Jens-Uwe Meyer

Gebühren am Geldautomaten Wie die Sparkassen sich selbst abschaffen

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Nehmen wir einmal an, Sie betreiben ein Fleischereifachgeschäft. Seit Jahrzehnten kommen Ihre treuen Kunden zu Ihnen. Die Kinder bekommen stets ein kostenloses Wiener Würstchen. Eines Tages erhalten Sie Konkurrenz durch einen Fleisch-Discounter genau neben Ihrem Geschäft. Die Folge: Ihre Umsätze gehen zurück. Aber dennoch gibt es Kunden, die Ihnen treu sind. Vor allem Familien mit kleinen Kindern. Die Kleinen bestehen nach wie vor darauf, dass Mama bei dem netten Laden mit dem kostenlosen Wiener Würstchen einkauft.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Dann kommt ein Controller. Seine Idee: das kostenlose Würstchen abschaffen. Auf dem Papier ergibt das Sinn: 20 Wiener Würstchen täglich bei 200 geöffneten Tagen - das macht eine Einsparung in Höhe des Einkaufspreises von 4000 Wiener Würstchen. Was Ihnen Ihr Controller allerdings nicht sagt: Sie senken nicht nur Kosten, sondern verjagen gleich noch Ihre letzten Kunden.

Sparkassen und Genossenschaftsbanken bestehen zu einem großen Teil aus Controllern und anderen Finanzmathematikern. Von daher überrascht ihre Lösung gegen die aktuellen Umsatzrückgänge nicht: Gebühren am Geldautomaten. Für einen Banker mag die Lösung überzeugend klingen. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret spricht vom "Ende der Umsonstkultur". Banken könnten angesichts sinkender Einnahmen nur "Kosten senken oder Provisionen und Gebühren erhöhen."

Wie man sich sein eigenes Grab gräbt

Doch was im ersten Moment logisch klingt, wird langfristig fatale Folgen haben. Der Geldautomat ist der letzte stationäre Kontaktpunkt zwischen Banken und Kunden. Die einzige Möglichkeit, Kunden gezielt anzusprechen. Und das einzige Symbol dafür, dass es sinnvoll ist, seiner Hausbank treu zu bleiben. Vor zehn Jahren hätten Banken solche Gebühren problemlos erheben können. Die Kunden hätten kurz gemurrt, dann hätten sie die Kröte geschluckt. Sie hatten ja keine Alternative.

Doch wir leben nicht mehr im Jahr 2007, sondern im Jahr 2017 - mitten in einem Umbruch, den ich in meinem Buch "Digitale Disruption " beschreibe. Kunden haben Alternativen, die sie früher nicht hatten. Und zwar zu allen Angeboten einer Bank: Online-Banken ohne Filialen, dafür mit einer ausgezeichneten App. Finanzberatung durch sogenannte "Robo Advisors", Algorithmen, die Anlagevorschläge machen. Kreditmarktplätze, auf denen private Investoren Unternehmen Geld leihen. Und natürlich: Bargeldlos zahlen mit dem Smartphone. Gerade hier ist der Kampf schon in vollem Gange.

Banking ohne Banken

Nachrichten aus Australien schaffen es selten, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen. Doch das jüngste Urteil der Australian Competition and Consumer Commission (ACCC)  könnte richtungsweisend im Kampf um die Dominanz beim bargeldlosen Zahlen sein. Vier Banken hatten geklagt. Sie wollten Zugang zur Apple-Technologie des kontaktlosen Zahlens erhalten. Die Kommission machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Apple Pay kann Banken von der Nutzung der eigenen Technologie ausschließen. Anders gesagt: Zahlen ohne Banken ist möglich.

Was die Verantwortlichen bei Sparkassen und Volksbanken nicht bedenken: Es gibt kaum eine bessere Werbung für bargeldloses Zahlen als Gebühren am Geldautomaten. Im Silicon Valley dürften die Korken knallen. Eine bessere PR- und Marketingkampagne hätten sich selbst die Strategen von Apple , Google  und Paypal  nicht ausdenken können.

Was bleibt von Banken übrig, wenn der Kredit auf dem Internetmarktplatz vermittelt und die Geldanlage von einem Robo Advisor betreut wird? Wozu braucht es überhaupt noch eine Bank, wenn sie beim Zahlungsverkehr irgendwann außen vor bleibt?

Leben von der Lethargie der Kunden

Der Fairness halber muss gesagt werden: Der Banksektor hat die Chancen der Digitalisierung durchaus erkannt und bemüht sich, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Während Sparkassen und Volksbanken Gebühren am Geldautomaten einführen, startet die Deutsche Bank  eine mobile Bezahlfunktion. Möglichst schnell - bevor der Konkurrent aus dem Silicon Valley loslegt, will das Institut auf dem Markt sein.

Doch bargeldloses Zahlen ist nur eines von vielen Innovationsfeldern. Was Banken vor allem tun müssen: Attraktive Services entwickeln, um für ihre Kunden weiterhin relevant zu sein. Noch besser: Für die ihre Kunden bereit sind zu zahlen. Wenn Sie mich fragen, warum ich privat oder geschäftlich bei meiner Bank bin, fällt mir nur eine Antwort ein: "Weiß nicht. Ist halt so." Was macht meine Bank besser als die Konkurrenz? Auch hier fällt mir nichts ein. Ich bin noch nie proaktiv angesprochen worden - außer es gab ein Problem oder jemand wollte mir etwas verkaufen. Mir fällt kein einziger Service ein, den ich woanders nicht genauso erhalten würde. Es gibt nur einen einzigen Grund, nicht zu wechseln: Weil ich zu faul bin.

Von der Lethargie der eigenen Kunden zu leben, ist gefährlich. Ich habe keine Bindung zu meiner Bank - das Wort "Hausbank" klingt in diesem Zusammenhang merkwürdig veraltet. Haben Sie eine? Stehen Sie morgens auf, schauen in den Spiegel und sagen sich: "Meine Bank und ich - das ist etwas Besonderes..."?

Gebühren als Brandbeschleuniger

Nein, es wird keine Kündigungswellen enttäuschter Bankkunden geben. Jedenfalls nicht sofort. Die Bankkunden werden die Gebühren zähneknirschend akzeptieren. Kurzfristig wird die Rechnung der Controller also vermutlich sogar aufgehen. Was aber passieren wird, ist für die Banken viel gefährlicher: Zunächst werden Kunden jedes Mal mehr Bargeld abheben. Anschließend mehr und mehr bargeldlos zahlen. Schließlich werden sie nur noch kleinere Beträge bar dabeihaben. Immer mit dem Gedanken: "Wenn ich die Cola bar bezahle, kostet mich das wieder Geld."

Irgendwann werden sie feststellen, dass sie einige Wochen komplett ohne Bargeld ausgekommen sind. Der Gang zum Geldautomaten verschwindet aus dem Kopf. Einfach so. Man geht nicht mehr hin. Und irgendwann kommt dann wieder ein Controller und rechnet aus: Es wäre günstiger, den Geldautomaten abzubauen, weil er kaum noch genutzt wird. So machen sich die Banken langsam aber sicher selbst unbedeutend. So wie der Fleischer, dessen Controller ihm eines Tages rät: Jetzt, wo die Familien mit den kleinen Kindern nicht mehr kommen, habe ich eine neue Idee: Nimm das Fleisch aus der Theke, das spart Geld. Eine Bank ohne Zahlungsverkehr ist wie ein Fleischereifachgeschäft ohne Fleisch.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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