Too big to fail US-Präsidentschaftswahlkampf: Die neue Banken-Diskussion

Wahlkampfthema Banken: Bernie Sanders will Großbanken zerschlagen, Hillary Clinton hält sie für vergleichsweise kontrollierbar

Wahlkampfthema Banken: Bernie Sanders will Großbanken zerschlagen, Hillary Clinton hält sie für vergleichsweise kontrollierbar

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"Too big to fail is simply too big." Bernie Sanders' Botschaft ist einfach: Keine Bank dürfe so groß sein, dass sie im Fall des Scheiterns zwangsläufig vom Staat gerettet wird, um einen System-Crash zu vermeiden. Also sollten alle großen Banken vorsorglich in kleinere Einheiten zerschlagen werden. Die könnten dann ruhig Risiken eingehen - wenn sie Pleite gehen, ihr Pech. Dieser Ansatz hat im Jahr acht nach der Lehman-Pleite auch in der Finanzbranche Anhänger.

Hillary Clinton steht im US-Präsidentschaftswahlkampf gegenüber Sanders als Bankenfreundin da. Dabei will Obamas Wunschnachfolgerin die Finanzindustrie durchaus an die Kandare nehmen und das Risiko für die Steuerzahler senken. Nur findet sie die Losung "Too big to fail" zu einfach. Großbanken allein seien ja nicht die Hauptverursacher der Finanzkrise gewesen. Die könne man wenigstens gut überwachen, anders als kleine aber möglicherweise für das Finanzsystem gefährliche Hedgefonds oder Investmentboutiquen.

Pünktlich für diesen Streit hat das US-Finanzministerium Daten aus der aktuell 30 Banken umfassenden Liste global systemwichtiger Institute ausgewertet (PDF) . Die Liste, alljährlich im November vom Finanzstabilitätsrat FSB veröffentlicht , ist die Antwort der Aufsichtsbehörden auf das Too-big-to-fail-Problem.

Es ist keine einfache Antwort, und keine radikale, aber möglicherweise eine wirksame: Wer ins Risiko geht, muss sich dafür ab 2017 mit zusätzlichem Eigenkapital absichern, was die Rendite schmälert. Es gibt also einen Anreiz zum Schrumpfen, dem die meisten Banken auch folgen, seit die Systemrelevanz-Listen veröffentlicht werden.

Größe ist aber nur ein Kriterium von fünf für die Systemrelevanz. Die Aufsichtsbehörden stehen auf der Clinton-Seite des Arguments: Das Finanzsystem ist komplex, und deshalb muss das Risiko auch in einer komplexen Methode gemessen werden. Hier sind die Faktoren, die gleichrangig mit je einem Fünftel in die Rechnung eingehen:

Size does matter

Unbeirrt: JPMorganChase-Chef Jamie Dimon steht gern an der Spitze des Systemrelevanz-Rankings

Unbeirrt: JPMorganChase-Chef Jamie Dimon steht gern an der Spitze des Systemrelevanz-Rankings

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An erster Stelle steht immer noch die Größe der Bank, gemessen an der Bilanzsumme (nach dem Standard der Verschuldungsquote von Basel 3, wer es genau wissen will  - das heißt einschließlich Risiken außerhalb der offiziellen Bilanz, aber ohne eine Vorabgewichtung der Risiken, die beispielsweise Immobilienkredite weniger gefährlich einstuft als gehebelte Derivate).

Wenig überraschend, stehen die Universalbanken, die alles aus einer Hand anbieten, weit oben auf der Liste, angeführt von JPMorganChase, deren Chef Jamie Dimon dieses Modell auch unbeirrt für das beste hält.

Die Deutsche Bank stand zwischenzeitlich mit an der Weltspitze der größten Banken nach Bilanzsumme, speckt ihr immer noch universales Geschäftsmodell aber ab - und kann deshalb hoffen, im November von der zweithöchsten Risikostufe etwas weiter hinabzuwandern, bevor der geforderte Kapitalaufschlag teuer wird. Die Commerzbank hat sich bereits vor Jahren ganz aus der Liste der Systemrelevanten verabschiedet.

Wer sich spezialisiert wie UBS auf Vermögensverwaltung, Goldman Sachs auf Investmentbanking oder Santander auf Privatkunden, hat naturgemäß eine kürzere Bilanz - kann aber nach den anderen Kriterien trotzdem Systemrelevanz-Punkte sammeln. Umgekehrt schafft es beispielsweise die chinesische ICBC, obwohl genauso groß wie JPMorgan, noch auf die niedrige Risikostufe.

Das Netzwerk-Problem

Der Schadensfall: Die New Yorker Zentrale von Lehman Brothers am Tag der Pleite 2008

Der Schadensfall: Die New Yorker Zentrale von Lehman Brothers am Tag der Pleite 2008

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Lehman Brothers war nicht groß. Die Bilanzsumme der im September 2008 gescheiterten US-Investmentbank ist vergleichbar mit der bescheidenen Commerzbank von heute. Was Schockwellen um den Erdball sandte, war die Verflechtung mit all den anderen systemrelevanten Banken: Praktisch alle hatten große Summen bei Lehman im Feuer, weshalb sie vor den staatlichen Eingriffen plötzlich alles als Pleitekandidaten galten.

