Donnerstag, 23. Mai 2019

Jens Spahn und die 340 Prozent Wachstum Die Fintech-Luftnummer des CDU-Aufsteigers Spahn

Angela Merkel nach dem Bundesparteitag der CDU Anfang Dezember mit dem rebellischen Jens Spahn.

Jens Spahn ist so etwas wie Deutschlands Politiker der Stunde. Die Zeit rühmte den CDU-Mann unlängst als "Hoffnungsträger" und "Konservativen neuen Typs". Kurz darauf widmete ihm der Spiegel unter der Headline "Schwul mit Beinfreiheit" gleich ein ganzes Porträt, in dem Spahn zum "Wortführer der Konservativen" avancierte, dessen Aufstieg zeige, "wie die Macht Angela Merkels erodiert".

Wie zum Beweis sprach sich der CDU-Parteitag wenige Tage später auf Betreiben Spahns gegen die doppelte Staatsbürgerschaft aus. Die "SZ" sah darin eine "Desavouierung" der Kanzlerin - und natürlich einen "Erfolg" für Spahn, den "wichtigsten Kritiker des moderaten Merkel-Kurses".

Kurzum: Spahn, dem breiten Publikum jahrelang allenfalls als "Gesundheitsexperte" bekannt, hat im Zuge der Flüchtlingsdebatte eine beachtliche Flughöhe erreicht. Umso bemerkenswerter, dass er es darüber hinaus auch in seinem Hauptjob als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium (BMF) von Wolfgang Schäuble (CDU) zu bemerkenswerter Präsenz bringt. Der Pin-Up-Konservative amtiert nämlich auch als "Fintech-Beauftragter" der Bundesregierung - eine Funktion, in der er nicht nur den Grüßaugust gibt ("Ich rede lieber zu Fintechs als über Renten"), sondern tatsächlich was bewegt, wie es in der Szene hochachtungsvoll heißt. "Spahn hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass die Finanzaufsicht das Thema endlich ernst nimmt", meint ein Fintech-Unternehmer, der ungenannt bleiben möchte. Die Finanzaufsicht BaFin ist eine dem BMF unterstellte Behörde.

Seit neuestem mischt sich in die Anerkennung allerdings auch heimlicher Spott. Und das kam so: Vor einigen Monaten gab das Bundesfinanzministerium, dessen parlamentarischer Staatssekretär Spahn ist, eine Studie zum deutschen Fintech-Markt in Auftrag - also den neuen, digitalen Banken und Versicherungen. Offiziell ging es bei dem Projekt darum, "umfangreiche, nach wissenschaftlichen Standards erhobene Daten bereitzustellen". Weniger offiziell hatte die Übung allerdings wohl auch den Zweck, ein bisschen Werbung für den Fintech-Standort und damit für den Fintech-Beauftragten Spahn zu machen.

Entsprechend ließ es sich der 36-Jährige nicht nehmen, die Studie Ende November persönlich vorzustellen. Sein Fazit: "Für Fintech-Unternehmen ist Deutschland eines der attraktivsten Länder weltweit. Das zeigt das Gutachten deutlich - die Wachstumsraten des Sektors sind beeindruckend." Tatsächlich lässt sich die Studie so lesen. Das Problem allerdings ist: Sie lässt sich auch genau entgegengesetzt lesen. Denn offensichtlich waren sich die Autoren selbst völlig unsicher, was sie von ihren "nach wissenschaftlichen Standards erhobenen Daten" zu halten hatten.

Laut ihrem "pessimistischen Szenario" wächst die deutsche Fintech-Branche bis 2020 nämlich gar nicht, sondern schrumpft stattdessen auf ein Volumen (Finanzierung und Vermögensverwaltung) von nur noch 2,0 Milliarden Euro. Demgegenüber explodiert der Sektor im von Spahn umarmten "optimistisches Szenario" allerdings geradezu auf 330 Milliarden Euro - eine verblüffende Spanne angesichts der Tatsache, dass insgesamt nur drei Szenarien untersucht wurden und das Jahr 2020 soweit ja nicht mehr weg ist.

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