Brandbrief wegen neuer Kredit-Pläne Banken flehen Regulierer um Gnade an

Bankentürme in Frankfurt: Die Branche schlägt ob neuer Regulierungspläne Alarm.

Bankentürme in Frankfurt: Die Branche schlägt ob neuer Regulierungspläne Alarm.

Foto: Christoph Schmidt/ dpa

Das Entsetzen war groß, als Ende Juli bei Frankfurter Bankmanagern die Ergebnisse eine Umfrage des wichtigsten Regulators der Branche herumgingen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), auch bekannt als "Zentralbank der Zentralbanken", hatte nach den Auswirkungen ihres neuesten Dekrets gefragt.

Worum es geht: Banken sollen bei Krediten an Großunternehmen mit mehr als 50 Milliarden Euro Bilanzsumme oder mehr als 200 Millionen Euro Umsatz nicht länger eigene Risikomodelle nutzen dürfen. Bislang schätzen gerade die europäischen Banken meist selbst ein, wie groß die Gefahr ist, dass ein Kunde den Kredit nicht zurückzahlen kann.

Künftig, so dekretierte Basel völlig unerwartet im März 2016 per Konsultativdokument Nr. 362, ist es damit vorbei. Bei großen Unternehmen müssen Banken in Zukunft das Standard-Risikomodell nutzen, wenn die Vorschrift im November wie angekündigt vom Baseler Ausschuss beschlossen wird. Gleiches gilt für Spezialfinanzierungen (Immobilien, Schiffe, Flugzeuge, Solar- oder Windparks) und einige Geschäfte mit anderen Banken.

Gerade erst haben Deutsche Bank und Commerzbank den Stresstest der Europäischen Zentralbank überstanden - im Testszenario blieben sie nur knapp über der Mindestanforderung für das Eigenkapital. Jetzt folgt der nächste Schlag der Regulierer. Die Baseler forderten die Banken auf, zu melden, wie stark ihre risikogewichteten Anlagen ("risk-weighted assets", RWA) durch die Standardmodelle steigen würden - und damit auch der Bedarf an derzeit äußerst knappem Eigenkapital von der Börse.

Risiko-Anlagen der Banken würden um mehr als 10 Prozent steigen

Insider, denen die Umfrageergebnisse bereits bekannt sind, schlagen Alarm: Fast jede Bank würde einen Sprung der Risikoassets um mehr als 10 Prozent erleben, "viele Banken sogar deutlich mehr als das", sagt der Manager eines deutschen Kreditinstituts. Weitere Branchenkenner bestätigen dies.

Der Bankenverband in Berlin hofft, die Baseler wegen der verheerenden Umfrageergebnisse noch umstimmen zu können. Der Vorschlag, interne Risikomodelle für Kredite an Großkunden stark einzuschränken und teilweise sogar abzuschaffen "birgt die Gefahr einer erheblichen Verschlechterung der Finanzierungsmöglichkeiten der gewerblichen Wirtschaft insbesondere in Deutschland", sagt der für das Thema Bankenaufsicht zuständige Geschäftsführer Dirk Jäger.

Neben den internen Risikomodellen stünden in Basel zur Zeit alle Vorschriften zur Ermittlung der Risikoaktiva in der Diskussion. "Die Vorschläge führen zu einem erheblichen Anstieg der Risikoaktiva insgesamt, obwohl immer wieder versichert wird, dass es zu keinem signifikanten Anstieg kommen solle", warnt Jäger. "Die in diesem Zusammenhang genannte Begrenzung des Anstiegs auf 10 Prozent würde jedoch bereits einen sehr signifikanten Anstieg bedeuten."

Brandbrief des Branchenverbandes an die Zentralbank der Zentralbanken

Wie stark die Banken durch den Baseler Vorstoß unter Druck geraten, steht in einem Brandbrief und einer angehängten Studie, die der Branchenverband Institute of International Finance (IIF) am 3. Juni 2016 an BIZ-Generalsekretär William Coen schickte: Wenn bei einer Bank mit 100 Millionen Dollar Kernkapital die Risikoassets von zuvor 1 Milliarde Dollar um 15 Prozent steigen, müsste sie 15 Millionen Dollar frisches Kernkapital auftreiben - "genau in dem Moment, in dem die Eigenkapitalrendite (durch die Regulierung) verwässert wird", warnt der Verband.

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Um das zusätzliche Kapital aus dem Gewinn zu generieren, müsste die Bank drei Jahre lang vollständig auf eine Dividende verzichten, so das Rechenbeispiel: Dabei geht das IIF-Papier davon aus, dass die Bank weiterhin 10 Millionen Dollar pro Jahr verdient und diesen Gewinn bislang zur Hälfte zur Stärkung des Eigenkapitals behielt und die andere Hälfte an die Aktionäre ausschüttete.

Pikant dabei: Die Deutsche Bank zum Beispiel hat ihre Dividende bereits jetzt vollständig gestrichen, auch um Eigenkapitalanforderungen und Strafzahlungen bewältigen zu können. Ihr bliebe nur eine Kapitalerhöhung - oder das Eindampfen des Kreditbuchs. In Wirklichkeit sind die Größenordnungen, um die es geht, um einige Stellen höher als in dem Rechenbeispiel.

Das IIF warnt die Baseler: "Ein scheinbar verkraftbarer Anstieg der risikogewichteten Assets könnte eine weit dramatischere Wirkung haben auf das Kapital und die Fähigkeit von Banken, Investoren anzuziehen und zu halten." Anders gesagt: Es soll niemand glauben, dass die Kurse von Commerzbank und Deutscher Bank nicht mehr viel tiefer fallen könnten. Der Albtraum der Berliner Politik, vielleicht bald wieder eine Großbank mit Milliardenhilfen retten zu müssen, wird durch den Baseler Vorstoß noch realistischer.

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