Jens Spahn und die 340 Prozent Wachstum Die Fintech-Luftnummer des CDU-Aufsteigers Spahn

Von Heinz-Roger Dohms
Angela Merkel nach dem Bundesparteitag der CDU Anfang Dezember mit dem rebellischen Jens Spahn.

Angela Merkel nach dem Bundesparteitag der CDU Anfang Dezember mit dem rebellischen Jens Spahn.

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Jens Spahn ist so etwas wie Deutschlands Politiker der Stunde. Die Zeit rühmte den CDU-Mann unlängst als "Hoffnungsträger" und "Konservativen neuen Typs". Kurz darauf widmete ihm der Spiegel unter der Headline "Schwul mit Beinfreiheit" gleich ein ganzes Porträt, in dem Spahn zum "Wortführer der Konservativen" avancierte, dessen Aufstieg zeige, "wie die Macht Angela Merkels erodiert".

Wie zum Beweis sprach sich der CDU-Parteitag wenige Tage später auf Betreiben Spahns gegen die doppelte Staatsbürgerschaft aus. Die "SZ" sah darin eine "Desavouierung" der Kanzlerin - und natürlich einen "Erfolg" für Spahn, den "wichtigsten Kritiker des moderaten Merkel-Kurses".

Kurzum: Spahn, dem breiten Publikum jahrelang allenfalls als "Gesundheitsexperte" bekannt, hat im Zuge der Flüchtlingsdebatte eine beachtliche Flughöhe erreicht. Umso bemerkenswerter, dass er es darüber hinaus auch in seinem Hauptjob als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium (BMF) von Wolfgang Schäuble (CDU) zu bemerkenswerter Präsenz bringt. Der Pin-Up-Konservative amtiert nämlich auch als "Fintech-Beauftragter" der Bundesregierung - eine Funktion, in der er nicht nur den Grüßaugust gibt ("Ich rede lieber zu Fintechs als über Renten"), sondern tatsächlich was bewegt, wie es in der Szene hochachtungsvoll heißt. "Spahn hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass die Finanzaufsicht das Thema endlich ernst nimmt", meint ein Fintech-Unternehmer, der ungenannt bleiben möchte. Die Finanzaufsicht BaFin ist eine dem BMF unterstellte Behörde.

Seit neuestem mischt sich in die Anerkennung allerdings auch heimlicher Spott. Und das kam so: Vor einigen Monaten gab das Bundesfinanzministerium, dessen parlamentarischer Staatssekretär Spahn ist, eine Studie zum deutschen Fintech-Markt  in Auftrag - also den neuen, digitalen Banken und Versicherungen. Offiziell ging es bei dem Projekt darum, "umfangreiche, nach wissenschaftlichen Standards erhobene Daten bereitzustellen". Weniger offiziell hatte die Übung allerdings wohl auch den Zweck, ein bisschen Werbung für den Fintech-Standort und damit für den Fintech-Beauftragten Spahn zu machen.

Entsprechend ließ es sich der 36-Jährige nicht nehmen, die Studie Ende November persönlich vorzustellen. Sein Fazit: "Für Fintech-Unternehmen ist Deutschland eines der attraktivsten Länder weltweit. Das zeigt das Gutachten deutlich - die Wachstumsraten des Sektors sind beeindruckend." Tatsächlich lässt sich die Studie so lesen. Das Problem allerdings ist: Sie lässt sich auch genau entgegengesetzt lesen. Denn offensichtlich waren sich die Autoren selbst völlig unsicher, was sie von ihren "nach wissenschaftlichen Standards erhobenen Daten" zu halten hatten.

Laut ihrem "pessimistischen Szenario" wächst die deutsche Fintech-Branche bis 2020 nämlich gar nicht, sondern schrumpft stattdessen auf ein Volumen (Finanzierung und Vermögensverwaltung) von nur noch 2,0 Milliarden Euro. Demgegenüber explodiert der Sektor im von Spahn umarmten "optimistisches Szenario" allerdings geradezu auf 330 Milliarden Euro - eine verblüffende Spanne angesichts der Tatsache, dass insgesamt nur drei Szenarien untersucht wurden und das Jahr 2020 soweit ja nicht mehr weg ist.

Studienautoren zeigen sich selbstkritisch

Auf welchem brüchigen Fundament die Studie steht, zeigt sich zum Beispiel beim Thema Crowdlending - also bei schwarmfinanzierten Online-Krediten. Obwohl es diesen Markt in Deutschland seit rund zehn Jahren gibt, ist er nach allem, was sich recherchieren lässt, noch immer verschwindend klein. Wie groß er genau ist? Weiß man nicht, weil sich selbst bekanntere Anbieter wie das Portal Lendico standhaft weigern, irgendwelche Zahlen zu veröffentlichen. Als einziger halbwegs transparenter Player gilt der Marktführer Auxmoney, wobei auch der vergangenes Jahr für Verwirrung sorgte, als er mitteilte, nicht mehr die "vermittelten" sondern die - ungleich niedrigeren - "ausgezahlten" Kreditvolumina zu publizieren. "Bis dahin hatte man eigentlich gedacht, dass 'vermittelt' und 'ausgezahlt' dasselbe seien", meint Rene S. Klein, Geschäftsführer des Branchenportals "Für-Gründer.de".

