Mittwoch, 1. April 2020

Kommender Mastercard-Chef Michael Miebach Was diesen Bayern an die Spitze der Finanzwelt brachte

Michael Miebach
imago images/Jakob Hoff
Michael Miebach

Gemessen am Börsenwert hat wohl kein deutscher Manager ein so großes Gewicht wie künftig Michael Miebach. Auf 300 Milliarden Euro Marktkapitalisierung kommt der US-Finanzkonzern Mastercard, dessen Führung der 52-jährige Bayer im kommenden Jahr übernehmen soll.

Eine starke öffentliche Rolle hat Miebach bislang nicht gespielt, und auch jetzt noch steht er im Schatten seines Vorgängers Ajay Banga, unter dessen jahrelanger Führung sich Mastercards Aktienkurs vervierzehnfacht hat. Banga soll als "Executive Chairman" weiter das Geschäft lenken, wenn er den CEO-Posten an Miebach abgibt.

"Bittersüß" sei der Abschied, kommentiert Analyst Sanjay Sakhrani von der Investmentbank KBW, die Zahlen sprächen ja für sich. Die Firma sei aber mit einem langen, geordneten Übergang "in guten Händen". Auch Aufsichtsratschef Richard Haythornthwaite nennt Miebachs Nähe zu Banga als Argument für die Berufung: "Michael teilt die von Ajay geförderten Werte und hat eine Schlüsselrolle bei der Transformation des Unternehmens gespielt."

Bisher amtiert Miebach, der 2010 von Barclays zu Mastercard kam, als Produktvorstand. Daher kann er auch fließend über "Tokenisierung" oder das "Merchant-Payment-Umfeld" sprechen. In einem Unternehmen, das sich trotz seiner Größe in erster Linie als Dienstleister für Banken, Händler oder andere Unternehmen versteht, zählt technische Expertise.

Doch Ajay Banga preist seinen Nachfolger auch als "Visionär". Dass die Kreditkartenfirma inzwischen nicht mehr als Kreditkartenfirma wahrgenommen werde und sogar ihren Namen aus dem Logo auf den Karten tilgt, die noch für rund die Hälfte des Umsatzes sorgen, gehe auch auf Miebachs Werk zurück.

Einige große Übernahmen der vergangenen Jahre soll der Deutsche angeführt haben, die alle weg vom angestammten Kreditkartengeschäft führen. Mit Vocalink kaufte Mastercard eine Fintech-Firma, die direkte Zahlungen zwischen Konten verschiedener Banken ermöglicht. 2019 übernahm der Konzern das Start-up Vyze, das Kreditvergaben an der Ladenkasse anbietet. Noch nicht abgeschlossen ist der größte Deal der Konzerngeschichte, für 2,85 Milliarden Euro das Firmenkundengeschäft des dänischen Startups Nets zu übernehmen.

Instant Payments heißt das Zauberwort, das die Fantasie von Mastercard anregt. Das Unternehmen macht seine eigene angestammte Rolle als Mittler überflüssig, indem es an direkten Zahlungen von Konto zu Konto arbeitet. Das Denken in etablierten Geschäftsstrukturen schade der Innovation, schrieb Miebach einmal auf "LinkedIn". Um wirklich etwas voranzubringen, müsse man auch zur Kooperation mit den schärfsten Konkurrenten bereit sein - und werde dann belohnt mit einem vielleicht kleineren Anteil an einem dafür aber größeren Kuchen.

Man wolle sich als "One-Stop-Shop" für Zahlungsdienste etablieren, erklärt Miebach, und dabei alle denkbaren Zahlungsarten anbieten. Mit einer Ausnahme: Mastercard zählt zu den wenigen Finanzkonzernen, die aktiv für einen Abschied vom Bargeld werben. "Bargeld ist der Feind der Armen", schrieb Miebach in einem seiner seltenen LinkedIn-Posts, es verursache volkswirtschaftliche Kosten und verhindere die Teilnahme am digitalen Leben.

Hier schließt sich der Bogen zum zweiten großen Thema der Mastercard-Transformation unter Ajay Banga. Das Unternehmen als Fürsprecher der finanziellen Inklusion auszurichten, sei maßgeblich von Michael Miebach angestoßen worden, lobt der scheidende CEO.

In seinen ersten Jahren bei Mastercard verantwortete der gebürtige Allgäuer das Nahost- und Afrikageschäft, ebenso wie zuvor bei Barclays. Die Arbeit in Märkten, wo das etablierte Finanzsystem einen Großteil der Bevölkerung außen vor lässt, hat wohl auch zur Mitarbeit im Non-Profit-Unternehmen Accion bewogen, das mit Technologie dagegen vorgehen will.

Dass eine digitale Konzernwährung wie das von Facebook betriebene Libra diesem Ziel dienen könnte, sieht Mastercard jedoch nicht. Der Konzern verabschiedete sich aus dem Konsortium, als klar wurde, dass es kein gesellschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell geben würde.

Mastercard forscht zwar selbst seit Jahren an möglichen Anwendungen der von Bitcoin bekannten Blockchain-Datenbank, hat sich aber realistische Skepsis bewahrt. In den meisten Fällen "gibt es nicht wirklich einen Bedarf", sagte Miebach im Interview der "Börsen-Zeitung".

Für die Zukunft des Geldes hat Miebach aber schon eine Vision parat. Es werde "eine Zukunft, in der wir uns über Geld keine Gedanken mehr machen müssen".

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