Wachsender Konsum "Deutsche nutzen Kredite sehr überlegt"

Der Konsum wird nach jahrelanger Flaute zur Stütze der Konjunktur. Kreditbanken könnten einen Boom erleben - wenn die Deutschen nicht so viel Bares hätten, erläutert Jan Wagner, Chef der Konsumentenkreditbank Creditplus, im Interview.
Tablets: In Branchen wie der Unterhaltungselektronik steigt die Kreditnachfrage spürbar

Tablets: In Branchen wie der Unterhaltungselektronik steigt die Kreditnachfrage spürbar

Foto: Corbis

mm: Herr Wagner, alle Hoffnungen für die deutsche Konjunktur ruhen auf dem Konsum. Schlägt sich der schon in einer steigenden Kreditnachfrage nieder?

Wagner: Nicht eins zu eins. Die Kreditnachfrage in Deutschland ist seit einigen Jahren stabil, sie wächst nur minimal. Die Deutschen sind grundsätzlich bei der Kreditaufnahme im Vergleich zu anderen Ländern vorsichtig. Insbesondere im Zuge der Euro-Krise haben wir festgestellt, dass für Ausgaben verstärkt auf Ersparnisse zurückgegriffen wird. Wir arbeiten zum Beispiel intensiv mit einem Heizungshersteller zusammen. Da boomt das Geschäft seit einiger Zeit. Wir wären gern mit mehr Finanzierungen dabei, aber es wird überwiegend bar bezahlt.

mm: Da geht es oft um fünfstellige Summen, oder?

Wagner: Ja, aber es geht auch um Hausbesitzer, die oft einiges auf der hohen Kante haben. In einzelnen Branchen sehen wir auch Zuwächse, zum Beispiel in der Unterhaltungselektronik, wo wir exklusiver Partner von Apple  sind, oder für Möbel.

mm: Zieht der Aufschwung am Immobilienmarkt weiteren Konsum und Kreditbedarf nach sich?

Wagner: Wir erleben eine verstärkte Nachfrage nach Umzug, Renovierung und auch Möbeln. Die Bereitschaft, dafür oder für Küchen einen Kredit aufzunehmen, ist ebenfalls gestiegen.

"Dispokredite und Kreditkarten halte ich für kritischer"

mm: Viele dürften bei dem Begriff Ratenkredite schnell an Fernseh-Schuldenberater Peter Zwegat denken.

Wagner: Die Deutschen nutzen Ratenkredite in der Regel sehr überlegt. Die meisten kennen die exakte Höhe ihrer Monatsrate. Kurzlebigen Konsum wie Reisen würden die meisten nicht durch einen Ratenkredit finanzieren. Bei einem Ratenkredit ist die Rückzahlung sehr klar und regelmäßig vorgegeben. Das ist deutlich kalkulierbarer als ein Rahmenkredit über eine Kreditkarte oder einen Dispokredit. Die beiden letzteren halte ich, was die Rückzahlungsdisziplin anbelangt, für kritischer, da gibt es auch höhere Ausfallraten. Laut unseren Umfragen werden jedoch diese Rahmenkredite kaum als echte Kredite wahrgenommen.

mm: Gibt es einen Trend zum Kredit als Fun-Produkt?

Wagner: Den Trend gab es einmal. Aber ich glaube, da ist die Branche inzwischen doch etwas seriöser geworden. Vor einigen Jahren haben Wettbewerber ganz bewusst mit "Das kann ich mir leisten!" oder ähnlichen Slogans geworben. Aber das kann man den Kollegen heute nicht mehr nachsagen, ganz im Gegenteil: Es ist ein klares Bemühen zu spüren, hauptsächlich die Fairness-Seite des Kredits zu betonen.

Vertrauen der Einleger - wegen der Einlagenversicherung

mm: Für Ihren Sofortkredit werben sie aber auch mit den Schlagworten "schnell" und "einfach".

Wagner: Wir haben in ausführlichen Studien festgestellt, dass es für die Kunden, wenn sie einen Kredit brauchen, schnell gehen soll. Eine Bank, die sagt, wir prüfen sehr umfänglich und werden sehr viele Unterlagen anfordern, wird gar kein Geschäft mehr machen. Wir versuchen, die Dinge verständlich zu machen, und nur die Unterlagen anzufordern, die wir für diesen Kredit und diese Größenordnung brauchen. Das ist es, was die Kunden wollen, und darauf müssen wir auch in unseren Aussagen eingehen. Fragt man unsere Kunden nach den Stärken der Creditplus-Bank, kommen diese zwei Begriffe immer wieder vor.

mm: Spielen für Sie auch Vergleichsportale eine Rolle?

Wagner: Ja, das ist zunehmend im Online-Kreditgeschäft ein sehr dominanter Faktor. Das ist auch ein Grund dafür, dass dies ein sehr umkämpftes und margenschwaches Geschäft ist. Damit müssen wir zurechtkommen.

mm: Im Unterschied zu klassischen Geschäftsbanken haben Sie kaum Spareinlagen, um Kredite zu finanzieren, und Ihre Mutterbank Crédit Agricole  verlangt neuerdings eine höhere Eigenfinanzierung. Wer gibt Ihnen jetzt Geld, und warum?

