Strauchelnde Bank Wer ist wer im Greensill-Drama?

Eine kleine Bremer Bank steht im Mittelpunkt eines globalen Finanzdramas, das Kreise von deutschen Kleinsparern und australischen Bauern bis zum Retter der britischen Schwerindustrie zieht. Hier sind die wichtigsten Akteure im Fall Greensill.
Australischer Traum: Lex Greensill ist vom Bauernsohn zum Milliardär aufgestiegen - doch jetzt bedroht ein Kollaps seiner Finanzgruppe zehntausende Existenzen

Australischer Traum: Lex Greensill ist vom Bauernsohn zum Milliardär aufgestiegen - doch jetzt bedroht ein Kollaps seiner Finanzgruppe zehntausende Existenzen

Foto: Screenshot Video / SoftBank Vision Fund

Insolvenzanträge in Australien und Großbritannien, die Bank in Bremen von der Aufsicht stillgelegt - für Lex Greensill (44) steht das Lebenswerk akut auf dem Spiel. "Von bescheidenen Anfängen zu revolutionärem Denken", so erzählt seine 2011 gegründete Finanzgruppe Greensill die eigene Geschichte. Der Australier - bis dato Milliardär - war Investmentbanker für Morgan Stanley und Citigroup, vor allem aber präsentiert er sich als Spross einer Zuckerrohr- und Melonenfarm in der nordaustralischen Provinz Queensland, der aus Geldmangel nicht studieren konnte.

Deshalb, so geht die Legende, wandte sich Greensill der Lieferkettenfinanzierung (Supply Chain Finance) zu: damit Bauern und andere Lieferanten nicht auf ihr Geld warten müssen, bis die Endkunden bezahlt haben. "Fair Finance", heißt das PR-trächtig. Greensill Capital kauft gegen Gebühr Rechnungen auf, treibt die Forderungen später ein und finanziert so die Vorkasse. Das Geschäftsmodell ist nicht neu und auch nicht unbedingt problematisch, wenngleich die bilanziell nicht als Verbindlichkeiten deklarierten Positionen auch eine Überschuldung von Unternehmen verschleiern können.

Greensill hat den Aufbau komplexer Strukturen perfektioniert. Ein erstes Warnzeichen gab es 2015 mit der Insolvenz des spanischen Ökostromkonzerns Abengoa, der mit Greensills Hilfe Finanzkreisläufe außerhalb der Bilanz aufgebaut hatte.

Sanjeev Gupta

Foto: Russell Cheyne / REUTERS

Heute gelten die größten Sorgen dem Greensill-Großkunden Sanjeev Gupta (49). Dessen Anfänge waren nicht ganz so bescheiden, immerhin war schon der Großvater ein Industriemagnat in Indien, woraus die Familienholding GFG hervorging. Doch Gupta hat es mit seiner eigenen Gruppe Liberty House bis zum Retter der Stahlindustrie der einstigen Kolonialmacht Großbritannien gebracht - und dann auch noch garniert mit einer kühnen Vision, die Montanindustrie in eine klimaneutrale, grüne Zukunft zu führen. Im Februar platzte der Deal, mit der Stahlsparte von Thyssenkrupp auch noch das Herz der deutschen Schwerindustrie dazuzuholen.

Etwa zeitgleich monierte die Bankenaufsicht Bafin bei der Greensill Bank - der 2014 von Greensill übernommenen Bremer Nordfinanz Bank - ein Klumpenrisiko mit Gupta. Schon 2018 hatten Verbindungen mit Greensill und Gupta die Schweizer Fondsgesellschaft GAM in einen Skandal gestürzt. Doch das Bremer Gupta-Geschäft wuchs weiter, mehrere Milliarden soll Greensill nun bei Gupta im Feuer haben. Und gerade diese Exposure wird in den aktuellen Rettungsgesprächen kritisch beäugt.

