneter der Demokratischen Partei abgab und als früherer Finanzminister (2014-2018) unter anderem die Verstaatlichung von Monte dei Paschi verantwortete.

Bei den Anlegern kam die bevorstehende Ernennung von Orcel zum Unicredit-Chef gut an. Die Aktien  legten an der Börse in Mailand am Dienstag 4,8 Prozent zu.

Das erste Gehalt soll die UBS zahlen

Zuvor galt auch der frühere Crédit-Suisse-Chef Tidjane Thiam (58) als Kandidat in Mailand. Der Starbanker, der seinen Topjob in Zürich ebenfalls nach einem Skandal verlor, bastelt nun jedoch mit einem Börsenvehikel (Spac) an einer anderen Finanzkarriere: Die Zweckgesellschaft soll Kapital für noch nicht näher benannte Übernahmen in der Finanzbranche einsammeln.

In manchen Berichten wurde auch der deutsche Commerzbank- und UBS-Veteran Martin Blessing (57) als möglicher Kandidat für Unicredit genannt.

Laut "Financial Times" will Orcel im ersten Jahr kein oder nur ein geringes Gehalt von Unicredit beziehen. Hintergrund sind neben dem noch offenen Rechtsstreit mit Santander auch die von der UBS zurückgestellten Boni von rund 50 Millionen Franken. Orcels Anspruch verfiele, wenn er zur Konkurrenz wechselt. Um dieses Geld zu ersetzen, hatte der Italiener das hohe Begrüßungsgeld mit Santander ausgehandelt. Nun verhandle er mit der UBS, damit die ihn doch noch auszahlt, heißt es.

ak/Reuters