Wagner: Institutionelle Investoren spielen bei uns eine große Rolle. Wir haben inzwischen rund eine Milliarde Euro in diesem Einlagenportfolio. Die Einleger sind üblicherweise kleinere Versicherungen oder Gemeinden, jeweils im einstelligen Millionenbereich. Der Grund, weshalb wir dieses Vertrauen bekommen, ist schlicht, dass wir Mitglied der Einlagensicherung sind. Die garantiert die Einlagen bis zu einem Betrag von derzeit 45,7 Millionen Euro, dieser Wert errechnet sich aus unserem Kapital.

"Für die Franzosen hat sich der Einstieg ausgezahlt"

mm: Dieses Bekenntnis klingt überraschend. Müssten Sie nicht als Bankchef die eigenen Stärken betonen?

Wagner: Ich würde viel lieber sagen, die Kunden geben uns das Geld, weil wir seit zehn Jahren gute Geschäftsergebnisse haben, weil wir regulatorische Eigenmittel von 163 Millionen Euro haben und weil wir ein wirklich grundsolides Unternehmen sind, das die Einlagen dazu verwendet, Kredite in Deutschland auszulegen, und zwar für 400.000 Kunden, also ein breit gestreutes, sehr gut gemanagtes Risiko. Aber ich muss natürlich den Einlegern zugestehen, dass sie sich nicht alle die Mühe machen, die Creditplus-Bank in dem Maße zu analysieren.

mm: Dennoch scheint Crédit Agricole Ihr Geschäftsmodell einmal für attraktiv befunden zu haben.

Wagner: Als Crédit Agricole uns Ende der 90er Jahre übernommen hat, war die eine Überlegung, dass die Gruppe in Frankreich schon eine sehr dominierende Rolle hatte, die man nicht weiter ausbauen konnte, und sie daher international expandieren wollte. Und damals war das Kreditgeschäft in Deutschland noch nicht so professionalisiert. Die Franzosen waren zu Recht der Meinung, mit ihrem hohen Maß an Automatisierung und starkem Fokus im Wettbewerb gut bestehen zu können. Der Einstieg bei der Creditplus Bank hat sich über die Jahre hinweg auch sehr gut für die französischen Aktionäre ausgezahlt.

"Ein Kreditboom würde mich beunruhigen"

mm: Setzen sich Spezialbanken wie Ihre gegen die Generalisten durch?

Wagner: Mittlerweile stammt mehr als jeder zweite Ratenkredit von einer spezialisierten Kreditbank. Vor 15 Jahren waren das noch 35 Prozent. Wir können schon feststellen, dass die Spezialanbieter deutlich stärker gewachsen sind als der Gesamtmarkt und ihren Marktanteil innerhalb eines Jahres von 54 auf 57 Prozent gesteigert haben. Aus unserer Sicht macht dieser Trend auch Sinn.

mm: Natürlich.

Wagner: Nicht jede Universalbank kann auf jedem Gebiet Experte sein. Was wir allein auf unserem Gebiet für gesetzliche Anforderungen umsetzen müssen, wie wir permanent unser Risikomanagement optimieren, das ist schon eine voll fordernde Aufgabe. Und dann kommt noch hinzu, in der Konsumfinanzierung handelt es sich ja um Kleinkredite. Da ist natürlich eine gewisse Größe erforderlich, damit Skaleneffekte zum Tragen kommen und größere Investitionen gerechtfertigt sind.

Natürlich bietet auch die eine oder andere Universalbank nebenbei Konsumentenkredite. Allerdings ist fraglich, ob dies in allen Fällen unter Kostengesichtspunkten rentabel ist. Man muss anders mit dem Kunden umgehen, als wenn es um eine Immobilienfinanzierung oder eine Unternehmensfinanzierung geht.

"Geschäft verliert man leichter, als es zu gewinnen"

mm: Im vergangenen Jahr haben Sie wegen des Sparplans der Konzernmutter Ihr Neugeschäft eingeschränkt, inzwischen wachsen Sie wieder. Wollen Sie den Rückstand wieder aufholen?

Wagner: Realistischerweise verliert man Geschäft leichter als es wieder zu gewinnen. Das ist die Lehre aus dem letzten Jahr. Wir haben uns natürlich bemüht, das Geschäft da zurückzufahren, wo es margenschwach war, und streng darauf geachtet, nicht bei jahrelang aufgebauten Partnerschaften das Vertrauen zu verlieren. Trotzdem, dieses Geschäft wieder aufzubauen ist nicht so einfach. Es reicht nicht, genau gleich gut zu sein wie die Konkurrenz. Wenn wir dieses Jahr knapp 10 Prozent wachsen, halten wir das in diesem Marktumfeld bereits für ambitioniert. Zumal wir auch nicht Wachstum um jeden Preis wollen.

mm: Haben Sie Hoffnung, dass es noch zu einem regelrechten Kreditboom kommen wird?

Wagner: Ich habe zumindest nicht die Erwartung. Im Inlandskonsum sehe ich eine stabile Entwicklung, möglicherweise mal Zuwächse von 1 oder 2 Prozent pro Jahr. Wenn der Trend, lieber Bargeld zu investieren statt Kredite aufzunehmen, wieder dreht, dann werden wir auch mehr Kredite vergeben, aber ich glaube nicht, dass wir hier vor einem Boom stehen.

Das würde mich auch etwas beunruhigen. Dann würde ich mich nämlich schon fragen, was passiert, wenn die Konjunktur mal rückläufig ist. Aufgrund meiner Position im Konzern sehe ich in anderen Ländern, wie bitter es für die Endkunden ist, wenn Arbeitsplätze und Löhne reduziert werden. Ich glaube, dass die Banken auch in Deutschland gut beraten sind, die Kreditvergabe nicht auszureizen.

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