Masayoshi Son

Foto: Issei Kato/ REUTERS

Groß wurde Greensill, wie so viele Unternehmen rund um den Globus, dank einer Kapitalspritze der Finanzakrobaten vom japanischen Softbank-Konzern. Als das Imperium von Masayoshi Son (63) im Mai 2019 800 Millionen Dollar in Greensill Capital steckte, trieb das den Firmenwert auf 3,5 Milliarden Dollar - just, als in der Schweiz der GAM-Skandal tobte. Softbank beteiligte sich zudem an mehreren von Greensills Finanzierungen und nutzte die Dienste auch, um einige der vielen hochverschuldeten Firmen aus dem Softbank-Portfolio zu stützen. Die eigene Greensill-Beteiligung von 1,5 Milliarden Dollar schrieben die Japaner aber schon Ende 2020 ab, inzwischen soll sie auf Null sinken.

Thomas Gottstein

Foto: ARND WIEGMANN / REUTERS

Bis zuletzt sprudelte am meisten Geld für Greensill aus Zürich - bis die Schweizer Großbank Credit Suisse am Montag den Stecker zog. Satte zehn Milliarden Dollar steckten in den von Greensill und Credit Suisse gemeinsam aufgelegten Fonds, die nun eingefroren sind. Obendrauf kommen noch weitere Beziehungen wie ein von der "Financial Times" berichtetes 160-Millionen-Dollar-Darlehen an Greensills australische Holding, um eine nicht verwirklichte Kapitalerhöhung 2020 anzuschieben. Laut Berichten aus der Schweiz führt die Credit Suisse auch Lex Greensill persönlich als Kunden ihrer Vermögensverwaltung. Getreu dem Motto "Unternehmerbank" habe CEO Thomas Gottstein die Beziehung zu Greensill protegiert  - bis es nicht mehr ging.

David Cameron

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA/ AFP

Um den Ruf fürchten muss der britische Ex-Premier David Cameron (54), der 2018 als Berater bei Greensill anheuerte - es sollte eines von wenigen, sorgfältig ausgewählten Engagements in der Wirtschaft nach dem Ende der politischen Karriere sein, doch im kleinen Kreis gab Cameron laut "Financial Times " damit an, seine Aktienoptionen von bis zu 1 Prozent an Greensill könnten ihn reich machen. Danach sieht es heute nicht aus. Greensill, von Prinz Charles für seine Verdienste um die britische Wirtschaft mit einem Komturorden ausgezeichnet, nutzte seine Nähe zur Londoner Macht weidlich. Auch in der Corona-Krise gab es Staatsaufträge, etwa um die Bezahlung von Beschäftigten im Gesundheitsdienst zu beschleunigen oder Firmenhilfen auszuzahlen.

Leon Black

Foto: Lucy Nicholson / REUTERS

Die Karriere des Gründers der Private-Equity-Gesellschaft Apollo scheint auf dem absteigenden Ast. Wegen seiner Verbindungen zu Jeffrey Epstein hat Leon Black (69) seinen Rückzug angekündigt. Noch ist er allerdings im Amt, macht mit einem neunstelligen Einkommen für 2020 von sich reden - und nun als möglicher Retter für Greensill. Zumindest profitable Teile des Geschäfts würde Apollo wohl gerne herauskaufen.

Tamaz Georgadze

Foto: Vincent Isore / imago images / IP3press

Die deutschen Privatanleger kommen mit der Firma Raisin (Weltsparen) von Tamaz Georgadze (42) ins Spiel - und dessen Wettbewerbern wie Deposit Solutions. Die Fintech-Firmen haben Anlegergeld auf der Suche nach Rendite im großen Stil in Richtung Greensill gelenkt. Raisin hat bereits erklärt, es gehe um mehrere hundert Millionen Euro. "Wir können unseren Partnerbanken nicht nach Nachrichtenlage den Geldhahn auf- und zudrehen", verteidigt Georgadze im SPIEGEL-Interview , dass er nicht auf die frühen Warnzeichen reagierte. Laut einer Aufstellung von finanz-szene.de  kommt die Greensill Bank auf Einlagen von 3,3 Milliarden Euro, gut eine Milliarde davon seien Privatanlegern zuzurechnen. Demnach ist es das größte je von der Bafin verhängte Moratorium mit Beteiligung von Privatanlegern. Wo gibt es noch hohe Zinsen? Dort, wo es auch hohes Risiko gibt.

ak
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