Deshalb ist das zweite Kriterium die Verflechtung im Finanzssytem. Darin gehen Kredite oder Anleihen an andere Banken ebenso ein wie umgekehrt deren Ansprüche an das eigene Institut.

Ein Drittel dieses Punkts macht auch der Buchwert der ausstehenden eigenen Aktien aus. Das wirkt paradox: Wer mehr Aktien ausgibt, um das Eigenkapital zu erhöhen, gewinnt an Systemrelevanz - was nach den FSB-Auflagen den Zwang auslösen kann, noch mehr Kapital aufzunehmen. Verlieren die Aktien an Wert (beispielsweise wegen des befürchteten Pleiterisikos), nimmt die Systemrelevanz ab.

Niemand ist unersetzbar?

Frankfurter Bankenviertel: So gleichförmig die Türme aussehen, eine führende Rolle im globalen Zahlungsverkehr spielt nur die Deutsche Bank

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Foto: REUTERS

Während Größe und Verflechtung innerhalb des Finanzsystems noch einigermaßen proportional verlaufen, zeigen sich im dritten Kriterium deutliche Unterschiede der Geschäftsmodelle.

Die Ersetzbarkeit einer Bank soll aussagen, ob das Institut innerhalb eines besonderen Geschäftsfelds eine so große Rolle spielt, dass seine Pleite den jeweiligen Markt gefährden könnte.

Wer beispielsweise im Zahlungsverkehr zentral ist wie unter anderem die Deutsche Bank - im Gegensatz zu den reinen Investmentbanken -, sammelt hier Punkte. In der Kategorie "Vermögenswerte unter Treuhänderschaft" schieben sich die ansonsten nur mittelgroßen US-Banken Bank of New York Mellon und State Street nach vorn, die einen Zugang zum Dollar-Markt bieten wie beispielsweise für Argentiniens Staatsschulden. Schließlich spielt noch die Aktivität als Emittent von Aktien, Anleihen oder syndizierten Kredite eine Rolle - das klassische Feld der Investmentbanken.

Chinesen kennen keine Derivate

Risiko ja, aber nicht jedes: Exotische Derivate kommen der Pekinger ICBC nicht ins Haus

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Auch die komplexe Rechnung des Finanzstabilitätsrats kennt noch einen Unterpunkt "Komplexität". Denn je obskurer die von einer Bank eingegangenen Finanzgeschäfte sind, desto schwerer kann es sein, die Verteilung des Pleiterisikos aufzuteilen - und desto größer die Unsicherheit für den Rest der Finanzwelt.

Die jenseits von Börsen gehandelten Derivate sind ein klassischer Fall hierfür. Weil den Chinesen solche Instrumente fremd sind, rutschen sie im Ranking trotz der Größe ihrer Banken nach unten. In den Handelsbüchern gehaltene Wertpapiere tauchen hier ebenso auf wie die so genannten Level 3 Assets: Vermögenswerte, die mangels eines liquiden Markts schwer bilanziell zu bewerten sind - ein Langzeitproblem der Deutschen Bank, wenn auch inzwischen in geringerem Maß.

Die Anti-Globalisierungs-Klausel

Identitätsproblem: Co-Zentrale von HSBC in Hongkong

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Schließlich geht auch das Ausmaß der grenzüberschreitenden Geschäfte in das Ranking ein, sowohl auf der Aktiv- wie auch der Passivseite der Bilanz.

Deswegen teilt sich die HSBC Holdings  mit JPMorganChase die höchste Risikoklasse. Der aus dem britischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts hervorgegangene Konzern bewarb sich selbst lange als "the world's local bank", überall zu Hause also. Schon der Name geht auf den Ursprung als "Hong Kong and Shanghai Banking Corporation" zurück, bis heute ist das Bekenntnis zu London als Heimat nicht ganz eindeutig.

Das gibt Minuspunkte im Vergleich zu Wettbewerbern, die sich weitgehend innerhalb nationaler Grenzen halten, wie wiederum den Chinesen.

Dieses Kriterium trennt auch Santander und Wells Fargo, die ansonsten ein annähernd identisches Geschäftsmodell des kostengünstigen Massengeschäfts im Privatkundengeschäft verfolgen: Während Wells Fargo der US-Heimatmarkt ausreicht, verteilt sich Santander zu gleichen Teilen über Spanien, Großbritannien, Mexiko, Brasilien und weitere Märkte - was dem Konzern (negative) Länderpunkte einbringt.

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UBS, Deutsche Bank, HSBC und Co.: Diese Banken mischen im Briefkastengeschäft mit

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