Finanzgruppe in Schieflage Finanzaufsicht Bafin macht Greensill Bank dicht

Über die Bremer Greensill Bank erreichen die Probleme der britisch-australischen Greensill-Gruppe deutsche Sparer. Der Einlagensicherungsfonds ist bereits alarmiert, jetzt greift die Finanzaufsicht durch.
Greensill-Tochter in Bremen: Das Geldhaus ist eine Art Geld- und Garantiegeber für die Gruppe und wirbt über Portale auch viel Geld deutscher Privatanleger ein

Greensill-Tochter in Bremen: Das Geldhaus ist eine Art Geld- und Garantiegeber für die Gruppe und wirbt über Portale auch viel Geld deutscher Privatanleger ein

Foto: FABIAN BIMMER / REUTERS

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) greift bei der Bremer Greensill Bank durch. Wegen drohender Überschuldung habe die Finanzaufsicht ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot erlassen, teilte die Behörde am Nachmittag mit. Außerdem ordnete die Bafin an, die Bank für den Verkehr mit der Kundschaft zu schließen, und untersagte es ihr, Zahlungen entgegenzunehmen, die nicht zur Tilgung von Schulden gegenüber der Greensill Bank bestimmt sind (ein sogenanntes Moratorium).

Kurzum: Die Bafin macht die Greensill Bank dicht. Die Maßnahmen der Bafin sind sofort vollziehbar, aber noch nicht bestandskräftig.

Zuvor war bereits bekannt geworden, dass die Bafin Anzeige gegen die Greensill Bank gestellt hat. Bei der Staatsanwaltschaft in Bremen sei eine Anzeige der Aufsichtsbehörde im Zusammenhang mit der Bank eingegangen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Mittwoch. Um was sich die Anzeige konkret handelt, wollte er nicht sagen. Wie die "Financial Times" berichtete, zeigte die Bafin das Management der Greensill Bank wegen des Verdachts auf Bilanzmanipulation an. Dies habe sich aus einer Bilanzprüfung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ergeben. Von der Bank und der Bafin war zunächst kein Kommentar zu erhalten.

Die Bafin hatte bereits die direkte Aufsicht über das Tagesgeschäft der Greensill Bank übernommen, nachdem die angeschlagene Muttergesellschaft - die britisch-australische Greensill-Gruppe - davor gewarnt hatte, dass der Verlust der Kreditversicherung in Höhe von 4,6 Milliarden Dollar eine Welle von Zahlungsausfällen und den Verlust von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen verursachen könnte, so die "Financial Times" .

Zigtausende deutsche Greensill-Kunden betroffen

Die Greensill Bank ist den vergangenen Jahren rasant gewachsen und eng mit der in Schieflage geratenen Greensill-Gruppe verwoben. Der "FT" zufolge soll die Bafin in den vergangenen Wochen einen Sonderbeauftragten ernannt haben, um die Bank zu überwachen. Die Bafin lehnte eine Stellungnahme ab, ebenso die Greensill Bank.

Greensill Capital hatte die frühere Nordfinanz Bank AG im Jahr 2014 übernommen und aus ihr die Greensill Bank geformt. Das Geldhaus aus Bremen ist eine Art Geld- und Garantiegeber für die Gruppe. Dem Jahresabschluss 2019 zufolge beliefen sich die Verbindlichkeiten des Instituts gegenüber Kunden auf 3,3 Milliarden Euro. Etwa eine Milliarde davon ist die Bank Privatanlegern schuldig. Der Rest entfällt auf institutionelle Anleger und Firmenkunden. Die Bilanzsumme hat der Bank sich zwischen 2017 und 2019 auf 3,8 Milliarden Euro verzehnfacht.

Für die Refinanzierung nutzt die Bank auch die Einlagen von Privatkunden, um deren Gunst sie mit vergleichsweise hohen Zinsen bei Vergleichsportalen wie "Zinspilot" oder "Weltsparen" wirbt - hinter diesen steht das Fintech Raisin . Die Mindestanlagesumme beträgt 20.000 Euro. Laut "Handelsblatt"  sollen allein über das Portal "Weltsparen" 15.000 Kunden ein Tages- oder Festgeldkonto abgeschlossen haben. "Das vermittelte Volumen an die Greensill Bank AG beträgt mehrere Hundert Millionen Euro", zitiert die Zeitung eine Raisin-Sprecherin.

Krisentreffen beim Einlagensicherungsfonds

Die Bremer Greensill-Tochter versuchte am Mittwoch zunächst einmal Ruhe zu verbreiten: Die Spareinlagen der Kunden seien geschützt durch den Einlagensicherungsfonds der deutschen Privatbanken, sagte ein Sprecher des Instituts. Die Einlagen von institutionellen Investoren hingegen sind seit dem 1. Oktober 2017 grundsätzlich nicht mehr geschützt.

Zuletzt kam der Fonds beim Zusammenbruch der Maple Bank im Februar 2016 zum Tragen. Angesichts der milliardenschweren Verbindlichkeiten der Bremer Greensill sollen Vertreter des Einlagensicherungsfonds am Dienstagabend zusammengetroffen sein, berichtet das Fachmagazin "finanz-szene" .

Der Ratingagentur Scope zufolge ist die Greensill Bank komplett von der Greensill Capital abhängig. Der Mutterkonzern steuert auf einen Notverkauf zu, nachdem wichtige Partner ihre Geschäftsbeziehungen zu der Finanzgesellschaft gekappt haben.

Die 2011 von dem ehemaligen Citigroup-Banker Lex Greensill gegründete Greensill Capital ist auf die Lieferketten-Finanzierung spezialisiert. Die zentrale Dienstleistung der Bank ist laut "FT" nicht unumstritten: Kritiker sagen, dass sie dazu benutzt werden kann, die steigenden Schulden der Unternehmen zu verschleiern.

Bei der Supply-Chain-Finanzierung zahlt eine Bank Forderungen eines Lieferanten sofort aus und kassiert dafür einen Abschlag. So kann beispielsweise ein Stahlkonzern seine Rohstoffe bei Lieferanten bestellen, ohne gleich die Rechnung begleichen zu müssen. Die Zahlungsansprüche gegenüber Unternehmen bündelt die Bank zu Wertpapieren, die an Profiinvestoren gehen.

Credit Suisse zog bei Greensill die Notbremse

Doch nach Entscheidungen der Schweizer Großbank Credit Suisse und des Schweizer Fondshaus GAM versiegen wichtige Finanzierungsquellen für Greensill. GAM hatte am Dienstag angekündigt, den zusammen mit Greensill betriebenen GAM Greensill Supply Chain Finance Fonds abzuwickeln. Die Credit Suisse hatte bereits am Montag entschieden, den Handel mit Fonds im Gesamtvolumen von zehn Milliarden Dollar vorübergehend einzustellen und die Zeichnung und Rücknahme von Anteilen der Supply Chain Finance Funds auszusetzen. Die Entscheidung der Credit Suisse kam nach dem Auslaufen der Kreditversicherung, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen der "Financial Times"  gegenüber erklärte.

Laut Bloomberg  und "FT"  verhandelt Greensill mit dem Finanzinvestor Apollo über eine mögliche Rettung, konkret über den Verkauf großer Teile des operativen Geschäfts. Eine Entscheidung könnte noch in dieser Woche fallen, heißt es in den Berichten.

rei/Reuters
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