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Aus Groß mach Klein: Ex-Großbanker, die jetzt in Fintech machen

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Jedenfalls: Wer geglaubt hatte, die Untersuchung des Finanzministeriums würde für etwas mehr Klarheit sorgen, sah sich getäuscht. Stattdessen stellten nur drei Anbieter Projektionen ihres Geschäftsvolumens bis 2020 bereit - und gaben dabei offenbar an, "mit sehr hohen durchschnittlichen Wachstumsraten von bis zu 340 Prozent pro Jahr" zu rechnen. 340 Prozent Wachstum? Im Schnitt? Jahr für Jahr? Man hätte skeptisch werden dürfen. Stattdessen heißt es in der Studie, da der Markt kürzlich "sehr hohe Wachstumsraten" aufgewiesen habe und "über ein enormes Potenzial" verfüge, "erscheinen diese hohen Wachstumsraten realistisch".

Auf Nachfrage von manager-magazin.de antwortet einer der Autoren: "Wahrscheinlich hätte das Wort 'derzeit" dem Satz gutgetan." Womöglich denkt man das im Finanzministerium inzwischen auch. Nachfragen zu der vor wenigen Wochen so freudvoll präsentierten Studie wollten jedenfalls weder das BMF noch Staatssekretär Spahn beantworten. Begründung: Die Fragen von manager-magazin.de bezögen sich auf "Hintergrundinformationen", die dem Ministerium selbst nicht vorlägen. Zudem sei das BMF "zwar Auftraggeber des Gutachtens, das heißt aber nicht, dass wir uns jede Aussage/Zahl zwangsläufig zu eigen machen".

Einer der Autoren, der Finanzprofessor Lars Hornuf, stellte sich dagegen den Kritikpunkten. Zu der zentralen Frage, worin die Aussagekraft einer Studie liege, deren Szenarien derart weit auseinanderklaffen, merkte er an: "Wie Sie wissen, ist die Zukunft ungewiss - im aktuellen politischen Umfeld umso mehr. Uns ist bewusst, dass wir die Zukunft nicht präzise vorhersagen können und kein seriöser Sozialwissenschaftler würde das behaupten. Gleichzeitig trägt unsere Studie dazu bei, Marktpotentiale zu identifizieren und vergleichbar zu machen."

Natürlich: Wer will widerlegen, dass es da draußen Kreditportale gibt, die mit 340 Prozent pro Jahr wachsen? Und wer kann ausschließen, dass der deutsche Fintech-Markt bis 2035 gar auf ein fantastisches Volumen von 847 Milliarden Euro anschwillt, wie es das "optimistische Szenario" ebenfalls vorhersagt?

Fintech-Fluchtpunkt Berlin? Falsch gerechnet!

Bloß: Leider ist die Studie auch da, wo sich Angaben tatsächlich überprüfen und damit falsifizieren lassen, nicht sehr glaubwürdig. So befeuern die Autoren an einer Stelle die momentan sehr beliebte These, Fintechs flüchteten nach dem Brexit auf breiter Flur von London nach Berlin. Wörtlich heißt es: "Ausschlaggebend für eine Sitzverlegung der Fintechs dürfte vor allem die mit dem Brexit einhergehende Rechtsunsicherheit sein. […...] Die Singapurer Digital Bank WB21 Pte. und sechs weitere Unternehmen haben sich bereits dafür entschieden, ihr operatives Geschäft von London nach Berlin zu verlagern."

Die Singapurer Digitalbank WB21? Wer die Branche auch nur oberflächlich verfolgt, wird bei diesem Stichwort aufhorchen. Es handelt sich nämlich um jenes vermeintliche Milliarden-Fintech, an dessen Geschichte nach Recherchen von manager-magazin.de und weiterer Medien wie der"Financial Times"  oder der "Süddeutschen Zeitung"  seit Wochen erhebliche Zweifel bestehen. Hornuf verweist als seine Quelle für WB21 auf einen Artikel des "Wall Street Journals" von Ende September . "Zu diesem Zeitpunkt war uns nicht bewusst, dass es sich hier möglicherwiese um ein 'Schein-FinTech' handelt. Davon mussten wir in der Studie eine Vielzahl aussortieren. Zudem möchte wir darauf hinweisen, dass die Digitalbank selbst nur ein Nebenaspekt unserer Studie."

Weltbank ohne Banklizenz: Die Abenteuer-Story von WB21Und die sechs anderen Fintechs, die laut Studie von London nach Berlin gezogen sind? Der Bitte, die Namen zu nennen, kamen weder Spahns Finanzministerium noch die Autoren nach. Stattdessen wird als Quelle wieder auf den Text im "Journal" verwiesen. Dort werden immerhin drei Firmen explizit aufführt. Eines der Startups nennt sich MBJ und hat seinen Sitz jüngst tatsächlich aus der britischen in die deutsche Kapitale verlegt. Das Problem: Mit Fintech hat MBJ eher nichts zu tun. Es handelt sich um ein Büro für Webdesign.

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