Montag, 1. Juni 2020

Starbanker Jamie Dimon fordert mehr Chancen für Schwächere in US-Gesellschaft "Diese Krise muss als Weckruf dienen"

Jamie Dimon, mächtigster Banker in den USA und Chef von JPMorgan Chase, fordert als eine Lehre aus der Corona-Krise eine integrativere Wirtschaft, die mehr Menschen in den USA Chancen eröffnet und erhält.

Jamie Dimon, Chef der größten US-Bank JPMorgan Chase, gilt als meinungsstark und ist um klare Worte nicht verlegen - auch wenn sie sich gegen die eigene Zunft richten. Jetzt hat sich der "Last Man Standing" unter Amerikas Top-Bankern mit einem bemerkenswerten Memo an die Öffentlichkeit gewandt, das kritisch die gesellschaftliche Verfassung der USA thematisiert - und Veränderungen einfordert.

"Es ist meine große Hoffnung, dass wir diese Krise als Katalysator für den Wiederaufbau einer Wirtschaft nutzen, die dramatisch mehr Menschen, vor allem denen, die zu lange auf der Strecke geblieben sind, Chancen eröffnet und erhält", zitiert der Sender CNBC aus dem Brief zur anstehenden Aktionärsversammlung. Die vergangenen Monate hätten klar gezeigt, dass "schon vor der Pandemie viel zu viele Menschen am Rande der Gesellschaft lebten", schreibt Dimon weiter.

Die Coronavirus-Pandemie hat in den USA bislang mehr als 90.000 Tote gefordert, 1,5 Millionen Menschen infizierten sich mit dem Virus - so hart traf es kein anderes Land der Welt. Zudem verloren mit dem folgenden Lockdown bislang mehr als 36 Millionen US-Amerikaner ihren Job. Die Zahl der Arbeitslosen werde weiter steigen , die US-Wirtschaft sich nur langsam erholen und Millionen wohl auch dauerhaft ihren Arbeitsplatz verlieren, sagen Experten voraus.

"Eine integrative Wirtschaft ist stärker und widerstandsfähiger"

Dabei traf der Lockdown die Niedrigverdiener am härtesten. Rund 40 Prozent der US-Haushalte mit einem Jahreseinkommen unter 40.000 Dollar haben bislang einen Arbeitsplatzverlust gemeldet, wie die US-Notenbank vergangene Woche mitteilte. Die Ungleichheit zeigt sich auch darin, dass in der Regel besser bezahlte Büroangestellte ihrer Arbeit aus dem Homeoffice weiter nachgehen können, während ein Heer schlecht bezahlter Kräfte mit ihren Tätigkeiten (Haushaltshilfen und Pflegekräfte zum Beispiel) einem deutlich höheren Infektionsrisiko ausgesetzt waren und sind.

Ein Punkt, den auch Dimon thematisiert: Von der Pandemie seien Farbige und ärmere Menschen am härtesten betroffen, "was die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Ungleichheiten verschärft, die bereits vor der Ausbreitung des Virus unannehmbar ausgeprägt waren", schreibt der Manager.

"Eine integrative Wirtschaft - in der es einen breiten Zugang zu Chancen gibt - ist eine stärkere, widerstandsfähigere Wirtschaft", ist Dimon überzeugt. Sein Appell an Politik und Wirtschaft ist unmissverständlich: "Diese Krise muss als Weckruf und Handlungsaufforderung für Wirtschaft und Regierung dienen, um für das Gemeinwohl zu denken, zu handeln und zu investieren und sich den strukturellen Hindernissen zu stellen, die ein integratives Wirtschaftswachstum seit Jahren hemmen".

30 Milliarden Dollar Kredit an Kleinunternehmen vergeben

Längere Passagen des Memos nutzt Dimon auch, um den eigenen Beitrag der Bank zur Bewältigung der Krise darzustellen. Demzufolge hat JP Morgan Chase unter anderem im Zuge des Coronavirus-Hilfsprogramms der USA für Kleinunternehmen bislang mehr als 30 Milliarden Dollar an Darlehen an mehr als 250.000 Unternehmen vergeben.

Dimon betont, dass die Höhe des durchschnittlichen Darlehens im Rahmen des Paycheck Protection Program (PPP) 122.000 Dollar betrug. Die Hälfte der Darlehen ging dabei an Unternehmen mit weniger als fünf Mitarbeiter.

Dimon leitet JPMorgan Chase seit 2004 und hat die Bank erfolgreich auch durch die schwere Finanzkrise geführt. Heute ist er einer der mächtigsten und bestbezahltesten Bankchefs in den USA. Anfang 2018 verpflichtete er sich, den Vorstandsvorsitz für weitere fünf Jahre zu übernehmen. Anfang März hatte sich der Manager wegen einer gefährlichen Aortendissektion einer Notoperation am Herzen unterziehen müssen.

Die Corona-Krise hat im ersten Quartal den Gewinn der Bank wegen hoher Rückstellungen für drohende Kreditausfälle um 70 Prozent einbrechen lassen. "Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um der Welt zu helfen, sich von dieser globalen Krise zu erholen", versprach Dimon Mitte April.

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