Sanktionen gegen Russland Dieser Bankchef muss Putin jetzt den Rücken freihalten

Mit Sanktionen gegen die führenden Banken Russlands versucht der Westen, den Rückhalt für Präsident Putin bei seinen Landsleuten zu unterminieren. Ein Manager wird damit zur Schlüsselfigur: Herman Gref leitet die Sberbank, das größte Geldhaus Russlands.
Der Präsident und sein Finanzgehilfe: Russlands Machthaber Wladimir Putin (r.) und Sberbank-Chef Herman Gref

Der Präsident und sein Finanzgehilfe: Russlands Machthaber Wladimir Putin (r.) und Sberbank-Chef Herman Gref

Foto: Mikhail Svetlov / Getty Images

Der Mann, der Russlands Präsidenten Wladimir Putin jetzt den Rücken freihalten muss, hat deutsche Wurzeln: Herman Gref wurde zwar in Kasachstan geboren. Seine Vorfahren wanderten jedoch zu zaristischen Zeit aus Deutschland in die Region des gegenwärtig umkämpften Donezbeckens aus. Von dort wurden sie 1941 unter Josef Stalin nach Kasachstan deportiert.

Gref (58) ist seit Jahrzehnten Teil der Polit- und Wirtschaftselite Russlands, brachte es Anfang der 2000er-Jahre bis zum Minister der Russischen Föderation, kennt den Machtapparat und seine Akteure bis hinauf zum Präsidenten aus dem Effeff. 2007 erklomm er den Posten, der ihn heute zu einer Schlüsselfigur in Putins Kriegswelt macht: Gref ist Vorstandschef der Sberbank, des größten Geldinstituts Russlands. Gref gehört als Finanzgehilfe Putins damit zum inneren Zirkel des Machtapparats im Kreml, der die westliche Welt brüskiert und in einen Schockzustand versetzt hat.

Spätestens seit Donnerstagabend ist klar: Ohne Hilfe des studierten Juristen Gref könnte es für Wladimir Putin schwierig werden, bei seinen rund 144 Millionen Landsleuten den nötigen Rückhalt für seine Aggression gegen die Ukraine zu behalten. Nach wochenlangen Spannungen hatte Putin in der Nacht zu Donnerstag den Angriff seiner Streitkräfte auf die Ukraine gestartet und mit dem Angriff auf den souveränen Nachbarstaat das Völkerrecht gebrochen.

Am Donnerstagabend trat US-Präsident Joe Biden vor die Kameras, um die Sanktionen der USA und weiterer westlicher Länder gegen Russland zu verkünden. Ganz oben auf der Liste der Maßnahmen : Herman Grefs Sberbank sowie 25 Tochtergesellschaften werden vom US-Finanzsystem abgeschnitten. Geschäfte in US-Dollar, so das Weiße Haus, werden für die Bank auf diese Weise extrem erschwert.

Sberbank, VTB Bank und drei weitere Banken auf der Sanktionsliste

Das heißt: Kein Kunde der Sberbank dürfte künftig noch Geld in die USA überweisen können oder von dort erhalten. Online-Shopping bei Amazon oder ähnlichen US-Händlern findet über Konten der Sberbank fortan wohl nicht mehr statt.

Weitere Sanktionen treffen die VTB Bank, das zweitgrößte Institut Russlands, sowie drei weitere Geldhäuser des Landes. Diese vier Institute trifft es noch härter als die Sberbank: US-Personen und Firmen dürfen mit ihnen überhaupt keine Geschäfte mehr machen, ihr Vermögen in den USA – oder auch nur ihre Guthaben, die mit dem US-Finanzsystem in Berührung kommen – werden eingefroren.

Schon wenige Tage vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine hatten die USA Sanktionen gegen zwei russische Banken verhängt . Doch nun gehen sie noch einmal deutlich weiter. "Die von uns verhängten Sanktionen gehen über alles hinaus, was bislang gemacht wurde", sagte Biden am Donnerstag. Staaten, die etwa zwei Drittel der globalen Wirtschaftsleistung ausmachen, stehen demnach hinter den Sanktionen.

Dollar-Geschäfte sind den betroffenen Banken verwehrt

Hintergrund der Maßnahmen: Der Dollar und der Euro sind weltweit die wichtigsten Handelswährungen, die in vielen internationalen Geschäften nicht leicht zu ersetzen sind. Die jetzt verhängten Sanktionen führen dazu, dass besagte russische Banken nicht mehr oder kaum noch auf US-Dollar zugreifen und Geschäfte damit machen können – und ebenso wenig deren Kunden. Eine Ahnung von der Dimension, um die es dabei geht, gibt das US-Finanzministerium. Demzufolge führen russische Finanzinstitutionen weltweit täglich Währungsgeschäfte im Wert von 46 Milliarden US-Dollar aus. 80 Prozent dieser Transaktionen geschähen in US-Dollar, so das Ministerium – und die seien nun zum Großteil unterbrochen.

Im Klartext heißt das: Nachdem Wladimir Putin die Ukraine angegriffen hat, bekommen Bankchef Gref und seine Kollegen die Rechnung dafür. Weil der Westen nicht militärisch auf die Aggression reagieren kann oder will, versucht er, den russischen Präsidenten in dessen eigenem Land zu schwächen. Eine Strategie, die auch auf eine langfristige Wirkung setzt: Die Masse der russischen Bevölkerung soll die Sanktionen zu spüren bekommen - und Putin daraufhin womöglich die Unterstützung entziehen.

