Sonntag, 21. April 2019

Rocket-Internet-Gründung Lendico geht an Niederländer ING Diba macht als erste deutsche Bank wirklich Ernst mit Fintech

Hat am Ende doch irgendwie Recht behalten: Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer hob Lendico 2013 auf den Markt.

Es ist die erste große Fintech-Akquisition durch eine führende deutsche Bank: Die ING Diba hat den ursprünglich von Rocket Internet gegründeten Berliner Online-Kreditmarktplatz Lendico gekauft. Die Übernahme wurde Ende vergangener Woche beim Bundeskartellamt angemeldet und ist heute offiziell verkündet worden. Am Wochenende bestätigte eine Sprecherin der Frankfurter Online-Bank enstprechende Informationen des Branchen-Blogs "Finanz-Szene.de".

Die Transaktion ist aus mindestens zwei Gründen einschneidend für die deutsche Bankenbranche. Erstens: Nach den Kooperationen mit dem Robo-Advisor Scalable Capital und dem digitalen Versicherungs-Makler Clark signalisiert die ING Diba mit dem Lendico-Deal, dass sie so konsequent wie keine andere große deutsche Bank die "Fintechisierung" des eigenen Geschäftsmodells anstrebt.

Und zweitens: Anders als die meisten bekannten Online-Kreditmarketplätze wie Lending Club in den USA oder Auxmoney in Deutschland fokussiert sich Lendico nicht auf Verbraucherkredite, sondern auf Darlehen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). ING Diba beschreitet damit nach der weitgehenden Digitalisierung des Retailgeschäfts nun offenbar denselben Weg im KMU-Bereich, was im deutschen Bankenmarkt noch kaum verbreitet ist.

Schon bei der Bilanz-Pressekonferenz Anfang Februar hatte ING-Diba-Chef Nick Jue angedeutet, mit einem speziellen Online-Kredit für kleine und mittelgroße Firmen an den Markt gehen zu wollen. Beobachter waren allerdings davon ausgegangen, dass die Oranje-Bank das entsprechende Tool selbst bauen würde.

Nicht nur deshalb kommt der Kauf von Lendico auf den ersten Blick überraschend. Denn: Die von den Samwer-Brüder betriebene Internet-Holding Rocket Internet startete den Kreditmarktplatz 2013 zwar als deren große Fintech-Hoffnung, so richtig kam das Startup aber - soweit sich das von außen beurteilen lässt - nie wirklich in die Gänge. Bezeichnend: Wie aus einem Geschäftsbericht von Rocket Internet hervorgeht, mussten die Samwers 2016 auf Lendico eine "Wertminderungsaufwendung" in Höhe von 19,5 Millionen Euro vornehmen.

Auch ansonsten ging bei Lendico einiges schief - so wurde das zum Beispiel Neugeschäft in Spanien, Polen und Südafrika wieder eingestellt. Im vergangenen Herbst wendete sich Lendico dann nochmal mit einer vermeintlichen Erfolgsmeldung an die Öffentlichkeit - so würden nun Darlehen im Umfang von durchschnittlich fünf Millionen Euro monatlich vergeben. Berechnungen von "Finanz-Szene.de" zeigten jedoch, dass über Lendico damit gerade mal zwei Kredite täglich vermittelt wurden.

Warum also sucht sich die ING Diba ausgerechnet diesen Fintech-Player aus? Lendico-Insider sagen: Es stimme zwar, dass die Firma - verglichen etwa mit Konkurrenten wie Auxmoney - am Markt nie wirlich durchgestartet sei. Das ändere aber nichts daran, dass die dahinterstehende Technologie für eine Bank, die ins Geschäft mit SME-Onlinekrediten einsteige, hochinteressant sei. "Es ist nicht so, dass man bei Lendico damals einfach mal ein Frontend gebaut und dann losgelegt hat. Sondern: Das ist echt 'Full Stack', also eine komplette Technologie, mit der die ING Diba zeitnah loslegen kann", meint ein Kenner der Materie. Ein anderer sagt: "Natürlich kann eine Bank wie die Diba so etwas auch selber bauen. Aber das würde dann erst mal anderthalb Jahre die IT-Kapazitäten unnötig belasten. Lendico und damit die Lendico-Technologie zu übernehmen, macht insofern absolut Sinn."

Über den genauen Kaufpreis war am Wochenende nichts wirklich Belastbares in Erfahrung zu bringen; auch ist unklar, wer derzeit genau wie viele Anteile hält. Im vergangenen Juli hießt es, Rocket wolle Lendico an einen britischen Hedge-Fonds namens Arrowgrass verkaufen - Vollzug wurde aber offiziell nie gemeldet. Möglicherweise hielten zuletzt sowohl Rocket als auch Arrowgrass nennenswerte Anteile.

Der Text erschien in einer leicht anderen Version zuerst bei unserem Inhalte-Partner Finanz-Szene.de. Eine Übersicht über unsere Inhalte-Partner finden Sie hier.

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