John Cryan in Davos und Frankfurt Das doppelte Gesicht des Deutsche-Bank-Chefs

Movers und Shakers: Deutsche-Bank-Chef Cryan mit IWF-Chefin Lagarde in Davos

Movers und Shakers: Deutsche-Bank-Chef Cryan mit IWF-Chefin Lagarde in Davos

Foto: WEF / swiss-image.ch / Remy Steinegger

Öffentliche Auftritte von John Cryan haben Seltenheitswert. An diesem Mittwoch jedoch ließ der Chef der Deutschen Bank gleich doppelt von sich hören - mit bemerkenswertem Kontrast.

Davos, Schweiz, 17.30 Uhr: Cryan sitzt da, wo die Reichen und Mächtigen sitzen: auf dem Weltwirtschaftsforum, genauer auf einer Podiumsdiskussion über "The Transformation of Finance", zwischen Währungsfondschefin Christine Lagarde und Paypal-Chef Dan Schulman. Große Zukunftsvisionen für das internationale Finanzssystem sind gefragt, und Cryan liefert.

"In zehn Jahren gibt es wahrscheinlich kein Bargeld mehr. Dafür gibt es keinen Bedarf, und es ist schrecklich ineffizient und teuer." Im Aktiengeschäft "handeln wir doch sowieso nur noch mit Elektronen, alles ist schon dematerialisiert". Auch das Buzzword der Stunde nimmt Cryan in den Mund: "Blockchain ist sehr interessant." Über Crowdfunding hingegen müssten sich die Banken weniger Gedanken machen.

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Im Vergleich zu Lagarde und Schulman, beide ebenso gut gebräunt wie entspannt, wirkt der eiskalte Aufräumer zwar etwas blass. Er spricht leise, trägt Sorgenfalten und tiefe Augenringe, verhakt zeitweise nervös seine Finger ineinander. Aber er ist dabei. Einer derjenigen, die sich Gedanken um eine bessere Welt machen und auch tatsächlich etwas bewegen können.

Frankfurt am Main, Deutschland, 20.30 Uhr: Cryan ist zwar nicht persönlich anzutreffen - dafür hätte er sich in der kurzen Zeit schon fast aus dem Alpenidyll herbeamen müssen -, die Bank veröffentlicht aber seine Botschaft an Aktionäre und Mitarbeiter. Hier passen die auf die Gegenwart gerichteten Worte und der optische Eindruck vom Nachmittag wieder gut zusammen.

Wie die Botschaften aus Davos und Frankfurt zusammenpassen

"Weitere Rückstellungen für regulatorische Angelegenheiten und Rechtsstreitigkeiten" ebenso wie "Belastungen für Restrukturierungen und Abfindungen" bescheren der Bank den größten Verlust in ihrer Geschichte, "was ernüchternd ist", wie Cryan eingesteht. Der Aktienkurs  schmiert ab.

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Zu einer allzu optimistischen Prognose für das eigene Haus mag sich der Brite nicht durchringen. Nicht einmal zu einem Signal, dass die Deutsche Bank mit dem Mega-Minus das Schlimmste hinter sich haben könnte: Stattdessen "erwarten uns in den kommenden beiden Jahren harte Arbeit und Belastungen".

Große Vision für die Finanzwelt, ernüchternde Worte für die Deutsche Bank - wie passt das zusammen? Witzbolde wie "Handelsblatt"-Herausgeber Gabor Steingart meinen, die Deutsche Bank schreite mit ihrem Milliardenverlust dem Ziel einer bargeldlosen Zukunft entgegen.

Das Ego der Banker muss der Zukunft weichen

Es gibt aber auch ernsthafte Themen, die sich durch beide Botschaften ziehen. "Im Bankgeschäft besteht ein klares Risiko, dass wir ausgeschaltet oder irrelevant werden, weil wir uns in Sachen Technologie zu langsam bewegt haben", sagt Cryan in Davos. Zu den kommenden Gewinnfressern zählten auch "dringend notwendige Investitionen", lässt er in Frankfurt wissen. Über die "antiquierte" IT der Deutschen Bank hatte er sich zuvor schon abfällig geäußert.

Ebenso wie John Cryan den Siegeszug einer rationaleren Finanzordnung verheißt, will er auch die Deutsche Bank rationalisieren. "Wir ignorieren den technologischen Wandel nicht, wir sind Pragmatiker", wie es Podiumskollege James Gorman von Morgan Stanley  ausdrückt.

So gesehen, ist der Schrumpfkurs in Frankfurt auch ein Weg, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. Die Schließung von Filialen, der Verkauf von Beteiligungen, der Rückzug im Investmentbanking sowie der Abbau von Boni und Ego der Banker "werden die Bank einfacher und effizienter machen", verspricht Cryan in seinem Brief an die Mitarbeiter.

Doch wo bleibt die positive Vision für den Konzern? Immerhin die Vermögensverwaltung hat der Chef als Wachstumssparte ausgemacht, und die erwähnt der Ex-UBS-Mann auch in Davos. Der Rest der Bank mag sich zum Großteil dematerialisieren.


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