Freitag, 22. November 2019

Jahresausblick Investiert endlich!

Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers tritt nach der Insolvenz der Bank 2008 auf die Straße in New York

Der Weltwirtschaft droht 2019 ein Abschwung unter historisch neuen Bedingungen: Die Schulden sind auf Rekordhöhe, die Wirtschaftspolitik ist weitgehend handlungsunfähig. Jetzt kommt es auf Deutschland an.

Die Pessimisten sind los. Quer durch Europa steigt die Zahl der Bürger, die glauben, dass 2019 schlechter laufen wird als 2018, wirtschaftlich gesehen. In Deutschland erwarten nur noch elf Prozent eine Verbesserung der Lage, 24 Prozent hingegen eine Verschlechterung, so die aktuelle Eurobarometer-Umfrage.

Auch bei den Unternehmen hat sich die Stimmung merklich eingetrübt. Der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts ist über die vergangenen Monate gesunken, vor allem in der Industrie. Ein Warnsignal.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Die Börsen sind unter Druck. 2019 wirft seine Schatten voraus. Unsicherheit über die politische Entwicklungsorgt für Nervosität. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der drohende ungeordnete Ausstieg Großbritanniens aus der EUim März, der schwelende Konflikt um die Geldpolitik zwischen US-Präsident Donald Trump und Notenbank-Chef Jay Powell, die Gefahr, dass nach den EU-Parlamentswahlen im Mai die Nationalpopulisten in Europa endgültig den Ton angeben, die Unklarheit über den weiteren Kurs der EZB nach Mario Draghis Verabschiedung im kommenden Oktober - die Liste ließe sich verlängern.

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Drei Thesen zur Konjunktur 2019

Steigende Unsicherheit heißt nicht, dass es im neuen Jahr unbedingt zu einer Rezession kommt. Die Prognostiker rechnen mit einer Abkühlung der Dynamik, nicht mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung. Aber Vorhersagen an konjunkturellen Wendepunkten sind selten sonderlich exakt.

Hier sind drei Thesen zur Konjunktur im neuen Jahr:

Erstens, 2019 betreten wir Neuland, denn ein zyklischer Abschwung trifft auf hohe Schulden, gerade in den reichen Volkswirtschaften. Eine gefährliche Konstellation.

Zweitens, sollte es zu einer Rezession kommen, steht eine raue Phase bevor. Die Wirtschaftspolitik kann kaum gegensteuern, da ihre Instrumente weitgehend funktionsunfähig geworden sind.

Drittens, Deutschland ist die einzige größere westliche Volkswirtschaft, die noch über konjunkturpolitische Manövrierfähigkeit verfügt. Staat und Wirtschaft sollten sich darauf vorbereiten und einen Investitionspakt schließen.

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Jede Menge Schulden

Als 2008 die letzte große Rezession die Weltwirtschaft erfasste, war die Verschuldung auf historisch hohen Niveaus. Das Problem ist nur: Seither ist sie noch weiter gestiegen. Damals lagen die Verbindlichkeiten von Staaten, Unternehmen und Privatbürgern zusammengenommen bei 233 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den westlichen Ländern. Dann rollte die Finanzkrise über uns hinweg - Entlassungen, Pleiten, Sparprogramme, Bankenrestrukturierungen. Die Notenbanken öffneten die Geldschleusen und regten mit aller Macht die Nachfrage an.

Doch von einem Schuldenabbau ist nicht viel zu sehen. Im Gegenteil. Inzwischen liegen die Bruttoverbindlichkeiten in den westlichen Volkswirtschaften bei 269 Prozent des BIP. Parallel dazu haben auch die Schwellenländer, voran China, ihre Verschuldung drastisch erhöht. Inzwischen stehen sie mit 176 Prozent in der Kreide, 60 Prozentpunkte mehr als vor der Finanzkrise, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).

Insbesondere die dortigen Unternehmen haben die niedrigen Zinsen genutzt und sich in Dollar und Euro verschuldet. Kredite in Westwährung waren ja billig wie nie. Nun kommt die Quittung. Während die Zinsen allmählich steigen, wird es für hochverschuldete Volkswirtschaften eng. Die Krisen der Türkei und Argentiniens im abgelaufenen Jahre sind Symptome eines größeren Problemkomplexes.

Auch bei westlichen Unternehmen sind die Verbindlichkeiten bedenklich hoch. In den USA übersteigen die Lasten den Stand des Jahres 2008. Noch schwieriger ist die Lage In Europa. Trotz einigem Schuldenabbau in Ländern wie Spanien und Portugal liegen die Firmenverbindlichkeiten in der Eurozone insgesamt bei 106 Prozent des BIP, wie aus BIZ-Statistiken hervorgeht. Das sind zehn Prozentpunkte mehr als 2008.

Schon jetzt wenden Firmen einen großen Teil ihrer Einnahmen für den Schuldendienst auf. Gelder, die nicht für Investitionen bereitstehen. Durch die schwächelnde Konjunktur wird die Lage umso wackliger.

Der Crash kommt, die Airbags sind kaputt

Eigentlich gibt es erprobte Mittel gegen einen Abschwung. Der Staat sollte gegensteuern: Die Notenbanken senken die Zinsen; die Staatshaushalte drehen ins Defizit, um die Nachfrage zu stützen. Doch dieses Mal ist alles anders.

Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von Japan halten die Zinsen immer noch bei Null und kaufen Wertpapiere (die EZB beendet ihre Käufe zum Jahresende). Selbst in den USA, wo die Federal Reserve seit einigen Jahren in Trippelschritten vorangeht, sind die Sätze im historischen Vergleich immer noch niedrig.

Auch die Finanzpolitiker haben ihr Pulver weitgehend verschossen. In vielen Ländern erreicht die öffentliche Schuldenlast inzwischen 100 Prozent des BIP. In den USA (Staatsverschuldung: 115 Prozent) haben US-Präsident Trump und die republikanische Mehrheit im Kongress 2018 sogar noch die Hochkonjunktur mit massiven Steuersenkungen weiter angeheizt - Mittel, die im bevorstehenden Abschwung fehlen, um die Konjunktur zu stützen.

Das ist tragisch. Die Weltwirtschaft schlittert womöglich in den nächsten Crash - aber die Airbags sind nach wie vor kaputt.

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