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Beben an den Börsen Russisch Roulette für das Finanzsystem

Der Krieg hat Rohstoffpreise explodieren lassen und die Londoner Metallbörse LME erschüttert. Experten fürchten ein Übergreifen auf das Bankensystem – wenn ein paar Faktoren zusammenkommen.
aus manager magazin 5/2022
Ring of Fire: Wochentags ab 11.40 Uhr steigen Rohstoffhändler in den Ring der LME und brüllen sich Orders zu. In Fünf-Minuten-Runden legen sie Referenzpreise für wichtige Metalle fest – und müssen dabei immer den Kontakt zum roten Sofa halten.

Ring of Fire: Wochentags ab 11.40 Uhr steigen Rohstoffhändler in den Ring der LME und brüllen sich Orders zu. In Fünf-Minuten-Runden legen sie Referenzpreise für wichtige Metalle fest – und müssen dabei immer den Kontakt zum roten Sofa halten.

Foto:

Jason Alden / Bloomberg

Die Nacht wird kurz für Matthew Chamberlain (39). Wenige Minuten nach eins verlässt der Chef der London Metal Exchange (LME) sein Homeoffice, gerade hat er ein letztes Mal die Preise im elektronischen Handelssystem der Börse geprüft. "Ich wollte sichergehen, dass sich die Preissteigerungen bei Nickel, wie wir sie am Vortag erlebt hatten, nicht fortsetzen, bevor ich ins Bett gehe", wird er später erzählen. Von 30.000 auf 50.000 Dollar pro Tonne war der Preis für den Rohstoff geklettert, der für die Produktion von Batterien für Elektroautos so entscheidend ist. Der Ukraine-Krieg hat nun auch die LME erreicht.

Gut vier Stunden später, gegen halb sechs, klingelt sein Mobiltelefon, und er stürmt in sein Homeoffice. 60.000, 70.000 Dollar pro Tonne Nickel, die Preiskurve auf seinem Bildschirm geht nahezu senkrecht in die Höhe. Innerhalb von 18 Minuten erreicht der Nickelpreis 100.000 Dollar pro Tonne. Kurz danach stellt Chamberlain am 8. März den Handel vorübergehend ein – zum ersten Mal seit über drei Jahrzehnten. "Weil der Preis irgendwann nichts mehr mit der Realität zu tun hatte", sagt Chamberlain dem manager magazin.

Seit Russlands Einmarsch in die Ukraine spielen die Rohstoffmärkte verrückt. Und Spekulanten haben die Schwankungen verstärkt. Der Preisschock bei Nickel bringt einige Börsenkunden an den Abgrund. Um sie zu retten, stellt die LME nicht nur den Handel ein, sie storniert kurzerhand Geschäfte in Milliardenhöhe. Das hat es in ihrer 145-jährigen Geschichte noch nie gegeben.

Mahner: Andrew Bailey , Chef der Bank of England, sieht vor allem eine potenzielle Gefahr: Die Probleme im Rohstoffgeschäft könnten sich auf das Finanzsystem auswirken

Mahner: Andrew Bailey , Chef der Bank of England, sieht vor allem eine potenzielle Gefahr: Die Probleme im Rohstoffgeschäft könnten sich auf das Finanzsystem auswirken

Foto: NEIL HALL / EPA-EFE

Die Folgen werden die Institution, die der Hongkonger Börse gehört, noch lange beschäftigen: Eine Klageflut all derer, die von dem hohen Nickelpreis profitieren wollten und deren Wetten nicht zustande gekommen sind; eine Untersuchung der britischen Finanzaufseher und der Versuch, die Glaubwürdigkeit mithilfe neuer Börsenregeln zurückzuerlangen.

Das Wackeln der Börse ist ein Vorgeschmack auf das Chaos, das das Finanzsystem treffen könnte. Bisher hat es die Folgen des Ukraine-Kriegs und der Russland-Sanktionen gut weggesteckt, doch viele Experten trauen dem Finanzfrieden nicht.

"Es ist schon überraschend, dass bisher noch nicht viel passiert ist", sagt der US-Ökonom Richard Berner. Nach der Finanzkrise 2008 war er der erste Chef einer neu geschaffenen Einheit im US-Finanzministerium, die die Stabilität des globalen Finanzsystems überwacht. "Es gibt möglicherweise Schwachstellen", so Berner, "die nicht sofort sichtbar sind und deren Eigenarten wir erst kennen werden, wenn ein Schock sie offenlegt."

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