Es wird also auch von Herman Gref abhängen, inwieweit die Sanktionen des Westens zum Erfolg führen. Mit der Sberbank führt er das mit Abstand größte Geldhaus Russlands, das sich mehrheitlich im Staatsbesitz befindet. 100 Millionen Kunden hat die Sberbank eigenen Angaben zufolge  allein im Retailbanking. Hinzu kommen drei Millionen Geschäftskunden. Jeder zweite Russe habe ein Konto bei Grefs Institut, sagen Beobachter.

Einer Statistik von JP Morgan zufolge kommt die Sberbank auf einen Anteil von etwa einem Drittel an den gesamten russischen Bankeinlagen. Die VTB Bank, ebenfalls staatlich kontrolliert, steht für weitere gut 16 Prozent. Insgesamt, so die "Financial Times" , stehen die fünf durch die jüngsten Sanktionen getroffenen russischen Banken für Vermögensanlagen in Höhe von einer Billion Dollar.

"Wir versuchen die russische Wirtschaft da zu treffen, wo es am meisten wehtut", formuliert es laut "FT"  ein US-Regierungsvertreter. Zugleich solle der negative Effekt auf die USA und ihre Partner begrenzt werden.

Öl und Gas fließt vorerst weiter: Gazprombank von jüngsten Sanktionen der USA ausgenommen

Letzteres dürfte sich auf den Umgang mit der drittgrößten Bank Russlands, der Gazprombank, beziehen, die interessanterweise aus den jüngsten Sanktionen der USA ausgenommen wurde. Offensichtlicher Grund: Über die Gazprombank wickelt Russland den Großteil der Bezahlung seiner Öl- und Gasgeschäfte ab. Da beispielsweise Europa allein 40 Prozent seines Erdgasverbrauchs aus Russland bezieht, könnte sich ein Vorgehen gegen die Gazprombank als Eigentor erweisen.

Anders verhält es sich mit Sberbank und VTB Bank. Das Vorgehen gegen die beiden Institute werde signifikante Auswirkungen auf die gesamte russische Wirtschaft haben, zitiert die "Financial Times"  Clay Lowery, den Vizepräsidenten beim Institute of International Finance. "Durchschnittliche Russen werden die Kosten zu spüren bekommen."

Sanktionen könnten Bankrun auslösen

Maria Shagina vom Institute of International Affairs in Finnland macht zudem auf die besondere Bedeutung der Sberbank bei der Zahlung von Löhnen und Renten an Millionen Russen aufmerksam. Die Sanktionen, sagt sie , könnten sich allein deshalb besonders schmerzhaft auswirken. Die inländischen Geschäfte der Sberbank - also zum Beispiel die Auszahlungen von Renten oder Gehältern in der Landeswährung Rubel - werden durch die Sanktionen zwar nicht berührt. Dennoch wird die Sberbank durch den Ausschluss von internationalen Dollar-Geschäften unter Druck gesetzt und geschwächt. Kunden könnten sich dann fragen, ob ihr Geld bei einem von Sanktionen betroffenen Geldinstitut noch sicher sei.

Im Extremfall könnte es laut Lowery infolge der Sanktionen zum Run auf russische Banken kommen. Millionen Kunden könnten das Vertrauen verlieren und versuchen, ihr Geld abzuheben. Das wäre wohl auch für Präsident Putin ein Albtraum. Sehr wahrscheinlich sei zudem eine zusätzliche Belastung für das Wirtschaftswachstum des Landes, wie sie bereits durch die zunehmende Isolation Russlands in den vergangenen Jahren zu beobachten war, so Lowery.

Russische Notenbank eilt Sberbank und VTB zu Hilfe

Vor dem Hintergrund wundert es nicht, dass die russische Notenbank bereits Unterstützungsmaßnahmen für die sanktionierten Institute angekündigt hat, deren Aktienkurse sich zudem schon seit Wochen auf steiler Talfahrt befinden. Vor allem den beiden größten Banken des Landes, der VTB und der Sberbank solle geholfen werden, so die Zentralbank am Freitag. Sie sei bereit, die Häuser sowohl mit der russischen Währung als auch mit ausländischen Devisen zu stützen. Ohnehin hätten alle Finanzinstitute eine "große Reserve" an Geldmitteln, versicherte die Notenbank.

Kennen sich seit Jahrzehnten: Russlands Präsident Wladimir Putin und Sberbank-Chef Herman Gref bei einem Treffen 2017 in Moskau

Kennen sich seit Jahrzehnten: Russlands Präsident Wladimir Putin und Sberbank-Chef Herman Gref bei einem Treffen 2017 in Moskau

Foto: ALEXEI DRUZHININ/ AFP

Tatsächlich sitzt Russland auf einem großen Berg an Devisenreserven, die in der aktuellen Situation hilfreich sein dürften. Reuters bezifferte  die Reserven kürzlich auf ein Volumen von gegenwärtig 635 Milliarden Dollar. Ein ansehnliches Polster also – das allerdings auch irgendwann aufgebraucht sein dürfte.

Die betroffenen Banken jedenfalls geben sich momentan noch gelassen. Die VTB erklärte zwar, angesichts der Sanktionen sei die Nutzung von Visa- und Mastercard-Karten im Ausland derzeit "unmöglich". Die Bank empfahl ihren Kunden, zu möglichen Reisen ins Ausland ausreichend Bargeld mitzunehmen.

Die Sberbank jedoch teilte am Donnerstag mit, alle Systeme und Büros funktionierten normal weiter und sämtliche Kunden hätten vollständigen Zugang zu ihren Finanzen. Noch am Freitagnachmittag warb die Bank auf ihrer Internetseite  ungerührt mit den Möglichkeiten, die sie ihren Kunden beim Umtausch von Rubel in Dollar oder Euro bieten könne. Offenbar haben sich Putin und sein Finanzgehilfe Gref entschlossen, die Sanktionen erst einmal zu ignorieren - und noch nicht mit dem Krisenmanagement zu beginnen.